Nach dem Blutbad

Der Amokläufer und das Internet

Peter Glaser, veröffentlicht am 25.09.2008
Foto: dpa

Kauhajoki - Die zwei finnischen Amokläufer, die in zehn Monaten 18 Menschen getötet haben, haben sich offenbar gekannt. Es sei wahrscheinlich, dass sie über das Internet in Kontakt standen, sagen die Ermittler. Dabei gibt es im Netz gar keinen Markt für Gewalt - nur für Selbstdarsteller.


  Von Peter Glaser

 
Sucht man im Internet nach den Begriffen "Amok" und "Killer", erscheint neben Berichten zu dem finnischen Amokläufer Matti Saari auch die Empfehlungs-Website Mister Wong mit der Frage: "Sie interessieren sich für amok oder killer, smileys, smilies, emoticons, blog, green, shooter, lauf, game, strike oder ego?" Auch wenn die Suchbegriffe es suggerieren - Martialisches ist unter den Treffern nicht zu finden.

Gewaltseiten sind dünn gesät

Für Gewalt gibt es im Netz keinen Markt wie etwa für Pornografie, deshalb sind entsprechende Seiten auch dünn gesät. In den alten Medien war das Kino der Ort, an dem Gewaltfantasien gezeigt wurden; in der digitalen Welt sind es Videospiele. Über fatale Ankündigungen wie sie auch Pekka-Eric Auvinen machte, der im November 2007 in einer Schule im südfinnischen Tuusula acht Menschen und dann sich selbst erschoss, stolpert man im Internet höchstens zufällig.

Der Kampf um die Aufmerksamkeit hat im Netz allerdings schon einige Grenzen verschoben. Websites wie Liveleak.com zeigen Aufnahmen von Unfällen mitleidlos ungeschnitten; andere Sites liefern Anguck-Mutproben für Pubertierende in der Tradition von Horrorfilmen. Auf Videoplattformen wie Youtube finden sich in den Clip-Massen natürlich auch Dokumente dämlicher Jugendgewalt, etwa des "Happy Slapping": Dabei werden vor laufendem Videohandy Unbekannte geschlagen und die Bilder im Netz verbreitet.

Man setzt auf Selbstreinigung

Aber das Netzphänomen, das uns überrollt, ist nicht Gewalt. Warum haben die Folterer in Abu-Ghraib sich selbst und ihre Opfer fotografiert? Warum stellt ein Engländer ein Video auf Youtube, auf dem zu sehen ist, wie er - das Nummernschild gut zu erkennen - mit seinem Motorrad mit 150 Sachen durch ein Wohngebiet rast? Wohin führen uns die immer ungehemmteren Darbietungen? Wer bei Youtube Videos hochlädt, verpflichtet sich, keine Kriminalität, Gewalt oder Pornografie zu zeigen. Man setzt auf Selbstreinigung. Jeder Nutzer kann jedes eingestellte Video beanstanden. Es ist die schiere Menge, die Kontrolle fast unmöglich macht: Pro Minute werden mehrere Stunden Filmmaterial bei Youtube hochgeladen.

Das Netz ist ein fantastisches Podium der Selbstdarstellung. Jeder kann sich nun ohne große Umstände der Welt zeigen, und fast jeder scheint es zu wollen - auch die schwarzen Seelen. Die Bereitschaft, sich darzustellen, hat die Dimensionen eines gewaltigen sozialen Experiments angenommen. Nie war der Wunsch zu sehen und gesehen zu werden so ausgeprägt wie heute. Durch das Internet haben wacklige Handybilder nun dieselbe Wirklichkeitsmacht wie ein Fernsehbild. Manche versuchen diese Macht zu missbrauchen für eine pathetische, mörderische Geste. Ihr können wir uns nicht entziehen.
 
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