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Demeterlandwirtschaft

Homöopathie auf dem Acker

Frank Buchmeier, veröffentlicht am 18.06.2008
Christoph Simpfendörfer trennt das Unkraut per Handarbeit vom Möhringer Filderkraut. Foto: Stoppel

Stuttgart - Die biologisch-dynamische Landwirtschaft ist die radikalste Form des Ökolandbaus und Christoph Simpfendörfer einer ihrer Repräsentanten. Ein Besuch auf seinem Möhringer Demeterhof.


Kühe können in der Großstadt glücklich sein. Kein Zaun trennt die Besucher vom Milchvieh, das sich im Stall am frischen Klee ergötzt. Es stinkt nach Mist. Auf einer Holzbank sitzt der Hofherr Christoph Simpfendörfer, 49, und philosophiert. "Es ist wichtig, dass die Menschen den Tieren nicht im Zoo begegnen, sondern in der realen Welt", sagt er. Oder: "Zu einer wesensgemäßen Haltung gehört, dass es eine Kuh-Kalb-Beziehung gibt." In der konventionellen Landwirtschaft wird der Nachwuchs gleich nach der Geburt von der Mutter getrennt, und die EU-Verordnung für Biomilch schreibt lediglich vor, dass die Kälber vier Wochen gesäugt werden müssen. Simpfendörfer lässt sie drei Monate am Euter.

Bundesweit gibt es 1400 Demeterbetriebe

Demeterbauern denken anders, und sie handeln anders. Ihr Manifest ist der "Landwirtschaftliche Kurs". 1924, ein Jahr vor seinem Tod, hat Rudolf Steiner unter diesem Titel eine Vortragsreihe abgehalten, die Aufzeichnungen bilden bis heute die Arbeitsgrundlage für die republikweit 1400 Demeterbetriebe. Der Begründer der Anthroposophie war mit seiner ökologischen Ausrichtung seiner Zeit voraus. Was bundesdeutsche Politiker erst nach BSE, Schweinepest und Vogelgrippe unter dem Schlagwort "Agrarwende" forderten, verankerte Steiner 80 Jahre zuvor in den Köpfen seiner Anhänger: bei der Nahrungserzeugung mit der Schöpfung arbeiten statt gegen sie. Biodynamik taufte der Vordenker seine landwirtschaftliche Lehre, eine Mischung aus Naturwissenschaft, Gottesweisheit, Idealismus und Esoterik.

Steiner erklärte seinen Jüngern etwa, dass die Aussaat vor Vollmond besonders strotzende Wurzeln hervorbringe. Manchem Agrarwissenschaftler schwillt angesichts solcher Thesen der Kamm, und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" beklagt in ihrem Politikteil den "anthroposophischen Okkultismus". Demetergemüse als Teufelszeug.

Christoph Simpfendörfer passt schlecht in dieses düstere Bild. Sein Großvater Wilhelm war in den 50er Jahren baden-württembergischer Kultusminister und später Ehrenvorsitzender der CDU, sein Vater Werner war Studienleiter der evangelischen Akademie Bad Boll und Mitglied des Ökumenischen Rats der Kirchen in Genf. Als Christoph Simpfendörfer während des Zivildienstes auf der Jugendfarm im Stuttgarter Elsental erstmals mit Anthroposophen in Kontakt kam, konnte er mit deren Überzeugungen nichts anfangen. Rückblickend erklärt er sich das damit, dass er ein "naturwissenschaftlich-materialistisch verbildetes Stadtkind" gewesen sei.

Alternative pilgerten in den 80ern zum Reyerhof

Erst sein Schwiegervater Karl Reyer ebnete ihm den Weg in spirituelle Sphären. Mitte der 50er Jahre, als andere Bauern ihre Felder in Spritzmitteln und Kunstdünger ertränkten, schloss sich der naturverbundene Reyer dem Demeterverband an und stellte seinen Betrieb auf biologisch-dynamische Landwirtschaft um. Damals redete in Möhringen noch kein Mensch von Ökologie, dafür schimpfte man umso lauter über den Überzeugungstäter Reyer, auf dessen Feldern nicht nur Filderkraut, sondern auch Unkraut wuchs. Erst als in den 80ern plötzlich grüne Politik, Hirsemüsli und Birkenstocksandalen angesagt waren, wurde der schadstofffreie Reyerhof zur Pilgerstätte der Alternativen auf ihrer Suche nach artgerechter Nahrung.

Christoph Simpfendörfer kam als Praktikant - und heiratete wenig später die Tochter des Hofherrn, Dorothea Reyer. 1986 übernahm das Ehepaar den Betrieb. Seither treibt auch Simpfendörfer seltsame Dinge. Er verbuddelt beispielsweise Kuhhörner im Acker, gefüllt mit zerriebenen Quarzkristallen. Nach ein paar Monaten Lagerzeit gräbt er die Hörner wieder aus und kratzt deren Inhalt sorgfältig heraus. Winzige Mengen davon verrührt Simpfendörfer mit Wasser, das er wiederum als feinen Sprühregen auf seine Felder ausbringt. Auf diese Weise soll kosmische Kraft übertragen werden. Zudem werden dem Kompost Heilpflanzenpräparate zugesetzt, um deren "urwüchsige Kraftquellen" nutzbar zu machen. Laut dem Erfinder der Methode, Rudolf Steiner, reichen beim Kieselpräparat Portionen von ein bis zwei Gramm für die Behandlung von 3000 Quadratmetern aus. Homöopathie für den Acker.

Spezialtherapie für Getreide und Gemüse

Simpfendörfer ist überzeugt, dass der Zauber wirkt. Er erzählt von Versuchsreihen in der Schweiz, die das bewiesen hätten. Rings um seinen Getreideacker verlaufen viel befahrene Straßen, aber der Anthroposoph glaubt, dass die Umweltverschmutzung seinen Pflanzen nicht viel anhaben kann. Simpfendörfer spricht von Abwehrkräften, die Getreide und Gemüse durch die Spezialtherapie entwickeln würden. Rational lässt sich das nicht nachvollziehen, aber darauf legen die Demeterbauern auch keinen Wert. "Wenn man Antworten auf die wesentlichen Fragen sucht, findet man die nicht in stofflichen Dingen, sondern nur in anderen Dimensionen", sagt Simpfendörfer.

Man könnte über diese ökoesoterische Rhetorik spotten. Man kann aber auch, ohne das anthroposophische Weltbild zu teilen, zu dem Schluss kommen: Was die Demeterbauern auf ihren Feldern und in ihren Ställen treiben, schadet niemandem. Sie benutzen keine Pflanzengifte und keine Kunstdünger, keine Pharmacocktails und keine Wachstumshormone. Sie gehören zu den Pionieren der grünen Bewegung und kämpfen nach wie vor wacker gegen die Auswüchse des Einzelhandels: Verpackungsflut, Preiskämpfe, Rationalisierungen, Einkauf in Billiglohnländern.

Der Hofladen läuft gut

Freilich kann sich auch Christoph Simpfendörfer dem Zeitgeist nicht vollständig verweigern. Mit seinen 35 Hektar Land, verteilt auf 40 verschiedene Äcker rings um Möhringen, lässt sich kaum etwas verdienen. Für den Lebensunterhalt sorgt ein Hofladen. Was dort verkauft wird, stammt zu 15 Prozent aus eigener Produktion, der Rest wird beim Großhändler zugekauft. Simpfendörfers Qualitätsstandards sind hoch, seine Preise auch. Premium-Bio. Manche Kunden kommen nicht mit dem Hollandrad, sondern mit dem Geländewagen. Es sind die so genannten Lohas (Lifestyle of Health and Sustainability), die das Geld in die Kasse bringen. Kinderreiche können sich selten Demeterprodukte leisten.

Ob diese Entwicklung dem Vermächtnis von Rudolf Steiner entspricht, der eine "Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben" forderte? Die anthroposophischen Landwirte, allesamt ausgeprägte Individualisten, führen über solche Fragen heiße Diskussionen. Und Simpfendörfer hat als Aufsichtsratsvorsitzender des Demeterverbandes die Aufgabe, wie er sagt, "harmonierend-integrierend zu wirken". Soll es homogenisierte Demetermilch geben? Antwort: nein. Oder Demetertiefkühlkost? Antwort: ja. Dürfen Demeterbauern den Einzelhandelsriesen Edeka beliefern? Antwort: je nachdem. Christoph Simpfendörfer gehört eher zu den Reformern als zu den Traditionalisten. Bei der Aussaat, erzählt er, sei ihm das Wetter wichtiger als die Himmelsgestirne. Damit ignoriert er die Prospektpoesie seines Verbandes: "Möhren mögen den Mond."

Der Reyerhof (Stuttgart-Möhringen, Unteraicher Straße8) bietet am Sonntag, 22. Juni, um 13.30 Uhr einen Feldrundgang für Erwachsene und parallel dazu ein Kinderprogramm.


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