Nato-Oberbefehlshaber John Craddock
"Europas Führer verstecken sich"
Christopher Ziedler, veröffentlicht am 30.06.2009
Brüssel - Nato-Oberbefehlshaber John Craddock kritisiert die zögernde und egozentrische Haltung der Bündnispartner im Afghanistankrieg. Er glaubt, dass mit mehr Ausbildern am Hindukusch der Krieg zu gewinnen ist.
Das bin auch nicht. Aber Sie müssen sich erinnern, dass ich im Dezember 2006 Nato-Oberbefehlshaber wurde, nur drei Monate nachdem die Allianz die vollständige Verantwortung für Afghanistan übernommen hatte. Damals realisierten wir noch gar nicht, dass die Aufständischen sich in den Vorjahren neu gesammelt hatten und erstarkt waren. Das lag am Geld aus dem Drogenanbau, am Rückzugsgebiet im Grenzgebiet zu Pakistan und an der geringen Militärpräsenz auf dem Land.
Im Norden haben wir es vor allem mit der öffentlichen Sicherheit zu tun. Es geht um Kriminalitätsbekämpfung - bis auf ein paar Widerstandsnester, um die wir uns kümmern müssen. Im Westen ist es ähnlich, abgesehen von einigen Aufständischen, die aus dem Süden einsickern. Dort tobt wirklich ein Aufstand. Da herrscht zurzeit ein militärisches Patt. Der Osten dagegen ist ruhiger geworden wegen der enormen Aufbauarbeit, die dort geleistet wurde, und der höheren Truppenstärke der USA und des afghanischen Militärs. Und genau das ist es, was mich zuversichtlich stimmt. Wenn wir es überall schaffen, Arbeit, Strom und sauberes Wasser zu den Menschen zu bringen, werden wir sie aus den Armen der Aufständischen befreien.
Natürlich versuchen Taliban und Al-Qaida alles zu zerstören, was wir aufbauen. Sie realisieren, dass das der Hebel ist, mit dem wir sie von den Menschen trennen können. Die Aufbauarbeit zu schützen ist die Herausforderung. Aber vor allem in den Gegenden, in denen das afghanische Militär zugegen ist, funktioniert das immer besser. Entwicklungshelfer können neue Gebiete vordringen.
Politiker können es nennen, wie es ihnen beliebt. Ich bin ein Militär, und für mich ist es Krieg. Ich denke, wenn sie deutsche Soldaten fragen, werden sie dasselbe sagen.
Leider haben wir in Afghanistan zu viele Einschränkungen. Jedes Zugeständnis, das wir gemacht haben, war für sich genommen nicht gravierend. Doch in der Summe - ein Zugeständnis hier, ein Zugeständnis da - ist die Flexibilität der Kommandeure extrem begrenzt. Sie verbringen mindestens so viel Zeit damit, eine Kombination von Truppen zu finden, die eine Aufgabe bewältigen kann, wie es dauert, die Aufgabe zu erledigen. Und das betrifft nur die erklärten Ausnahmen. Dazu kommen noch Einschränkungen, von denen wir erst erfahren, wenn wir jemanden um Hilfe bitten. Der ruft zuhause an und sagt, das dürfen wir nicht. So kann es nicht weitergehen.
Die Zahl der Ausnahmen muss - wie beim Nato-Gipfel 2008 versprochen - reduziert werden. Da hatten wir 83 Ausnahmen für bestimmte Truppen, jetzt sind es 73 - immer noch viel zu viel. Wir sind doch eine Allianz und müssen auf demselben Spielfeld mit denselben Regeln spielen.
Europas politische Führer verstecken sich zu oft hinter den Umfragewerten. Die Aufgabe der Führer wäre es, die besten Handlungsoptionen für die Menschen ausfindig zu machen. Und wenn ihre Bürger diese nicht verstehen oder glauben, sollte Überzeugungsarbeit geleistet werden. Schafft man das nicht, wird man entweder abgewählt oder man ändert seine Meinung. Beides aber habe ich in den vergangenen Jahren kaum erlebt. Europas Regierungen sollten Verantwortungen übernehmen. Fakt ist, dass es bei 28 Nato-Mitgliedern in Europa immer eine Wahl geben wird, die als Ausrede fürs Nichtstun herhalten kann.
Nein, Ausbilder. Der Schlüssel liegt im Aufbau schlagkräftiger afghanischer Sicherheitskräfte. Die Armee entwickelt sich gut. Sie rekrutiert jetzt schneller und wird schon 2010 über 134.000 Mann verfügen. Die Afghanen bilden schneller Bataillone, als ihnen die Nato 20-köpfige Ausbilderteams zur Seite stellen kann. Die Nato übernimmt jetzt sogar noch die Polizeiausbildung, obwohl wir nicht genug sind, um die Armee auszubilden. Da müssen sich die Nato-Mitglieder bewegen.
Die Entscheidung, ob sie irrelevant wird oder nicht, liegt bei der Nato. Aber es ist interessant, dass Anfragen von außen von der Nato meistens mit Ja beantwortet werden, interne Anfragen von Mitgliedstaaten meist negativ beschieden werden. Das macht mir Sorge. Bisher ist es so, dass die Nato marschiert, wenn die USA vorangehen. In den nächsten 16 Monaten wird der Rahmen für die Nato der Zukunft festgelegt und welche Rolle sie international spielen wird. Und es wird sicher künftig nicht weniger Anfragen an die Nato geben, in fernen Weltgegenden etwas zu tun.
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"Politiker können es nennen, wie es ihnen beliebt. Für mich ist es Krieg."
General Craddock zur deutschen Afghanistandebatte
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General, Sie haben in Afghanistan viele Probleme ungelöst hinterlassen. Zufrieden können Sie nicht sein.
Das bin auch nicht. Aber Sie müssen sich erinnern, dass ich im Dezember 2006 Nato-Oberbefehlshaber wurde, nur drei Monate nachdem die Allianz die vollständige Verantwortung für Afghanistan übernommen hatte. Damals realisierten wir noch gar nicht, dass die Aufständischen sich in den Vorjahren neu gesammelt hatten und erstarkt waren. Das lag am Geld aus dem Drogenanbau, am Rückzugsgebiet im Grenzgebiet zu Pakistan und an der geringen Militärpräsenz auf dem Land.
Zuletzt standen fast doppelt so viele Soldaten unter ihrem Kommando wie zu dessen Beginn, sieben mal so viele Spezialkräfte. Entscheidende Verbesserungen können Sie aber nicht vermelden.
Im Norden haben wir es vor allem mit der öffentlichen Sicherheit zu tun. Es geht um Kriminalitätsbekämpfung - bis auf ein paar Widerstandsnester, um die wir uns kümmern müssen. Im Westen ist es ähnlich, abgesehen von einigen Aufständischen, die aus dem Süden einsickern. Dort tobt wirklich ein Aufstand. Da herrscht zurzeit ein militärisches Patt. Der Osten dagegen ist ruhiger geworden wegen der enormen Aufbauarbeit, die dort geleistet wurde, und der höheren Truppenstärke der USA und des afghanischen Militärs. Und genau das ist es, was mich zuversichtlich stimmt. Wenn wir es überall schaffen, Arbeit, Strom und sauberes Wasser zu den Menschen zu bringen, werden wir sie aus den Armen der Aufständischen befreien.
Das hört sich so an, als müssten nicht ständig Mädchenschulen wieder schließen, weil sie regelmäßig attackiert werden?
Natürlich versuchen Taliban und Al-Qaida alles zu zerstören, was wir aufbauen. Sie realisieren, dass das der Hebel ist, mit dem wir sie von den Menschen trennen können. Die Aufbauarbeit zu schützen ist die Herausforderung. Aber vor allem in den Gegenden, in denen das afghanische Militär zugegen ist, funktioniert das immer besser. Entwicklungshelfer können neue Gebiete vordringen.
Aus dem Norden, wo die Bundeswehr zuständig ist, erreichen uns eher Meldungen, wonach inzwischen mehr gekämpft und weniger Aufbauarbeit geleistet wird. Die deutsche Politik debattiert darüber, ob es sich in Afghanistan um Krieg handelt oder nicht.
Politiker können es nennen, wie es ihnen beliebt. Ich bin ein Militär, und für mich ist es Krieg. Ich denke, wenn sie deutsche Soldaten fragen, werden sie dasselbe sagen.
Die deutsche Politik ist wohl nie ihr liebster Gesprächspartner gewesen. Das Mandat der Bundeswehr bleibt eingeschränkt - sie darf nicht im Süden kämpfen.
Leider haben wir in Afghanistan zu viele Einschränkungen. Jedes Zugeständnis, das wir gemacht haben, war für sich genommen nicht gravierend. Doch in der Summe - ein Zugeständnis hier, ein Zugeständnis da - ist die Flexibilität der Kommandeure extrem begrenzt. Sie verbringen mindestens so viel Zeit damit, eine Kombination von Truppen zu finden, die eine Aufgabe bewältigen kann, wie es dauert, die Aufgabe zu erledigen. Und das betrifft nur die erklärten Ausnahmen. Dazu kommen noch Einschränkungen, von denen wir erst erfahren, wenn wir jemanden um Hilfe bitten. Der ruft zuhause an und sagt, das dürfen wir nicht. So kann es nicht weitergehen.
Was wäre notwendig?
Die Zahl der Ausnahmen muss - wie beim Nato-Gipfel 2008 versprochen - reduziert werden. Da hatten wir 83 Ausnahmen für bestimmte Truppen, jetzt sind es 73 - immer noch viel zu viel. Wir sind doch eine Allianz und müssen auf demselben Spielfeld mit denselben Regeln spielen.
Viele Einschränkungen haben geschichtliche Ursachen oder sind der Tatsache geschuldet, dass der Einsatz etwa in Deutschland alles andere als unumstritten ist.
Europas politische Führer verstecken sich zu oft hinter den Umfragewerten. Die Aufgabe der Führer wäre es, die besten Handlungsoptionen für die Menschen ausfindig zu machen. Und wenn ihre Bürger diese nicht verstehen oder glauben, sollte Überzeugungsarbeit geleistet werden. Schafft man das nicht, wird man entweder abgewählt oder man ändert seine Meinung. Beides aber habe ich in den vergangenen Jahren kaum erlebt. Europas Regierungen sollten Verantwortungen übernehmen. Fakt ist, dass es bei 28 Nato-Mitgliedern in Europa immer eine Wahl geben wird, die als Ausrede fürs Nichtstun herhalten kann.
Also fordern sie wieder mehr Truppen?
Nein, Ausbilder. Der Schlüssel liegt im Aufbau schlagkräftiger afghanischer Sicherheitskräfte. Die Armee entwickelt sich gut. Sie rekrutiert jetzt schneller und wird schon 2010 über 134.000 Mann verfügen. Die Afghanen bilden schneller Bataillone, als ihnen die Nato 20-köpfige Ausbilderteams zur Seite stellen kann. Die Nato übernimmt jetzt sogar noch die Polizeiausbildung, obwohl wir nicht genug sind, um die Armee auszubilden. Da müssen sich die Nato-Mitglieder bewegen.
Sie haben kürzlich die Sorge geäußert, die Nato könne irrelevant werden.
Die Entscheidung, ob sie irrelevant wird oder nicht, liegt bei der Nato. Aber es ist interessant, dass Anfragen von außen von der Nato meistens mit Ja beantwortet werden, interne Anfragen von Mitgliedstaaten meist negativ beschieden werden. Das macht mir Sorge. Bisher ist es so, dass die Nato marschiert, wenn die USA vorangehen. In den nächsten 16 Monaten wird der Rahmen für die Nato der Zukunft festgelegt und welche Rolle sie international spielen wird. Und es wird sicher künftig nicht weniger Anfragen an die Nato geben, in fernen Weltgegenden etwas zu tun.
Zur Person: General John Craddock
General John Craddock
ist seit Ende 2006 Europakommandeur der US-Truppen und Nato-Oberbefehlshaber. Er befehligte bereits 1991 Kampftruppen im Irak und 1999 im Kosovo. In den kommenden Monaten will sich der General seiner Familie widmen und sich nach der Pause in der US-Politik einbringen. In welcher Funktion ist jedoch noch unklar.Kommentare (0)
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