Marcus Urban

"Ich dachte: als Kicker ist man nicht schwul"

Tobias Schall, veröffentlicht am 03.11.2008
Foto: Verlag

Hamburg - Marcus Urban hat als großes Talent gegolten. Doch der 37-Jährige ist im Profifußball gescheitert. Marcus Urban ist schwul. Das nun erschienene Buch "Versteckspieler" ist seine Geschichte - eine Geschichte aus der homophoben Welt des Sports.


  Von Tobias Schall

 
Marcus Urban kann im Hamburger Stadtteil St. Georg Hand in Hand mit seinem Freund durch die Straßen gehen. Ohne, dass jemand Anstoß daran nimmt. Er will, dass dies bald nicht mehr erwähnenswert ist, weil es normal ist. Marcus Urban ist schwul. Und er war ein talentierter Fußballer. Der heute 37-Jährige ist kein großer Kicker geworden, gescheitert an dem Milieu, in dem er sich immer als Außenseiter fühlte. Sein Leben ist nun als Buch erschienen. Der StZ-Autor Ronny Blaschke hat die Geschichte aufgeschrieben, "Versteckspieler" heißt sie, - es ist Urbans Geschichte, die aus der schwulenfeindlichen Welt des Sports.

Er brüllt und foult mehr als alle anderen

Marcus Urban durchläuft in der DDR alle Jugendnationalmannschaften. Er spielt mit Namen wie Bernd Schneider, Thomas Linke und Frank Rost zusammen. Mit 19 ist er bei Rot-Weiß Erfurt auf dem Sprung in die zweite Liga. Experten bescheinigen dem kleinen Mittelfeldspieler eine große Karriere. Aber er kämpft mit sich, gegen sich. "Das Wort schwul existierte für mich nur als Schimpfwort. Ich dachte: als Fußballer ist man nicht schwul, fertig."

Nachts träumt er von Männern. Es gibt keine homosexuelle Öffentlichkeit. Niemanden, mit dem er sprechen kann. Auf dem Platz brüllt und foult er. Mehr als alle anderen. Nur nicht als weich gelten. Der Konflikt setzt ihm zu. 1991 verletzt er sich schwer, er nimmt eine Auszeit, 1994 verabschiedet er sich von seinem Traum, Profi zu werden. Das Coming-out. "Eine große Last fiel ab", sagt er heute.

Seitdem ist Marcus Urban der Vorzeigeschwule im Fußball. Mangels Alternativen. Bis heute hat sich kein aktiver Profi in Deutschland als schwul geoutet. Der Boulevard lockt mit großen Summen. Manche sollen entlarvende Fotos in der Schublade haben, die im Gegenzug für exklusive Informationen unter Verschluss gehalten werden. Der erste Schwule der Bundesliga wäre eine Attraktion. Ein Verkaufsschlager. Regelmäßig wird spekuliert, welcher Kicker schwul sein könnte. Manchmal mutet es wie eine Jagd an. Viele fragen, welcher deutsche Kicker wohl schwul ist, dabei ist fast wichtiger zu fragen, warum sich keiner traut, wo angeblich die Welt so liberal geworden ist.

Im Stadion heißt es: "Schwule Sau"

Berlin wird von einem schwulen Bürgermeister regiert (Klaus Wowereit), die FDP von einem schwulen Parteichef geführt (Guido Westerwelle), die wichtigste deutsche TV-Talkshow von einer lesbischen Moderatorin präsentiert (Anne Will). Homosexualität ist salonfähig geworden. Vordergründig. Der Paragraf 175, der Homosexualität unter Strafe gestellt hatte, wurde erst 1994 gestrichen.

Heute sind Anfeindungen weniger offen, aber verschwunden sind sie nicht. Es wird getuschelt, es werden noch immer Sprüche gemacht. Im Stadion wird geschrien: "Schwule Sau." Blut, Schweiß, Testosteron. Das ist das Bild des Fußballs. Archaisch, männlich, hart. Man nennt das Homophobie, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Ein sperriger Begriff, der Wochenende für Wochenende in den Stadien mit hässlichem Leben gefüllt wird.

Justin Fashanu war schwul. Justin Fashanu ist tot. Der englische Fußballer hat sich 1998 in einer verlassenen Autowerkstatt erhängt. Er war der erste und bisher einzige Fußballprofi, der es gewagt hat, sich öffentlich als homosexuell zu outen. Kurz zuvor wurde er der Vergewaltigung beschuldigt, in der Presse wurde er vorverurteilt. "Wenn irgendjemand diese Notiz findet, bin ich hoffentlich nicht mehr da. Schwul und eine Person des öffentlichen Lebens zu sein ist hart. Ich will sagen, dass ich den Jungen nicht vergewaltigt habe. Wenn das so ist, höre ich euch sagen, warum bin ich dann weggerannt? Nun, nicht immer ist die Justiz gerecht. Ich fühlte, dass ich wegen meiner Homosexualität kein faires Verfahren bekommen würde. Bevor ich meinen Freunden und meiner Familie weiteres Unglück zufüge, will ich lieber sterben", schrieb er in seinem Abschiedsbrief. Später wurden die Ermittlungen wegen Mangel an Beweisen eingestellt.

Ballack nennt Bierhoff "Obertucke"

Der Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack hat den DFB-Teammanager Oliver Bierhoff als "Obertucke" beschimpft, und als dem Dortmunder Torhüter Roman Weidenfeller vor einiger Zeit vorgeworfen wurde, Schalkes Gerald Asamoah als "schwarze Sau" beleidigt zu haben, wehrte sich dieser vehement. Er habe "nur schwule Sau" gesagt. Kürzlich ist Jenas Spieler Torsten Ziegner wegen des Ausdrucks "schwarze Sau" gesperrt worden, wegen "schwuler Sau" ist noch niemand aus dem Verkehr gezogen worden.

"Wo ist der Unterschied?" fragt Gunther A. Pilz. In England werden homophobe Äußerungen mittlerweile mit Stadionverboten bestraft. Gunther A. Pilz ist Deutschlands renommiertester Fanforscher. Er trägt eine Brille und einen dicken grauen Bart. Der Professor aus Hannover ist das Gewissen des Fußballs. Ein Kämpfer gegen den Hass in Stadien, gegen Rassismus, gegen Sexismus. "Sport hat etwas mit Männlichkeit zu tun, Homosexualität passt da anscheinend nicht ins Bild der Fans. Der Sport ist ein extrem schwulenfeindliches Gebilde. Wer schwul ist, gilt bei den Fans als weiblich, als schwach", sagt Pilz. Werder Bremen hat seinem Torhüter Tim Wiese 2006 untersagt, sein rosa Trikot zu tragen - um ihn vor Anfeindungen zu schützen. "Da steht ein Homo im Tor", sangen gegnerische Fans.

Justin Fashanu war ein Hoffnungsträger des englischen Fußballs. 1979 erhielt er bei Norwich City seinen ersten Profivertrag, gegen den FC Liverpool erzielte er kurz darauf einen spektakulären Treffer, der zum Tor des Jahres gewählt wurde. Bei seinem Wechsel zu Nottingham Forest kostete er als erster farbiger Spieler eine Ablösesumme von mehr einer Million Pfund. Er lebte in dieser Zeit mit einer Frau zusammen, verkehrte heimlich in der Schwulenszene.

Justin Fashanu ist ein Mahnmal geworden

Als sein Trainer Brian Clough von dem Doppelleben erfuhr, entließ er ihn. Ein paar Jahre tingelte er von Club zu Club. Ohne Lobby, ohne großen Erfolg, seine Neigung sprach sich herum, auch wenn sie noch nicht öffentlich war. Am 22. Oktober 1990 outet er sich. Es sollte eine Befreiung werden, die Last von ihm abfallen. Doch die Last der Öffentlichkeit erdrückt ihn. Sein Bruder verstößt ihn öffentlich, die Medien verspotten ihn. Der Fußball war nicht reif für Justin Fashanu. Nie wieder sollte es ein aktiver Fußballprofi wagen, sich zu outen. Justin Fashanu ist ein Mahnmal geworden. Lieber schweigen.

Marcus Urban schweigt nicht mehr. Er hofft, dass sich das Klima verändert, endlich auch im Fußball. Homosexuelle Fanclubs sind heute Teil der Fußballkultur geworden, es bessert sich. Langsam, sehr langsam. Als Philipp Lahm für das Cover eines Schwulenmagazins "Front" abgelichtet wurde, führte diese Banalität zu Diskussionen. Lahm: "Wenn ein Spieler schwul ist, ist er trotzdem mein Mannschaftskollege, und für mich würde sich im Umgang mit ihm nichts ändern." Gunther A. Pilz ist wenig optimistisch. "Man kann keinem raten, sich zu outen - die Anfeindungen wären viel zu groß."

Das Buch "Versteckspieler: Die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban" von Ronny Blaschke ist im Verlag Die Werkstatt erschienen und kostet 9,90 Euro (144 Seiten).

Am Freitag (20.15 Uhr) wiederholt das DSF die preisgekrönte Reportage "Das große Tabu - Homosexualität und Fußball".  
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