Der schwäbische Doktor Sommer
"Wer rechts sitzt, ist schwieriger zu vermitteln"
Akiko Lachenmann, veröffentlicht am 06.06.2009
Stuttgart - Das Ehe-Institut Schnepf ist ein Fels in der Brandung. Während der ewige Bund immer brüchiger wird und der Markt für Internetkuppler floriert, hält Werner Schnepf an seinem Grundsatz fest: Die Ehe gelingt, wenn Mann und Frau aus dem selben Holz geschnitzt sind.
Nicht alle Wege führen in den Hafen der Ehe. Dieser ist gut ausgeschildert. Man begebe sich in die Charlottenstraße in der Stuttgarter Innenstadt, durchschreite einen Hintereingang sowie zwei Vorzimmer und nehme Platz im Besprechungszimmer, auf einem der zwei angebotenen Stühle. Ringsum ist alles in Brauntönen gehalten und atmet den Flair der 80er Jahre, der geraffte Vorhang über der Häkelgardine, das Mobiliar, das symbolträchtige Gemälde mit den zwei Pferden, die schwer an einer Kutsche ziehen.
Gegenüber am Schreibtisch sitzt ein älterer Herr in Anzug und Krawatte, mit getönter Brille und ergrauten Löckchen. Die gepflegten Hände liegen zusammengefaltet auf der Schreibunterlage, der Blick ist wachsam und verständig, die Haltung aufrecht, denn es geht um eine ernste Angelegenheit.
"Sie suchen eine Ehe? Ich besorge Ihnen den passenden Partner"
Werner Schnepf, Jahrgang 1931, ist ein Ehe-Vermittler der alten Schule. Einer der seinen Kunden noch tief in die Augen blickt, der sich diskret mit dem silbernen Füller Notizen macht, der auch mal heimlich eine Träne verdrückt, wenn Amors Pfeil daneben geht. Seit 35 Jahren führt das Ehe-Institut Schnepf Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und jeden Alters zusammen. Gerahmte Urkunden an der Wand zeugen von der Seriosität: 30 Jahre Mitgliedschaft beim Verband der Ehe- und Partnervermittlungen, davon war Schnepf 16 Jahre lang Präsident des Verbands. Betrachtet man das Metier als Wissenschaft, ist Schnepf eine Koryphäe.
"Was führt Sie zu mir?", ist stets die erste und schon strategische Frage. Lautet die Antwort "Ich suche einen Partner", greift Schnepf korrigierend ein. Die Antwort sollte lauten: "Ich suche eine Ehe." Erst dann ist der Experte zu Diensten, erst, wenn allem voran der Wille steht, sich ewig zu binden. "Sie suchen eine Ehe? Ich besorge Ihnen den passenden Partner", stellt Schnepf richtig. Daher bezeichne er seine Firma auch als Ehe-Institut und nicht, wie die meisten, als Partnervermittlung.
Glück ist kein Zufallsprodukt
Seinen Grundsatz erklärt Schnepf am liebsten anhand der eigenen Biographie. Schon im Sandkasten stand für ihn fest, dass er die Nachbarstochter heiraten werde. Sie war gertenschlank, schwarzhaarig, genau sein Typ. Seine Mutter warnte ihn noch ("des isch net d'richtige Frau fir di"). Die Eltern waren Handwerker, sie stammte aus einer Beamtenfamilie - er mag spontanen Besuch, sie pünktliche Mahlzeiten. Die Ehe währte dreieinhalb Jahre. Die heutige Frau an seiner Seite, blond und kurvenreich, entsprach hingegen gar nicht seinem Ideal. Eine betagte Stuttgarter Heiratsvermittlerin hatte sie ihm ans Herz gelegt. Widerwillig traf er sich mit ihr. Beim Tanz spürte er jedoch, dass sie harmonierten und sich auf wundersame Weise ergänzten. Seit 36 Jahren sind sie ein Paar.
Die Heiratsvermittlerin ging alsbald in den Ruhestand. Das war Anfang der 70er Jahre. Schnepf arbeitete damals als Personalleiter in einer Firma. Die alte Dame fragte ihn, ob er ihre Nachfolge antreten wolle, schließlich beruhe auch seine Profession auf Menschenkenntnis. Damals florierte das Ehemaklertum noch. Vier ganze Seiten belegten die Heiratsannoncen in den Samstagsausgaben der Tageszeitungen. Schnepf, der nun selbst überzeugt war, dass Glück kein Zufallsprodukt ist, trat in ihre Fußstapfen.
Wer nicht dem Ideal entspricht, darf keine zu hohen Ansprüche stellen
Es sind ungewöhnliche Fragen, die Schnepf interessieren. Wie alt war die Mutter bei der Geburt? Arbeiten Sie im Stehen oder Sitzen? Lieblingsfarbe? Er registriert, auf welchem der zwei Stühle der Kunde Platz nimmt ("Wer rechts sitzt, ist tendenziell schwieriger zu vermitteln"), studiert Gestik und Mimik. Jeder muss persönlich erscheinen. Sonst laufe es wie im Internet, so Schnepf, wo sich Frauen zwei Konfektionsgrößen kleiner und Männer zehn Zentimeter größer präsentierten.
Erst letzte Woche begegnete ihm wieder ein tragischer Fall von Selbsttäuschung, eine Akademikerin, Mitte vierzig, ledig, seit Jahren solo, die gerne alles am Telefon besprochen hätte. Als sie vor ihm saß, verstand er ihr Problem: Sie war kräftig und 1,80 Meter groß. Schonend brachte er ihr bei, dass sie nicht dem europäischen Ideal entspräche und daher nicht so hohe Ansprüche stellen dürfe.
In den ersten Jahren seiner neuen Tätigkeit war es noch üblich, dass Schnepf die Eheanwärter in seinem Büro bekannt machte, sich zwischen sie setzte, um bald darauf unter einem Vorwand den Raum zu verlassen. Überhaupt musste Schnepf die Kundschaft früher mehr an die Hand nehmen. Junge Männer, die außer der Konfirmandentracht keine weiteren Anzüge besaßen, schleppte er in die Bekleidungshäuser. Auch die Frauen beriet er bereitwillig in Schönheitsfragen.
Ohne Scham erkunden, wie sich der andere anfühlt
Heutzutage läuft die erste Verabredung auf Wunsch der Kunden ohne seine Anwesenheit ab. Trotzdem überlässt Schnepf nichts dem Zufall. Er wählt den Treffpunkt, empfiehlt Parkmöglichkeiten, Uhrzeit, Dauer, Gesprächsthemen, das weitere Vorgehen. Gewöhnlich schickt er die Paare auf einen Waldweg, auf dem sie gemeinsam ein Stück gehen sollen. Hohe Bäume sollen ihn säumen-offene Feldwege verleiten dazu, den Blick schweifen zu lassen, auch im übertragenen Sinne. Im Wald queren vielleicht Wurzeln den Weg und der Mann darf der Frau unbefangen den Arm reichen. So lässt sich ohne Scham erkunden, wie sich der andere anfühlt.
Von Kneipen rät Schnepf indes gänzlich ab. Man sei gezwungen, dem anderen ins Gesicht zu blicken und werde überdies von den anderen Gästen observiert, warnt Schnepf.
Wer sich ungeziemt verhält, fliegt aus der Kartei
Nicht alle Kunden halten sich an seine Ratschläge. Der Ehevermittler erinnert sich an einen Rentner, der das erste Treffen in seiner Wohnung abzuhalten wünschte. Er half der Dame aus dem Mantel und löste sodann den Verschluss des Büstenhalters. Die Dame war nicht länger interessiert. Schnepf verwarnte den Kunden, gab ihm aber eine zweite Chance. Der Mann konnte sich auch bei der nächsten Zusammenkunft nicht zusammenreißen - und flog aus der Kartei. Umgekehrt kam es auch schon vor, dass die Damen sich ungeziemt verhielten.
"Der Beruf ist nicht ganz ungefährlich"
Eine Gastwirtin bat Schnepf eines Tages zu sich zur Beratung, mit der Begründung, sie könne ihren Betrieb nicht verlassen. Sie führte ihn in eines der Zimmer und stieß ihn rücklings auf das frisch bezogene Doppelbett. Schnepf ergriff die Flucht. "Der Beruf ist nicht ganz ungefährlich", sagt Schnepf. Nicht nur ein Mal seien ihm vernachlässigte Damen zu Leibe gerückt.
Viel Fingerspitzengefühl benötigen Ehevermittler im Umgang mit der einsamen Kundschaft. Schnepf darf niemanden ablehnen, daran hindert ihn das Diskriminierungsgesetz. Und so kümmert er sich, trotz geringer Erfolgsaussichten, auch um Menschen mit Behinderungen, um Ältere, die in Wahrheit vor allem der Pflege bedürfen, um Kunden mit sonderlichen Wünschen, etwa die Dame, die von ihrem Anspruch auf 35 Zentimeter Gliedlänge nicht abrücken will.
Die Aufnahme in die Kartei kostet je nach Alter und Familienstand zwischen 2000 und 3000 Euro. Hinzu kommen Gebühren für jeden Partnervorschlag. Er stelle jedoch nie mehr als einen Kontakt pro Woche her, betont Schnepf. Bei zu vielen Adressaten wisse der Kunde am Ende womöglich nicht mehr, wonach er eigentlich suche. Ein Phänomen, das man in der Branche als "Dating-Burnout" bezeichnet. Besonders Frauen neigten dazu, so der Wiener Verhaltensforscher Karl Grammer, nach einer getroffenen Wahl heimlich weitere Kandidaten zu sichten. Damit wollten sie sicherstellen, dass ihrer der bessere sei. Männer testeten ohnehin gerne parallel, so Grammer. Beim Ehe-Institut Schnepf sind solche Praktiken ausgeschlossen.
Kontaktanzeigen schreiben will gelernt sein
Im Preis inbegriffen sind Zeitungsinserate, die Schnepf bei zunehmendem Mond schaltet. Die Menschen seien in dieser Phase offener für Neues, so Schnepf. Das seien Erfahrungswerte. Die Texte orientieren sich an der Evolutionspsychologie: Die Frau preist ihren Liebreiz an, der Mann seine Güterverhältnisse und Treue. Man ist "vielseitig interessiert", "jung geblieben" oder wenigstens "rüstig". In Kursen für Kontaktanzeigen stehen Formeln wie diese auf der Tabuliste. Bei Schnepf gehören sie zum bewährten Grundwortschaft.
Nach dem dritten Rendezvous ohne Ergebnis bittet der Ehevermittler meist zum Krisengespräch in sein Büro. Oft verrät ein Kunde erst dann, warum er bisher erfolglos war bei der Partnersuche. Oft sind es Probleme intimer Natur, die Größe des Geschlechts, das Stehvermögen. Schnepf hat keine Hemmungen, über das Thema Sex, das für eine gute Ehe "von höchster Relevanz" sei, offen zu sprechen. So weit geht sein berufliches Selbstverständnis, dass er konkrete Ratschläge gibt, auch mal ein Potenzmittel empfiehlt und immer wieder Martin Luther zitiert: "In der Woche zwier schadet weder ihm noch ihr."
Der schwäbische Doktor Sommer
Die 80er Jahre waren das goldene Zeitalter. 14 Niederlassungen unterhielt das Ehe-Institut Schnepf, verteilt zwischen Bad Kreuznach und der Bodenseeregion. So bekannt war sein Name, dass ihn wildfremde Menschen um Hilfe baten, etwa der adlige Gutsbesitzer, der von seiner Gattin bei der Selbstbefriedigung erwischt wurde. Selbst Schnepfs Partnerin gelang es nicht, die Frau zu beschwichtigen. "In diesem Fall half alles Reden nicht", erinnert sich Schnepf. Die Ehe scheiterte. Andere suchten ihn auf, um ihm ihre körperlichen Makel zu zeigen. Schnepf war in dieser Zeit der schwäbische Doktor Sommer.
In den 90er Jahren, als das Internet aufkam, konsolidierte sich die Branche. Der schüchterne Jungakademiker und die vielbeschäftigte Frau mit Torschlusspanik wanderten ab ins Internet. Geblieben sind tendenziell ältere Menschen und die "Notgruppen", etwa die Lehrerin mit drei Kindern, der geschiedene Pfarrer, der verwitwete Landwirt.
Auch an Schnepf ging die Entwicklung nicht spurlos vorüber. Doch waren es andere Beweggründe, warum er sich aus dem ländlichen Raum zurückzog. "Es ist ein Irrtum, zu glauben, je größer die Kartei, umso höher die Chancen auf einen Treffer", sagt Schnepf. Wichtiger sei, dass er alle seine Kunden persönlich kenne, dass er allein der Drahtzieher sei. "Bei 5000 Kunden musste ich delegieren", so Schnepf. Heute sind es ungefähr 800.
Südbadener harmonieren nicht mit Nordbadenern
Hinzu kamen die Mentalitätsunterschiede, je mehr Schnepf expandierte. Den Ausschlag, das Geschäft wieder zu regionalisieren, gab ein Obstbauer aus Kehl, der zu Schnepf sagte: "Ich bitte Sie dringlichst, geben Sie mir keine Frau vom Gebirg'." Gemeint war der angrenzende Schwarzwald. Genauso wenig harmonierten Vorderpfälzer mit Hinterpfälzern oder Südbadener mit Nordbadenern, beobachtete Schnepf. Und so schloss er eine Niederlassung nach der anderen, beließ es bei zwei Büros in Stuttgart und Heilbronn-Städte, deren Mentalitäten er zu kennen glaubt. Sein einziger Mitarbeiter ist nurmehr sein Sohn Siegfried Dürre-Schnepf.
In den Referenzen, und derer sind viele, lobt ein Manager die "Maßarbeit", ein Landwirt dankt für die "genaue Prüfung", ein Arzt für die "gelungene Leistung". Von Liebe ist seltener die Rede. "Mit diesem Begriff tue ich mich schwer", sagt Schnepf. Ziel seiner Arbeit seien intakte Ehen, auf die Liebe habe er weniger Einfluss. Theodor Storm drückte es poetischer aus: "Die Liebe, welch' lieblicher Dunst! Doch in der Ehe, da steckt die Kunst."
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Gegenüber am Schreibtisch sitzt ein älterer Herr in Anzug und Krawatte, mit getönter Brille und ergrauten Löckchen. Die gepflegten Hände liegen zusammengefaltet auf der Schreibunterlage, der Blick ist wachsam und verständig, die Haltung aufrecht, denn es geht um eine ernste Angelegenheit.
"Sie suchen eine Ehe? Ich besorge Ihnen den passenden Partner"
Werner Schnepf, Jahrgang 1931, ist ein Ehe-Vermittler der alten Schule. Einer der seinen Kunden noch tief in die Augen blickt, der sich diskret mit dem silbernen Füller Notizen macht, der auch mal heimlich eine Träne verdrückt, wenn Amors Pfeil daneben geht. Seit 35 Jahren führt das Ehe-Institut Schnepf Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und jeden Alters zusammen. Gerahmte Urkunden an der Wand zeugen von der Seriosität: 30 Jahre Mitgliedschaft beim Verband der Ehe- und Partnervermittlungen, davon war Schnepf 16 Jahre lang Präsident des Verbands. Betrachtet man das Metier als Wissenschaft, ist Schnepf eine Koryphäe.
"Was führt Sie zu mir?", ist stets die erste und schon strategische Frage. Lautet die Antwort "Ich suche einen Partner", greift Schnepf korrigierend ein. Die Antwort sollte lauten: "Ich suche eine Ehe." Erst dann ist der Experte zu Diensten, erst, wenn allem voran der Wille steht, sich ewig zu binden. "Sie suchen eine Ehe? Ich besorge Ihnen den passenden Partner", stellt Schnepf richtig. Daher bezeichne er seine Firma auch als Ehe-Institut und nicht, wie die meisten, als Partnervermittlung.
Glück ist kein Zufallsprodukt
Seinen Grundsatz erklärt Schnepf am liebsten anhand der eigenen Biographie. Schon im Sandkasten stand für ihn fest, dass er die Nachbarstochter heiraten werde. Sie war gertenschlank, schwarzhaarig, genau sein Typ. Seine Mutter warnte ihn noch ("des isch net d'richtige Frau fir di"). Die Eltern waren Handwerker, sie stammte aus einer Beamtenfamilie - er mag spontanen Besuch, sie pünktliche Mahlzeiten. Die Ehe währte dreieinhalb Jahre. Die heutige Frau an seiner Seite, blond und kurvenreich, entsprach hingegen gar nicht seinem Ideal. Eine betagte Stuttgarter Heiratsvermittlerin hatte sie ihm ans Herz gelegt. Widerwillig traf er sich mit ihr. Beim Tanz spürte er jedoch, dass sie harmonierten und sich auf wundersame Weise ergänzten. Seit 36 Jahren sind sie ein Paar.
Die Heiratsvermittlerin ging alsbald in den Ruhestand. Das war Anfang der 70er Jahre. Schnepf arbeitete damals als Personalleiter in einer Firma. Die alte Dame fragte ihn, ob er ihre Nachfolge antreten wolle, schließlich beruhe auch seine Profession auf Menschenkenntnis. Damals florierte das Ehemaklertum noch. Vier ganze Seiten belegten die Heiratsannoncen in den Samstagsausgaben der Tageszeitungen. Schnepf, der nun selbst überzeugt war, dass Glück kein Zufallsprodukt ist, trat in ihre Fußstapfen.
Wer nicht dem Ideal entspricht, darf keine zu hohen Ansprüche stellen
Es sind ungewöhnliche Fragen, die Schnepf interessieren. Wie alt war die Mutter bei der Geburt? Arbeiten Sie im Stehen oder Sitzen? Lieblingsfarbe? Er registriert, auf welchem der zwei Stühle der Kunde Platz nimmt ("Wer rechts sitzt, ist tendenziell schwieriger zu vermitteln"), studiert Gestik und Mimik. Jeder muss persönlich erscheinen. Sonst laufe es wie im Internet, so Schnepf, wo sich Frauen zwei Konfektionsgrößen kleiner und Männer zehn Zentimeter größer präsentierten.
Erst letzte Woche begegnete ihm wieder ein tragischer Fall von Selbsttäuschung, eine Akademikerin, Mitte vierzig, ledig, seit Jahren solo, die gerne alles am Telefon besprochen hätte. Als sie vor ihm saß, verstand er ihr Problem: Sie war kräftig und 1,80 Meter groß. Schonend brachte er ihr bei, dass sie nicht dem europäischen Ideal entspräche und daher nicht so hohe Ansprüche stellen dürfe.
In den ersten Jahren seiner neuen Tätigkeit war es noch üblich, dass Schnepf die Eheanwärter in seinem Büro bekannt machte, sich zwischen sie setzte, um bald darauf unter einem Vorwand den Raum zu verlassen. Überhaupt musste Schnepf die Kundschaft früher mehr an die Hand nehmen. Junge Männer, die außer der Konfirmandentracht keine weiteren Anzüge besaßen, schleppte er in die Bekleidungshäuser. Auch die Frauen beriet er bereitwillig in Schönheitsfragen.
Ohne Scham erkunden, wie sich der andere anfühlt
Heutzutage läuft die erste Verabredung auf Wunsch der Kunden ohne seine Anwesenheit ab. Trotzdem überlässt Schnepf nichts dem Zufall. Er wählt den Treffpunkt, empfiehlt Parkmöglichkeiten, Uhrzeit, Dauer, Gesprächsthemen, das weitere Vorgehen. Gewöhnlich schickt er die Paare auf einen Waldweg, auf dem sie gemeinsam ein Stück gehen sollen. Hohe Bäume sollen ihn säumen-offene Feldwege verleiten dazu, den Blick schweifen zu lassen, auch im übertragenen Sinne. Im Wald queren vielleicht Wurzeln den Weg und der Mann darf der Frau unbefangen den Arm reichen. So lässt sich ohne Scham erkunden, wie sich der andere anfühlt.
Von Kneipen rät Schnepf indes gänzlich ab. Man sei gezwungen, dem anderen ins Gesicht zu blicken und werde überdies von den anderen Gästen observiert, warnt Schnepf.
Wer sich ungeziemt verhält, fliegt aus der Kartei
Nicht alle Kunden halten sich an seine Ratschläge. Der Ehevermittler erinnert sich an einen Rentner, der das erste Treffen in seiner Wohnung abzuhalten wünschte. Er half der Dame aus dem Mantel und löste sodann den Verschluss des Büstenhalters. Die Dame war nicht länger interessiert. Schnepf verwarnte den Kunden, gab ihm aber eine zweite Chance. Der Mann konnte sich auch bei der nächsten Zusammenkunft nicht zusammenreißen - und flog aus der Kartei. Umgekehrt kam es auch schon vor, dass die Damen sich ungeziemt verhielten.
"Der Beruf ist nicht ganz ungefährlich"
Eine Gastwirtin bat Schnepf eines Tages zu sich zur Beratung, mit der Begründung, sie könne ihren Betrieb nicht verlassen. Sie führte ihn in eines der Zimmer und stieß ihn rücklings auf das frisch bezogene Doppelbett. Schnepf ergriff die Flucht. "Der Beruf ist nicht ganz ungefährlich", sagt Schnepf. Nicht nur ein Mal seien ihm vernachlässigte Damen zu Leibe gerückt.
Viel Fingerspitzengefühl benötigen Ehevermittler im Umgang mit der einsamen Kundschaft. Schnepf darf niemanden ablehnen, daran hindert ihn das Diskriminierungsgesetz. Und so kümmert er sich, trotz geringer Erfolgsaussichten, auch um Menschen mit Behinderungen, um Ältere, die in Wahrheit vor allem der Pflege bedürfen, um Kunden mit sonderlichen Wünschen, etwa die Dame, die von ihrem Anspruch auf 35 Zentimeter Gliedlänge nicht abrücken will.
Die Aufnahme in die Kartei kostet je nach Alter und Familienstand zwischen 2000 und 3000 Euro. Hinzu kommen Gebühren für jeden Partnervorschlag. Er stelle jedoch nie mehr als einen Kontakt pro Woche her, betont Schnepf. Bei zu vielen Adressaten wisse der Kunde am Ende womöglich nicht mehr, wonach er eigentlich suche. Ein Phänomen, das man in der Branche als "Dating-Burnout" bezeichnet. Besonders Frauen neigten dazu, so der Wiener Verhaltensforscher Karl Grammer, nach einer getroffenen Wahl heimlich weitere Kandidaten zu sichten. Damit wollten sie sicherstellen, dass ihrer der bessere sei. Männer testeten ohnehin gerne parallel, so Grammer. Beim Ehe-Institut Schnepf sind solche Praktiken ausgeschlossen.
Kontaktanzeigen schreiben will gelernt sein
Im Preis inbegriffen sind Zeitungsinserate, die Schnepf bei zunehmendem Mond schaltet. Die Menschen seien in dieser Phase offener für Neues, so Schnepf. Das seien Erfahrungswerte. Die Texte orientieren sich an der Evolutionspsychologie: Die Frau preist ihren Liebreiz an, der Mann seine Güterverhältnisse und Treue. Man ist "vielseitig interessiert", "jung geblieben" oder wenigstens "rüstig". In Kursen für Kontaktanzeigen stehen Formeln wie diese auf der Tabuliste. Bei Schnepf gehören sie zum bewährten Grundwortschaft.
Nach dem dritten Rendezvous ohne Ergebnis bittet der Ehevermittler meist zum Krisengespräch in sein Büro. Oft verrät ein Kunde erst dann, warum er bisher erfolglos war bei der Partnersuche. Oft sind es Probleme intimer Natur, die Größe des Geschlechts, das Stehvermögen. Schnepf hat keine Hemmungen, über das Thema Sex, das für eine gute Ehe "von höchster Relevanz" sei, offen zu sprechen. So weit geht sein berufliches Selbstverständnis, dass er konkrete Ratschläge gibt, auch mal ein Potenzmittel empfiehlt und immer wieder Martin Luther zitiert: "In der Woche zwier schadet weder ihm noch ihr."
Der schwäbische Doktor Sommer
Die 80er Jahre waren das goldene Zeitalter. 14 Niederlassungen unterhielt das Ehe-Institut Schnepf, verteilt zwischen Bad Kreuznach und der Bodenseeregion. So bekannt war sein Name, dass ihn wildfremde Menschen um Hilfe baten, etwa der adlige Gutsbesitzer, der von seiner Gattin bei der Selbstbefriedigung erwischt wurde. Selbst Schnepfs Partnerin gelang es nicht, die Frau zu beschwichtigen. "In diesem Fall half alles Reden nicht", erinnert sich Schnepf. Die Ehe scheiterte. Andere suchten ihn auf, um ihm ihre körperlichen Makel zu zeigen. Schnepf war in dieser Zeit der schwäbische Doktor Sommer.
In den 90er Jahren, als das Internet aufkam, konsolidierte sich die Branche. Der schüchterne Jungakademiker und die vielbeschäftigte Frau mit Torschlusspanik wanderten ab ins Internet. Geblieben sind tendenziell ältere Menschen und die "Notgruppen", etwa die Lehrerin mit drei Kindern, der geschiedene Pfarrer, der verwitwete Landwirt.
Auch an Schnepf ging die Entwicklung nicht spurlos vorüber. Doch waren es andere Beweggründe, warum er sich aus dem ländlichen Raum zurückzog. "Es ist ein Irrtum, zu glauben, je größer die Kartei, umso höher die Chancen auf einen Treffer", sagt Schnepf. Wichtiger sei, dass er alle seine Kunden persönlich kenne, dass er allein der Drahtzieher sei. "Bei 5000 Kunden musste ich delegieren", so Schnepf. Heute sind es ungefähr 800.
Südbadener harmonieren nicht mit Nordbadenern
Hinzu kamen die Mentalitätsunterschiede, je mehr Schnepf expandierte. Den Ausschlag, das Geschäft wieder zu regionalisieren, gab ein Obstbauer aus Kehl, der zu Schnepf sagte: "Ich bitte Sie dringlichst, geben Sie mir keine Frau vom Gebirg'." Gemeint war der angrenzende Schwarzwald. Genauso wenig harmonierten Vorderpfälzer mit Hinterpfälzern oder Südbadener mit Nordbadenern, beobachtete Schnepf. Und so schloss er eine Niederlassung nach der anderen, beließ es bei zwei Büros in Stuttgart und Heilbronn-Städte, deren Mentalitäten er zu kennen glaubt. Sein einziger Mitarbeiter ist nurmehr sein Sohn Siegfried Dürre-Schnepf.
In den Referenzen, und derer sind viele, lobt ein Manager die "Maßarbeit", ein Landwirt dankt für die "genaue Prüfung", ein Arzt für die "gelungene Leistung". Von Liebe ist seltener die Rede. "Mit diesem Begriff tue ich mich schwer", sagt Schnepf. Ziel seiner Arbeit seien intakte Ehen, auf die Liebe habe er weniger Einfluss. Theodor Storm drückte es poetischer aus: "Die Liebe, welch' lieblicher Dunst! Doch in der Ehe, da steckt die Kunst."
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