Gladiatorenkämpfe wie im antiken Circus maximus
Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 24.06.2009
Heute würde sie nicht mehr nach Klagenfurt fahren. Nein, auf keinen Fall, ihr Bedarf an Demütigungen ist gedeckt, ganz abgesehen davon, dass sie die Reise an den Wörthersee, wo sich unbekannte Autoren der Öffentlichkeit vorstellen, heute auch gar nicht mehr nötig hätte. Anna Katharina Hahn hat sich mittlerweile auf dem Buchmarkt durchgesetzt und betrachtet das Schaulaufen beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb deshalb nur noch im Fernsehen. "Was sollte ich dort noch?", fragt sie mit der Gelassenheit einer Veteranin, "ich hätte nichts mehr zu gewinnen, höchstens etwas zu verlieren."
Damals aber, als sie zum Wettlesen ging, war das anders. Da hätte sie schon noch was für ihre Karriere tun können. Außerhalb kleiner literarischer Zirkel kannte kaum jemand die 1970 in Ruit bei Stuttgart geborene Autorin. In der Branche war sie ein Nobody, bis dahin hatte sie nur einen schmalen Erzählband vorgelegt, "Sommerloch". Und ein Nobody blieb Hahn im Grunde bis zu diesem Frühjahr. Dann aber erschien ihr Romandebüt "Kürzere Tage" und machte sie auf einen Schlag berühmt: Mit ihren präzisen Momentaufnahmen einer brüchigen Mittelschicht hat sie Leser und Kritiker gleichermaßen begeistert, in Rezensionen wird sie mittlerweile als unbestechliche Chronistin des deutschen Alltags hymnisch gefeiert. Dass die 39-jährige Hahn nach diesem Überraschungserfolg beim diesjährigen Klagenfurter Autorencasting also nichts mehr zu gewinnen hätte, versteht sich von selbst. Aber damals . . .
"Wann waren Sie eigentlich in Klagenfurt eingeladen?"
"Oh je, ich glaube, das war . . . - wann war das bloß?"
So recht kann und will sich die im Stuttgarter Süden lebende Hahn nicht mehr an ihren Auftritt erinnern. "Ich wurde ziemlich abgebürstet", gesteht sie, "das verdrängt man gern. Aber schön war es nicht, was mir die Jury an den Kopf geworfen hat." Punkt. Mehr kann und will sie dazu nicht sagen, weshalb man gezwungen ist, doch kurz das Archiv zu bemühen. Bei einem früheren Treffen war Hahns Erinnerung noch frischer. Damals gab sie auch zu Protokoll, mit welchem Schmähbegriff ihre Erzählung "Kavaliersdelikt" belegt wurde: mit "Germanistenprosa!" - und wer Klagenfurt kennt, weiß: "Germanistenprosa" kommt einer Hinrichtung gleich.
Um dem Gedächtnis doch noch auf die Sprünge zu helfen, wühlt sich Hahn in ihrer Jugendstilwohnung durch alte Unterlagen. Voilà! Da ist sie, die Literaturzeitschrift, die im Jahr ihres Bachmann-Gastspiels erschienen ist. Hahn war 2004 beim Wettbewerb, den damals Uwe Tellkamp gewonnen hat, was insoweit in Ordnung geht, als Tellkamp schreiben kann und im vergangenen Jahr für seinen barock ausladenden Wenderoman "Turm" auch den Deutschen Buchpreis bekommen hat. Neben Hahn und Tellkamp nahmen damals aber noch sechzehn andere Schriftsteller an der (eben zusammen mit dem Buchpreis) wohl medienwirksamsten Veranstaltung des deutschsprachigen Literaturbetriebs teil. Juli Zeh war beispielsweise da, Richard David Precht und Arno Geiger.
Diese Namen nennt Hahn mit spürbarer Genugtuung. Alle drei Autoren nämlich hätten danach tolle Bücher geschrieben, alle drei wären aber von der Jury genauso kaltschnäuzig abgefertigt worden wie sie selbst. "Ob ein Text in Klagenfurt das Rennen macht oder nicht, sagt doch nichts über seine Qualität aus", meint Hahn. Klar, ihre Einschätzung sei von einer gewissen Ernüchterung geprägt, fügt sie hinzu, schließlich gehörte sie zu den Verliererinnen: "Aber die Frage, ob ein Wettlesen mit Gold- und Silbermedaillen dem Wesen der Literatur entspricht, dieser Vielfalt der Stimmen, diese Frage darf schon gestellt werden."
Dass sie vor fünf Jahren trotzdem an der Konkurrenz teilgenommen hat, bereut sie freilich nicht. Sie hatte ja, wie gesagt, nichts zu verlieren, als sie auf Vorschlag der Kritikerin Ursula März an den Wörthersee gerufen wurde. Und sie ahnte auch, in welchem "Circus maximus" sie da auftreten würde, schließlich hatte sie seit den neunziger Jahren, als sie in Hamburg studierte, die "Gladiatorenkämpfe" mit großer Begeisterung im Fernsehen verfolgt. Weinende und wütende Autoren einerseits, aufgeblasene und verschwätzte Juroren andererseits, die mit Lust die Klinge kreuzen - das ist für Anna Katharina Hahn noch immer auch großes Gefühlskino.
Nur eine Warnung möchte sie loswerden. Für Jungautoren könne Klagenfurt ein Sprungbrett sein, zweifellos, aber ihnen müsse klar sein, welchen Gefährdungen sie sich aussetzten: "Abends ins Bier zu weinen, wenn man verrissen wird, ist naiv. Klagenfurt darf dich nicht kleinkriegen."
Damals aber, als sie zum Wettlesen ging, war das anders. Da hätte sie schon noch was für ihre Karriere tun können. Außerhalb kleiner literarischer Zirkel kannte kaum jemand die 1970 in Ruit bei Stuttgart geborene Autorin. In der Branche war sie ein Nobody, bis dahin hatte sie nur einen schmalen Erzählband vorgelegt, "Sommerloch". Und ein Nobody blieb Hahn im Grunde bis zu diesem Frühjahr. Dann aber erschien ihr Romandebüt "Kürzere Tage" und machte sie auf einen Schlag berühmt: Mit ihren präzisen Momentaufnahmen einer brüchigen Mittelschicht hat sie Leser und Kritiker gleichermaßen begeistert, in Rezensionen wird sie mittlerweile als unbestechliche Chronistin des deutschen Alltags hymnisch gefeiert. Dass die 39-jährige Hahn nach diesem Überraschungserfolg beim diesjährigen Klagenfurter Autorencasting also nichts mehr zu gewinnen hätte, versteht sich von selbst. Aber damals . . .
"Wann waren Sie eigentlich in Klagenfurt eingeladen?"
"Oh je, ich glaube, das war . . . - wann war das bloß?"
So recht kann und will sich die im Stuttgarter Süden lebende Hahn nicht mehr an ihren Auftritt erinnern. "Ich wurde ziemlich abgebürstet", gesteht sie, "das verdrängt man gern. Aber schön war es nicht, was mir die Jury an den Kopf geworfen hat." Punkt. Mehr kann und will sie dazu nicht sagen, weshalb man gezwungen ist, doch kurz das Archiv zu bemühen. Bei einem früheren Treffen war Hahns Erinnerung noch frischer. Damals gab sie auch zu Protokoll, mit welchem Schmähbegriff ihre Erzählung "Kavaliersdelikt" belegt wurde: mit "Germanistenprosa!" - und wer Klagenfurt kennt, weiß: "Germanistenprosa" kommt einer Hinrichtung gleich.
Um dem Gedächtnis doch noch auf die Sprünge zu helfen, wühlt sich Hahn in ihrer Jugendstilwohnung durch alte Unterlagen. Voilà! Da ist sie, die Literaturzeitschrift, die im Jahr ihres Bachmann-Gastspiels erschienen ist. Hahn war 2004 beim Wettbewerb, den damals Uwe Tellkamp gewonnen hat, was insoweit in Ordnung geht, als Tellkamp schreiben kann und im vergangenen Jahr für seinen barock ausladenden Wenderoman "Turm" auch den Deutschen Buchpreis bekommen hat. Neben Hahn und Tellkamp nahmen damals aber noch sechzehn andere Schriftsteller an der (eben zusammen mit dem Buchpreis) wohl medienwirksamsten Veranstaltung des deutschsprachigen Literaturbetriebs teil. Juli Zeh war beispielsweise da, Richard David Precht und Arno Geiger.
Diese Namen nennt Hahn mit spürbarer Genugtuung. Alle drei Autoren nämlich hätten danach tolle Bücher geschrieben, alle drei wären aber von der Jury genauso kaltschnäuzig abgefertigt worden wie sie selbst. "Ob ein Text in Klagenfurt das Rennen macht oder nicht, sagt doch nichts über seine Qualität aus", meint Hahn. Klar, ihre Einschätzung sei von einer gewissen Ernüchterung geprägt, fügt sie hinzu, schließlich gehörte sie zu den Verliererinnen: "Aber die Frage, ob ein Wettlesen mit Gold- und Silbermedaillen dem Wesen der Literatur entspricht, dieser Vielfalt der Stimmen, diese Frage darf schon gestellt werden."
Dass sie vor fünf Jahren trotzdem an der Konkurrenz teilgenommen hat, bereut sie freilich nicht. Sie hatte ja, wie gesagt, nichts zu verlieren, als sie auf Vorschlag der Kritikerin Ursula März an den Wörthersee gerufen wurde. Und sie ahnte auch, in welchem "Circus maximus" sie da auftreten würde, schließlich hatte sie seit den neunziger Jahren, als sie in Hamburg studierte, die "Gladiatorenkämpfe" mit großer Begeisterung im Fernsehen verfolgt. Weinende und wütende Autoren einerseits, aufgeblasene und verschwätzte Juroren andererseits, die mit Lust die Klinge kreuzen - das ist für Anna Katharina Hahn noch immer auch großes Gefühlskino.
Nur eine Warnung möchte sie loswerden. Für Jungautoren könne Klagenfurt ein Sprungbrett sein, zweifellos, aber ihnen müsse klar sein, welchen Gefährdungen sie sich aussetzten: "Abends ins Bier zu weinen, wenn man verrissen wird, ist naiv. Klagenfurt darf dich nicht kleinkriegen."
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