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Interview mit Louis Begley

Ein Anwalt für die Opfer von Guantánamo

Fragen von Tim Schleider, veröffentlicht am 19.06.2009
"Es muss reichen, dass ein Opfer ein Opfer ist, damit wir Partei für es ergreifen": der Schriftsteller Louis Begley bei seinem Besuch in dieser Woche in Stuttgart Foto: Zweygarth

Stuttgart - Er reist gerade kreuz und quer durch Deutschland und stellt sein neues Werk vor. Im Sachbuch "Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte" (Suhrkamp) schildert der Bestsellerautor Louis Begley (75), wie im Frankreich des Jahres 1894 ein jüdischer Offizier durch Verleumdung zum Justizopfer wird. Doch Begley will mehr als alte Geschichten erzählen. Er zieht darin eine Parallele zu den USA der Ära Bush.


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Herr Begley, Ihr neues Buch hat im Deutschen einen ellenlangen Titel. Im amerikanischen Original heißt es einfach: "Why the Dreyfus Affair Matters". Hatten Sie Angst, dass Ihre deutschen Leser nicht von allein bemerken, um was es Ihnen geht?


Ach, das hat sich Suhrkamp so ausgedacht. Ich kümmere mich nicht groß um Titel. Ich glaube, den Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Buch macht der Text aus, nicht der Titel. Nehmen Sie "Anna Karenina". Ist das etwa ein toller Titel? Aber der Roman ist zweifellos richtig gelungen. Oder "Madame Bovary". Eigentlich auch ein schlechter Titel. Wie würden Sie übrigens denn "Why the Dreyfus Affair Matters" übersetzen?

Hmm. "Warum", äh, "die Affäre Dreyfus", äh, "uns heute betrifft...", hmm, "... uns was zu sagen hat..."


Sehen Sie! (Und Begley fügt auf Deutsch hinzu, ganz langsam:) Das geht nicht gut.

Jedenfalls haben Sie ein Vorwort voller Emphase geschrieben, im Januar, am Tag nach der Amtseinführung von Barack Obama. Voller Hoffnung nämlich, der neue US-Präsident möge recht bald mit den Menschenrechtsverletzungen in Guantánamo und anderswo in der Welt Schluss machen. Hat Obama in der Zwischenzeit alles richtig gemacht?


Ich war der Meinung und ich bleibe bei meiner Meinung: Barack Obama zeigt sich uns als Staatsmann von ganz außerordentlichem Format, als politisches Talent mit enormen Fähigkeiten. Die Herausforderungen, vor denen er steht, würden die allermeisten von uns völlig lähmen. Die Wirtschaftskrise, die opferreichen Militäreinsätze in aller Welt, die Menschenrechtsverletzungen, unsere völlig am Boden liegende Gesundheitsversorgung - das alles war ja bei Obamas Wahl schon bekannt. Aber was ist inzwischen noch alles neu hinzugekommen, beispielsweise die Entwicklungen in Nordkorea! Nein, wirklich, ich staune, mit welch berückendem Mut unser Präsident all diese Aufgaben angeht, und fühle mich als US-Bürger gut aufgehoben.

Dennoch gab es jüngst Kritik von amerikanischen Bürgerrechtlern, weil sich Obama geweigert hat, neue, die Behörden belastende Fotografien aus den Gefangenenlagern zu veröffentlichen.


Ich kann sehr wohl den Impuls der Medien, der Journalisten verstehen, die darauf dringen, solche Dokumente der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das ist ihre Rolle und ihre Aufgabe. Aber ich kann auch die Gedanken und Argumente Obamas nachvollziehen. In diesen dann erstmals zu veröffentlichenden Bildern hätte eine Dynamik, eine Kraft gesteckt, die schnell zu einer Gefahr hätte werden, die Reaktionen hätte hervorrufen können. Ich glaube im Übrigen nicht, dass diese Bilder irgendetwas zeigen oder gesagt hätten, was uns zum Thema Menschenrechte und Guantánamo nicht ohnehin schon längst klar ist. Zu diesem Thema sind eigentlich alle wichtigen Fakten klar.

Aber hat Obama damit nicht vor den Konservativen, den Rechten in Ihrem Land klein beigegeben? Er wollte doch eindeutig mit deren früherer Lügenpolitik brechen. So hat er es jedenfalls bei seiner Amtseinführung versprochen.


Ich sehe das anders. Sie müssen in Betracht ziehen, dass unser Land zurzeit völlig radikalisiert und geteilt ist. Die politisch so dramatisch unterlegenen Republikaner sind gerade auf eine höchst gefährliche Art völlig außer Kontrolle. Bei den Demokraten hat es Obama nicht nur mit Unterstützern zu tun, sondern auch mit einem starken konservativen Block. Die Menschen sind hin- und hergerissen in ihren Gefühlen und Ängsten. Und es ist Obamas Aufgabe, dieses Land zu führen, es nicht auseinanderfallen zu lassen. Sein Vorgänger hat das Land gespalten, Obama muss es wieder einen. Und wie nebenbei muss er noch diese gewaltigen Probleme lösen, von denen ich eben sprach.

Dennoch: ist Obama seinen Prinzipien untreu geworden?


Ich glaube, der amerikanische Präsident ist viel weniger der Überzeugungstäter, als den manche Beobachter ihn am liebsten sehen. Er ist ein Pragmatiker mit festen, klaren Zielen. Aber er ist kein Staatsanwalt.

Als klares Ziel hat er beispielsweise formuliert, das Gefangenenlager in Guantánamo in absehbarer Zeit zu schließen.


So ist es. Und das heißt übrigens nicht, dass alle Gefangenen dort automatisch freikommen. Wir müssen sehr wohl davon ausgehen, dass dort auch Menschen einsitzen, die tatsächlich früher als Terroristen gekämpft haben. Aber es ist völlig unakzeptabel und eine schwere Menschenrechtsverletzung, wenn diese Menschen jahrelang ohne ordentlichen Prozess bleiben oder in ihren Verhören Methoden der Folter erleiden. Ebenso verwerflich ist es, wenn völlig unschuldige Menschen so lang gefangen gehalten werden. Diese Ungerechtigkeit muss aufhören. Das hat Obama versprochen, das muss er natürlich halten.

Sie sagen selbst, dass in Guantánamo vermutlich auch Menschen inhaftiert sind, die tatsächlich Terroristen sind. Was ist so schlimm daran, wenn derart Schuldige, die Verbrechen begangen haben, nun ihrerseits womöglich ungerecht behandelt werden.


Ja, sehen Sie, genau das ist meine tiefe Überzeugung, meine Moral: Es ist viel schlimmer und verwerflicher, wenn ein Unschuldiger Ungerechtigkeit erleidet, als wenn ein Schuldiger womöglich unbestraft bleibt. Der Schaden für eine Gesellschaft, für unser Zusammenleben ist im ersten Fall weitaus größer als im zweiten. Ich weiß, dass nicht alle diese Auffassung teilen. Gerade nicht in den USA.

Gehört zur neuen Gerechtigkeit nicht auch, jene politisch Verantwortlichen vor Gericht zu stellen, die solche Verhältnisse befohlen haben?


Wenn Sie mich fragen, ob ich es ertragen, ob ich damit leben könnte, dass ein Exvizepräsident Cheney oder ein Exverteidigungsminister Rumsfeld nicht für seine Taten belangt wird, dann antworte ich Ihnen: Ja, ich könnte damit leben. Das überrascht Sie jetzt sicherlich.

Ist nicht umfassende Gerechtigkeit notwendig, um in einer Gesellschaft wieder Frieden zu erlangen?


Nein. Politisch betrachtet kann eine solche umfassende Gerechtigkeit den Frieden sogar stören. Die Ungerechtigkeit muss aufhören, das Unrecht muss beendet werden - das ist das Entscheidende, da gibt es kein Vertun. Dann aber beginnt das politische Abwägen. Ich erinnere an den US-Präsidenten Gerald Ford, der 1974 eine Begnadigung für seinen Vorgänger Richard Nixon aussprach, der wiederum schwere Wahlmanipulation begangen hatte. Eine solche Begnadigung ist keine Billigung von Straftaten. Sie versucht, den gesellschaftlichen Frieden zu fördern.

Ist der unschuldig Verfolgte ein Held?


Absolut nein. Er ist ein Opfer. Es ist ja bezeichnend, dass viele, die in Frankreich vehement für die Rechte des verbannten Dreyfus eintraten, ganz enttäuscht waren, als sie diesen nach seiner Rückkehr 1899 das erste Mal leibhaftig erlebten. Er war weder ein Tristan noch ein Siegfried. Er kam zu seinem Wiederaufnahmeverfahren, aber er trug dort nicht mit sonorer Stimme eine große Rede über Wahrheit und Gerechtigkeit vor. Seine Stimme war blechern, kläglich. Er machte sich durch Fehler schnell unbeliebt. Aber wie schon der Dichter Charles Péguy damals zu Recht sagte: "Ich weiß nicht, was sie von ihm wollen. Weil er zu Unrecht verurteilt wurde, verlangt man alles von ihm, erwartet, dass er alle Tugenden besitzt. Er ist unschuldig; das ist schon viel."

Die Menschen ergreifen lieber Partei für Helden als für Opfer.


Es muss reichen, dass ein Opfer ein Opfer ist, damit wir Partei für es ergreifen. Sehen Sie, ich bewundere diesen Alfred Dreyfus. Dass er unter den grauenhaften Bedingungen seiner Isolationshaft auf der Todesinsel nicht den Mut und den Verstand verloren hat, das ist staunenswert. Aber es ist keine Tat, die ihn zum Helden erhebt.

Lehrt uns Ihr Buch über die Affäre Dreyfus, lehrt uns Guantánamo, dass wir gegenüber den Instanzen von Politik und Militär mehr Misstrauen zeigen müssen?


Wir leben in einem Zeitalter des Skeptizismus. Und dieser Skeptizismus ist gesund. Aber furchtbar ist es um eine Gesellschaft bestellt, die nur auf Skeptizismus beruht. Wir brauchen auch Vertrauen. Diese beiden müssen in Balance sein. Sonst ist auf Dauer kein soziales Miteinander möglich.

Herr Begley, die "Affäre Dreyfus" ist ein spannendes Sachbuch. Aber wann schreiben Sie denn nun wieder...


...einen richtigen Roman? Es war ja klar, dass Sie diese Frage noch stellen würden. Die bekomme ich gerade in fast jedem Interview vorgesetzt. Aber, Leute, ich weiß es einfach nicht. Wenn es um meine Bücher geht, müsst ihr abwarten, was geschieht!

Ehrlich, wir tun das doch gern!


Tja, da bin ich mal ganz allein der Boss.


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