Alan Bennett

Die souveräne Leserin

Susanna Gilbert-Sättele, dpa, veröffentlicht am 11.11.2008
Foto: Verlag

Die Hunde waren Schuld. Nach einem Ausflug rennen die geliebten Vierbeiner der Queen nicht wie sonst zum Vordereingang des Buckingham-Palastes zurück, wo ein Bediensteter bereitsteht, ihnen die Tür zu öffnen. Sie rasen stattdessen zur Rückfront des Gebäudes, wo gerade der Bücherbus der Stadtteilbibliothek parkt, neben den Abfalleimern, vor einer der Küchentüren. Die Königin, den laut kläffenden Corgis hart auf den Fersen, fühlt sich bei all dem Lärm, den ihre Hunde machen, nun zutiefst verpflichtet, doch wenigstens ein Buch auszuleihen.

Mit "Die souveräne Leserin" hat Alan Bennett eine sehr vergnügliche und ironische "Liebeserklärung an die Queen und an die Literatur" vorgelegt. Gesellschaftliche Konventionen und Zwänge nimmt er mit leisem Spott aufs Korn, ebenso wie das Gehabe berühmter Schriftsteller. Mit feinem, stellenweise trockenem Humor ist ihm ein wunderbarer Appell gelungen, das Lesen zu pflegen.

Bisher hatte sich die Queen in der Geschichte nie sehr fürs Lesen interessiert. "Natürlich las sie, wie man das eben tat, aber Bücher gern lesen, das überließ sie anderen. Das war ein Hobby, und ihr Beruf brachte es mit sich, keine Hobbys zu haben. Jogging, Rosenzüchten, Schach oder Bergsteigen, Torten dekorieren, Modellflugzeuge. Nein. Hobbys bedeuteten Vorlieben, und Vorlieben mussten vermieden werden; sie schlossen bestimmte Menschen aus. Man hatte keine Vorlieben zu haben. Ihr Beruf verlangte, Interesse zu zeigen, aber keine Interessen zu haben. Und außerdem war Lesen nicht Tun. Sie war ein Mensch der Tat."

Nun aber beginnt Ihre Majestät doch, ihre königliche Nase zwischen Buchdeckel zu stecken. Zuerst liest sie nur eines, dann viele Bücher. Bei der Auswahl ihrer Lektüre lässt sich die Queen von einem ihrer Untertanen beraten, einem "karottenköpfigen Kammerdiener". Bald leiden ihre Pflichten als Staatsoberhaupt. Zu Terminen kommt sie zu spät, und auch ihre Garderobe beginnt sie ein wenig zu vernachlässigen. Dafür beherrscht sie schnell die Kunst des gleichzeitigen Lesens und Winkens aus der Staatskarosse: "Es kam nur darauf an, das Buch unterhalb der Fensterkante zu halten und sich auf die Buchstaben zu konzentrieren, nicht auf die Menschenmenge."

Während die angenehm eigenwillige und literarisch interessierte Königin dem Leser Seite um Seite mehr ans Herz wächst, ist ihre unmittelbare Umgebung "not amused" von der neuen Leidenschaft der Monarchin. Der Hofstaat, die Hunde und sogar ihr Prinzgemahl sind sich einig: Man muss etwas dagegen unternehmen. Aber die Königin wäre nicht die Königin, wenn sie nicht bis zum Ende alle Fäden in der Hand hielte ...

Gekrönt wird die fiktive Erzählung von einem dramaturgisch großartigen, überraschenden Schluss. Als Leser sollte man deshalb auf keinen Fall den Fehler machen, schon anfangs einen Blick auf das Ende der Geschichte zu riskieren! Und auch optisch ist das schmale, in rotes Leinen gebundene Erzählbändchen die helle Freude: Da linst die Queen ­ wie eine x-beliebige, neugierige Nachbarin - einfach um die Ecke.
 

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