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"Ein Porsche-Krimi wäre ein ziemlich langweiliges Buch"

Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 26.06.2009

Sind maßlose Manager und Machtkämpfe in Unternehmen Themen für die Literatur? Ein Gespräch der Stuttgarter Krimiautoren Heinrich Steinfest und Wolfgang Schorlau über den Mangel an Moral in der Marktwirtschaft.

Wolfgang Schorlau, heraus mit der Sprache: Wann erscheint Ihr Porsche-Krimi?

Schorlau Also, ich sitze gerade am letzten Kapitel, und das heißt . . . nein, ich muss ja ernsthaft antworten, nicht?

Ja, bitte.

Schorlau Ich schreibe keinen Porsche-Krimi.

Warum nicht?

Schorlau Weil das Thema zu virulent ist. Bis das Buch gedruckt ist, wäre es wahrscheinlich bereits überholt. Aber der Hauptgrund ist, dass die beteiligten Figuren nicht literaturfähig sind. Da müsste man ja einen Roman schreiben, in dem lauter Bösewichte auftreten. Und, was auffällt: es spielt keine einzige Frau mit. Das würde ein langweiliges Buch.

Da wäre vielleicht Arcandor oder Schaeffler ergiebiger . . . Heinrich Steinfest, in Ihrem jüngsten Roman "Mariaschwarz" spielt zwar ein BMW M 1 eine nicht unwichtige Rolle, aber dass Sie Vorgänge in Autoindustrie oder Bankengewerbe thematisieren, darauf können wir wohl lange warten, oder?

Steinfest Mein Interesse gilt ja dem Abstrusen und Grotesken in der Welt, und beides ist in diesen Konzernen massiv vorhanden. Mich beschäftigen freilich nicht bestimmte Firmen, sondern die Strukturen, die Strukturen von Macht, auch die Frage, inwieweit solche Unternehmen ein Eigenleben in unserer Gesellschaft führen. Ich habe den Eindruck, dass sie in einer völlig losgelösten Weise existieren. Ich beobachte das - und fühle mich eher an einen verschlüsselten, horriblen, assoziativen Film von David Lynch erinnert als an das, was ich in der Schule als doppelte Buchführung kennengelernt habe. Die Wirtschaft stellt sich gerne sehr sachlich dar, und ich sehe immer diese surreal anmutenden Geschehnisse.

Wolfgang Schorlau, haben Sie auch den Eindruck, dass dieser saubere Vorhang vor den unsauberen Geschäften im Verlauf des letzten Jahres durchsichtiger geworden ist?

Schorlau Vielleicht. Was mich interessiert, ist das große Drama - und Stoff für einen großen Roman ist, dass mächtige Konzerne offenbar eher zugrunde gehen als das Richtige zu tun. Seit mehr als fünfzehn Jahren weiß man, dass die Zukunft des Automobils nicht in den vorsintflutlichen, benzinfressenden Kisten liegen kann, die heute die Städte verpesten. Trotzdem rollen sie immer noch vom Band. General Motors ging eher pleite, als dass sie die Produktion umstellten. Derweil wird nun das Auto neu erfunden: nicht in Stuttgart, nicht in Weissach, sondern in Kalifornien, dem Staat mit der strengsten Umweltgesetzgebung.

Auch jenseits insolventer Autobauer hat seit einem Jahr das Wort "Krise" Konjunktur. Was bedeutet der Begriff für Sie?

Steinfest Er bedeutet nicht das, als was er im Moment dargestellt wird, nämlich eine Art von Betriebsunfall. Doch nichts passiert plötzlich, vielmehr laufen die Dinge schon lange in diese Richtung. Die Maßlosigkeit musste folgerichtig zu einem schlechten Ende führen. Tragisch wäre nur, wenn wir den Virus nicht als Virus begreifen und meinen, wir können uns da mit ein paar warmen Umschlägen drüberschwindeln.

Ist die Krise also das Symptom einer Krankheit, die einen anderen Namen hat? Beispielsweise kapitalistisches Wirtschaftssystem?

Steinfest In der Tat. Das sollte man jetzt diskutieren. Kapitalismuskritik bedeutet nämlich nicht per se Demokratiekritik, wie gerne suggeriert wird. Die Kapitalisten dekorieren sich mit Demokratie, aber ihre Handlungsweisen der letzten Jahrzehnte sind zutiefst undemokratisch. Dazu kommt ein Staat, der seine Kontrollmechanismen vernachlässigt. Ich habe als Krimiautor durchaus Verständnis für Leute, die sich schamlos bereichern; für den Krimiautor ist es ja wichtig, dass bestimmte Figuren sich monströs und inhuman verhalten, aber als Mensch in der Gesellschaft empfinde ich es als dramatisch und tragisch, wenn diese Leute nicht kontrolliert werden, und man sodann Gewinne privatisiert und Verluste verstaatlicht. Das ist fatal.

Schorlau Jetzt sagt man, diese Krise sei historisch, zugleich soll sie im nächsten Jahr schon wieder vorbei sein. Das ist eine große Lüge. Es wird viel zu wenig erörtert, ob diese Krise nicht das Ende des Wachstums anzeigt. Was mich auch erschüttert, ist, mit welcher Willfährigkeit den Banken das Geld nachgeworfen wurde, obwohl die einfach die niedrigsten Instinkte nicht beherrscht haben - die Gier, zum Beispiel. Gleichzeitig müssen Erzieherinnen wegen ein paar Euro in den Ausstand treten, obwohl deren Arbeit für die Gesellschaft wesentlich nützlicher ist als die von Bankern, die ja nur eine leicht zu erlernende kaufmännische Tätigkeit ausüben.

Ist der Krimi selbst ein Krisengewinnler? Warten die Leute vielleicht darauf, dass ihnen im Krimi auch diese Welt erklärt wird?

Schorlau In Kriminalromanen kann man ja tatsächlich über die Welt etwas lernen, über die Verfasstheit von Gesellschaften. Man erfährt in Romanen des Autors Deon Meyer zum Beispiel sehr viel über das Post-Apartheid-Südafrika. Ich kenne sogar Leute, die bereiten sich mit dem Lesen von Krimis auf Reisen vor, um ein Gefühl für das Land zu bekommen.

Steinfest Der Kriminalroman hat sich ja auch stark gewandelt. Schwarz-Weiß-Denken ist schon lang nicht mehr zielführend: hier die Bösen, da die Guten, und am Ende wird die Erwartungshaltung erfüllt, dass die Guten gewinnen - was ja nun völlig unrealistisch ist - . . .

Schorlau Och, wenigstens im Krimi . . .

Steinfest (lacht) Ich verstehe das Bedürfnis. Es ist nett, wenn man sich am Ende zurücklehnt und sagen kann, zumindest haben die Guten gewonnen. Dann reden wir aber nicht von Krimis, sondern von utopischen Romanen. Was freilich nicht bedeuten muss, dass man jetzt nur lauter unsympathische Figuren hat. Es gibt ja nicht bloß die Dämonen in irgendwelchen Vorstandsetagen, sondern da sind wir alle beteiligt. Wenn von gerechter Bezahlung gesprochen wird, geht es nicht nur um ein paar Leute in bestimmten Positionen, die sehr viel verdienen, sondern es muss sich jeder fragen, wie viel wäre ich denn bereit herzugeben für eine gerechte Bezahlung. Mit solchen Fragen sollte auch der Krimi sehr präzise umgehen.

Ist der Kriminalroman eine epische Form, in der sich Fragen wie, was ist gerecht, was ist anständig, wie wollen wir leben und was hat das alles mit dem Einzelnen zu tun, besonders gut diskutieren lassen? Oder legt das den Krimi zu sehr fest?

Steinfest Ich finde, das ist sein Thema.

Schorlau Heinrich hat absolut recht. Gerechtigkeit ist das zentrale Thema des Krimis. Das erklärt seine Popularität.

Steinfest Die moralische Frage ist der springende Punkt. Deshalb befördert der Krimiautor seine Figuren ja in Extremsituationen, um nachzusehen, was die Zwickmühle aus ihnen macht.

Schorlau Der Krimi reagiert ja auch sehr schnell.

Woran liegt das?

Steinfest Das hat ganz banale Gründe: Krimiautoren sind aufgrund von Marktgesetzen angehalten, relativ schnell viele Bücher zu schreiben, um präsent zu bleiben.

Schorlau Einmal im Jahr.

Steinfest Eben. Das sucht der Krimiautor sich nicht aus, aber daraus ergibt sich die Aktualität. Was natürlich auch ein Nachteil sein kann. Mein Anspruch ist schon, einen Kriminalroman schreiben, der auch in zehn Jahren noch zu begeistern versteht.

Schorlau Der Fall muss natürlich aktuell sein, er muss, wenn der Krimi auf den Markt kommt, mit den Mitteln seiner Zeit gelöst werden - es sei denn, es wäre ein historischer Kriminalroman. Wenn ein Krimi gut ist, ist er beides: am Puls der Zeit und dadurch überlebensfähig. Deshalb liest man Chandlers Romane heute noch, obwohl dort kein Mensch an Handys rumfummelt.

Können Sie sich vorstellen, jemanden zum Helden eines Romans zu machen, der skrupellos die Gestaltungsmöglichkeiten der kapitalistischen Marktwirtschaft ausnützt? Jemand, der handelt wie Patricia Highsmiths mörderischer Held Tom Ripley im Bereich des gewöhnlichen, individuellen Verbrechens, nur eben im Großen, und dabei ebenso faszinierend, ja, sympathisch bleibt?

Steinfest Das ist ja ein literarischer Kunstgriff und nichts Ideologisches. Highsmith allerdings hatte wohl wirklich gewisse Sympathien für das Böse, die sie da ausgelebt hat. Aber das grundsätzlich Interessante ist für mich der Begriff der Elite bei solchen Figuren, die meinen, beispielsweise das Geld anderer Leute verdient zu haben. Die empfinden sich nicht als Ungeheuer oder sagen wie gewöhnliche Kleinkriminelle, ja, ich bin halt a Verbrecher, sondern sie denken, für mich gelten die üblichen bürgerlichen Moralvorstellungen nicht, weil ich besser bin, klüger, interessanter, exzeptioneller. Und die Gesetze, alle Regeln der Demokratie, die gelten nur für die normalen Deppen. Solche Figuren zu beschreiben kann natürlich spannend sein. Im Krimi ist das Faszinosum ja wirklich das Böse. Der Leser zittert vielleicht mit dem Helden, aber die Spannung ergibt sich aus den diabolischen Gestalten.

In einem Ihrer letzten Bücher, "Die feine Nase der Lilly Steinbeck", gibt es so jemanden, der sich als Herr über Leben und Tod ihm völlig fremder Menschen empfindet.

Steinfest Da ging es mir vor allem um den Aspekt des Spiels, den Spieltrieb. Das ist vielleicht anziehender als der Reichtum selbst. Wer schon zwei Lamborghinis hat, braucht eigentlich keinen dritten.

Schorlau Doch, braucht er.

Steinfest Aber nicht zum Fahren. Das Kind ist ja auch nicht mit fünf Matchbox-Autos zufrieden, sondern es will eine Sammlung. Eine Sammlung hat immer etwas Maßloses; der Sammler will alles besitzen, nicht die Hälfte. Die Frage ist, ob ich diesen Trieb zulasse oder nicht. Die meisten Menschen wissen, wo die moralische Grenze ist.

Ist es vielleicht das Element der Freiheit, das an solchen "Blofeld"-Gestalten so faszinierend ist? Nach dem Motto, ich bin so superreich, deshalb kann ich mir alles erlauben, deshalb habe ich das größte Maß an Freiheit? Wolfgang Schorlau, können Sie sich vorstellen, eine solche Figur aufzubauen?

Schorlau Als Protagonist würde sie mich langweilen. So wie solche Leute mich auch persönlich nur kurz interessieren, würde ich ihnen keinen ganzen Roman widmen wollen. Das Böse ist schillernd und führt in Versuchung - auch die Autoren. Aber die maßlose Freiheit langweilt irgendwann. Ich glaube nicht, dass man so einer Figur über dreihundert Seiten folgen möchte.

Deshalb also kein Porsche-Krimi.

Schorlau Deshalb kein Porsche-Krimi.
 
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