Wirtschaftskrise
Jung, kompetent, Diplom sucht...
Erik Raidt und Viola Volland, veröffentlicht am 30.06.2009
Stuttgart - Stefanie Schrof lebt in der Warteschleife. Im April hat sie ihr Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Uni Hohenheim beendet. Noch vor einem Jahr wäre ihr Weg vorgezeichnet gewesen: Die 28-Jährige hat einen guten Abschluss und vor dem Studium bereits eine Bankausbildung beendet. Sie ist ehrgeizig und fachlich qualifiziert. Aber bisher hat sich Stefanie Schrof bei ihren Bewerbungen nur Absagen eingehandelt. "Langsam wird der Druck für mich immer größer" sagt sie. Und mit jedem weiteren Umschlag, in dem ihre Unterlagen mit "Bedauern" zurückgeschickt werden, wächst bei ihr die Unsicherheit. "Bei meinen Jobchancen hatte ich ganz andere Erwartungen."
So wie ihr geht es derzeit vielen Uniabsolventen der Generation Wirtschaftskrise. Auch Stephan Geyer hätte nie gedacht, dass er sich Sorgen um einen Arbeitsplatz würde machen müssen. Er studierte Maschinenbau mit Spezialisierung Werkzeugmaschinen - und das, anders als viele seiner Kommilitonen, in der Regelstudienzeit. Geyer wurde Mitte November 2008 fertig. Damals hatte er "den Arbeitsvertrag schon in der Tasche", erzählt der 27-Jährige. Am 2. Januar fing der junge Ingenieur bei einer Firma aus der Region an. Wenig später erfasste die Krise seinen Arbeitgeber und dann auch Stephan Geyer. Mitte März verkündete der Geschäftsführer auf einer Betriebsversammlung, dass alle, die noch in der Probezeit seien, zum 30. April gekündigt würden. Seitdem hat Stephan Geyer 30 Bewerbungen geschrieben - bis jetzt ohne Erfolg. Zur Überbrückung arbeitet er bei seinem alten Institut an der Uni. So sind wenigstens seine Beiträge für die Krankenversicherung gesichert.
Auch Stefanie Schrof schraubt mit jeder Absage ihre Ansprüche an den ersten Job weiter herunter. "Anfangs habe ich auf eine Festanstellung im Marketingbereich eines großen Unternehmens hier in der Region gehofft." Inzwischen würde sie beinahe jedes Angebot annehmen, notfalls die Zeit, bis sich die Wirtschaftslage wieder aufhellt, auch mit einem Praktikum überbrücken. "Ich will unbedingt arbeiten", sagt sie, "und ich werde dafür kämpfen. Letztlich ist das alles eine Frage des Ehrgeizes."
Eigentlich ist ein Uniabschluss ein guter Grund, es am Ende des Studiums so richtig auf einer Party krachen zu lassen: Die Prüfungen sind absolviert, die monatelange Qual mit der dicken Abschlussarbeit ist vorbei - und vielen Absolventen winkt ein Jobangebot, das Aufstiegschancen und ein gutes Gehalt bietet. Man kann aber auch Pech haben: so wie ein ganzer Jahrgang von Uniabgängern, der seit dem Herbst 2008 die Hörsäle verlassen hat und nun vor einer ungewissen Zukunft steht. So dreht sich um eine Frage fast alles: Wie komme ich an meinen ersten Job?
Günter Wörl hat einen direkten Draht zu den Ängsten der Studenten. Jeden Tag fühlt er auf dem Campus der Uni Hohenheim den Puls dieser verunsicherten Generation. Wörl arbeitet im Career Center, einer Schnittstelle zwischen der Universität und dem Arbeitsmarkt. "Für viele Absolventen ist es deutlich schwieriger geworden, ihren ersten Job zu bekommen", sagt Wörl. Immer wieder beraten die Mitarbeiter im Career Center Uniabgänger, die Dutzende von Bewerbungen geschrieben haben, aber keinen Erfolg hatten. Vor allem Automobilfirmen und deren Zulieferer haben derzeit weniger Bedarf an frischen Kräften. In anderen Bereichen wirkt sich die Krise dagegen bis jetzt kaum aus.
Mediziner und Lehrer sind gar nicht betroffen. Und für Biologen, Agrarwissenschaftler oder Lebensmittelchemiker stehen die Sterne auf dem Arbeitsmarkt günstiger als für frisch gebackene Wirtschaftswissenschaftler. "Bei denen erleben wir einen regelrechten Einbruch", sagt Wörl. Und diejenigen, die nach dem Diplom doch einen der begehrten Jobs ergattert haben, können sich dennoch nicht zu sicher sein, wie auch das Beispiel von Stephan Geyer zeigt. "Die Stellen für Einsteiger werden von Firmen derzeit sehr gerne befristet ausgeschrieben", so Wörl. Zukunftsgewissheit gibt es meist nur für ein Jahr oder zwei.
Der Fall von Arthur Holzer ist typisch für diese Praxis. Im Dezember 2008 schloss der Ernährungswissenschaftler aus Stuttgart sein Studium ab. Im Mai fand er nach vielen Absagen einen Job in der Pharmaindustrie. "Ich war unglaublich erleichtert", erzählt Holzer, "bei vielen meiner früheren Kommilitonen herrscht Krisenstimmung, weil sie nichts finden." Er selbst hat den Sprung von der Uni auf den Arbeitsmarkt geschafft. Aber viel Sicherheit bleibt auch ihm nicht: der erste Vertrag ist auf ein Jahr befristet.
Die Ungewissheit macht das Leben für viele Abgänger noch komplizierter. Sie hängen weiter am finanziellen Tropf der Eltern. Dabei haben sie eigentlich alles richtig gemacht, zahlreiche Praktika und Auslandserfahrungen im Lebenslauf stehen. Vielen blüht der Frust einer Fernbeziehung, weil zum Glück der Liebe immer öfter das Glück der Stadt fehlt, in der man gemeinsam leben und arbeiten kann.
Inzwischen belegen erste Studien, dass die Wirtschaftskrise die Hochschulabgänger erreicht hat. Armin Trost von der Hochschule Furtwangen hat im März und April 289 Unternehmen einen Onlinefragebogen zugeschickt. Sein Interesse galt zwei Punkten: Wie sieht es derzeit mit Neueinstellungen aus, und wie sieht die Lage für den Rest des Krisenjahres 2009 aus? Trost hat keine guten Nachrichten: "Es ist im Moment sicher keine gute Zeit, um ein Studium zu beenden."
Viele Firmen drosseln ihre Suche nach neuen Mitarbeitern drastisch: Sie planen nur kurzfristig. Die besonders schlechte Nachricht für Neulinge: mehr Unternehmen setzen auf Bewerber mit Berufserfahrung. Unterdessen wächst seit dem vergangenen Herbst die Zahl der Studenten, die promovieren. Viele von ihnen tun dies nur halbherzig. Sie suchen in der Krise nach einem Ausweg. Und für manche besteht dieser Ausweg in der Rückkehr an die Uni.
"Es ist im Moment sicher keine gute Zeit, um ein Studium zu beenden."
Armin Trost, Hochschule Furtwangen
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Auch Stefanie Schrof schraubt mit jeder Absage ihre Ansprüche an den ersten Job weiter herunter. "Anfangs habe ich auf eine Festanstellung im Marketingbereich eines großen Unternehmens hier in der Region gehofft." Inzwischen würde sie beinahe jedes Angebot annehmen, notfalls die Zeit, bis sich die Wirtschaftslage wieder aufhellt, auch mit einem Praktikum überbrücken. "Ich will unbedingt arbeiten", sagt sie, "und ich werde dafür kämpfen. Letztlich ist das alles eine Frage des Ehrgeizes."
Ein ganzer Jahrgang steht vor einer ungewissen Zukunft
Eigentlich ist ein Uniabschluss ein guter Grund, es am Ende des Studiums so richtig auf einer Party krachen zu lassen: Die Prüfungen sind absolviert, die monatelange Qual mit der dicken Abschlussarbeit ist vorbei - und vielen Absolventen winkt ein Jobangebot, das Aufstiegschancen und ein gutes Gehalt bietet. Man kann aber auch Pech haben: so wie ein ganzer Jahrgang von Uniabgängern, der seit dem Herbst 2008 die Hörsäle verlassen hat und nun vor einer ungewissen Zukunft steht. So dreht sich um eine Frage fast alles: Wie komme ich an meinen ersten Job?
Günter Wörl hat einen direkten Draht zu den Ängsten der Studenten. Jeden Tag fühlt er auf dem Campus der Uni Hohenheim den Puls dieser verunsicherten Generation. Wörl arbeitet im Career Center, einer Schnittstelle zwischen der Universität und dem Arbeitsmarkt. "Für viele Absolventen ist es deutlich schwieriger geworden, ihren ersten Job zu bekommen", sagt Wörl. Immer wieder beraten die Mitarbeiter im Career Center Uniabgänger, die Dutzende von Bewerbungen geschrieben haben, aber keinen Erfolg hatten. Vor allem Automobilfirmen und deren Zulieferer haben derzeit weniger Bedarf an frischen Kräften. In anderen Bereichen wirkt sich die Krise dagegen bis jetzt kaum aus.
Einbruch bei den Wirtschaftswissenschaften
Mediziner und Lehrer sind gar nicht betroffen. Und für Biologen, Agrarwissenschaftler oder Lebensmittelchemiker stehen die Sterne auf dem Arbeitsmarkt günstiger als für frisch gebackene Wirtschaftswissenschaftler. "Bei denen erleben wir einen regelrechten Einbruch", sagt Wörl. Und diejenigen, die nach dem Diplom doch einen der begehrten Jobs ergattert haben, können sich dennoch nicht zu sicher sein, wie auch das Beispiel von Stephan Geyer zeigt. "Die Stellen für Einsteiger werden von Firmen derzeit sehr gerne befristet ausgeschrieben", so Wörl. Zukunftsgewissheit gibt es meist nur für ein Jahr oder zwei.
Der Fall von Arthur Holzer ist typisch für diese Praxis. Im Dezember 2008 schloss der Ernährungswissenschaftler aus Stuttgart sein Studium ab. Im Mai fand er nach vielen Absagen einen Job in der Pharmaindustrie. "Ich war unglaublich erleichtert", erzählt Holzer, "bei vielen meiner früheren Kommilitonen herrscht Krisenstimmung, weil sie nichts finden." Er selbst hat den Sprung von der Uni auf den Arbeitsmarkt geschafft. Aber viel Sicherheit bleibt auch ihm nicht: der erste Vertrag ist auf ein Jahr befristet.
Das Leben für Hochschulabgänger wird komplizierter
Die Ungewissheit macht das Leben für viele Abgänger noch komplizierter. Sie hängen weiter am finanziellen Tropf der Eltern. Dabei haben sie eigentlich alles richtig gemacht, zahlreiche Praktika und Auslandserfahrungen im Lebenslauf stehen. Vielen blüht der Frust einer Fernbeziehung, weil zum Glück der Liebe immer öfter das Glück der Stadt fehlt, in der man gemeinsam leben und arbeiten kann.
Inzwischen belegen erste Studien, dass die Wirtschaftskrise die Hochschulabgänger erreicht hat. Armin Trost von der Hochschule Furtwangen hat im März und April 289 Unternehmen einen Onlinefragebogen zugeschickt. Sein Interesse galt zwei Punkten: Wie sieht es derzeit mit Neueinstellungen aus, und wie sieht die Lage für den Rest des Krisenjahres 2009 aus? Trost hat keine guten Nachrichten: "Es ist im Moment sicher keine gute Zeit, um ein Studium zu beenden."
Viele Firmen drosseln ihre Suche nach neuen Mitarbeitern drastisch: Sie planen nur kurzfristig. Die besonders schlechte Nachricht für Neulinge: mehr Unternehmen setzen auf Bewerber mit Berufserfahrung. Unterdessen wächst seit dem vergangenen Herbst die Zahl der Studenten, die promovieren. Viele von ihnen tun dies nur halbherzig. Sie suchen in der Krise nach einem Ausweg. Und für manche besteht dieser Ausweg in der Rückkehr an die Uni.
Kommentare (1)
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Retro- Rezession und -depression,
24.12.2009
Kann ich nur bestätigen
Ich kann diesen Artikel nur mit einem Kopfnicken bestätigen. Ich selbst war Herbst 2008 bei einem Oberklasse-Hersteller als Engineer als Absolvent angestellt, unbefristeter Vertrag inklusive. Dann kam diese Wirtschaftskrise und es haben sich keine Autos mehr verkauft, mir wurde in der Probezeit gekündigt.
Ich habe eine neue Ausbildung danach versucht und wurde aufgrund eines Zusammenbruchs für Wochen krankgeschrieben, auch hier hatte ich die Kündigung danach auf dem Weihnachtstablett.
Mein Fazit zu der ganzen wirtschaftl. Situation: Wenn sich mal eine Generation selbst "No Future-Generation" genannt hat, war das wohl eher als Witz gemeint. Unsere Zukunft wird die nächsten Jahre sein, mit Minijobs, weiteren Praktika etc. durch die deutsche Hölle Arbeitsmarkt zu kommen. Von mir aus soll dieses ganze Land in die Depression rutschen, was wohl auch nicht mehr zu verhindern ist. Ich habe seit dieser Zeit meine kompletten Wertevorstellungen verloren. Meine einzige Hoffnung ist, dass sich in dieser hoffnungslosen Situation die Leute aus Frust nicht noch gegenseitig die Hälse würgen.
Ich habe eine neue Ausbildung danach versucht und wurde aufgrund eines Zusammenbruchs für Wochen krankgeschrieben, auch hier hatte ich die Kündigung danach auf dem Weihnachtstablett.
Mein Fazit zu der ganzen wirtschaftl. Situation: Wenn sich mal eine Generation selbst "No Future-Generation" genannt hat, war das wohl eher als Witz gemeint. Unsere Zukunft wird die nächsten Jahre sein, mit Minijobs, weiteren Praktika etc. durch die deutsche Hölle Arbeitsmarkt zu kommen. Von mir aus soll dieses ganze Land in die Depression rutschen, was wohl auch nicht mehr zu verhindern ist. Ich habe seit dieser Zeit meine kompletten Wertevorstellungen verloren. Meine einzige Hoffnung ist, dass sich in dieser hoffnungslosen Situation die Leute aus Frust nicht noch gegenseitig die Hälse würgen.






