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"In der globalen Spitzengruppe des Dopings"

Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 07.07.2009

Deutschland, immer wieder Deutschland, wenn es um Doping geht. Der Fall Claudia Pechstein, die aufgrund von Indizien wegen Blutdopings am Freitag für zwei Jahre gesperrt wurde, reiht sich ein in zahllose prominente Fälle in der Bundesrepublik. Doch der organisierte Sport in Deutschland rühmt sich seines vorbildlichen Antidopingkampfes. Winfried Hermann, sportpolitischer Sprecher der Grünen und Mitglied im Sportausschuss des Deutschen Bundestages, kann darüber nur den Kopf schütteln und sagt: "Wir sind nicht das große Antidopingvorbild für die ganze Welt."

Herr Hermann, wie war Ihre erste Reaktion auf die Sperre für Claudia Pechstein?

Ich war sehr überrascht, und zwar von dem Zeitpunkt. Als sie Anfang des Jahres auf einmal ihre Leistung so stark gesteigert hatte, war mein erster Reflex der, dass ich mich gefragt habe, ob das wohl alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Aber als man nichts hörte, dachte ich mir: okay, dann war das wohl so. Nun erklärt sich viel.

Es gibt keine positive Probe, trotzdem wurde die Eisschnellläuferin gesperrt. Nun wird viel über diesen ersten Indizienprozess im Sport gesprochen.

Als ich vergangenes Jahr bei den Olympischen Spielen in Peking mit Vertretern der Wada (Welt-Antidopingagentur, d. Red.) gesprochen habe, war das schon ein Thema. Aufseiten der Tests gibt es die entscheidende Schwachstelle, dass man nicht weiß, wonach man suchen soll und dass man nur die wenigsten derer erwischt, die vielleicht betrogen haben. Ein positiver Test ist ja eher ein Betriebsunfall. Wir haben damals schon gefordert, dass man intelligent und strategisch testen muss - und genau das ist hier in vorbildlicher Weise passiert. Die indirekte Überführung eines Athleten ist ein unglaublich wichtiger Schritt im Kampf gegen den Betrug im Sport.

Der scheint hierzulande besonders verbreitet zu sein, der deutsche Sport sorgt in schöner Regelmäßigkeit für Dopingfälle. Zufall?

Deutschland hat eine große Dopingvergangenheit in Ost und West gehabt und auch eine große Dopinggegenwart. Aber davor verschließen viele die Augen. Die Sportverbände und große Teile der Politik sprechen gebetsmühlenartig von einem super Kontrollsystem und dass die Bösen im Sport die anderen sind. Und wir haben ja nur Dopingfälle, weil wir in Deutschland so toll kontrollieren. Die Wahrheit ist, dass wir nicht das große Antidopingvorbild für die ganze Welt sind, sondern wir eher in der globalen Spitzengruppe bei der Nutzung von Dopingmitteln sind. Aber das passt nicht in das Selbstbild des DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund, d. Red.) und vieler Sportpolitiker.

Und wie kann man gegen dieses Problem vorgehen?

Zunächst mal ist dies Aufgabe des Sports und dann der Nada, die sich nach strukturellen und personellen Problemen wieder gefangen hat und sich unter dem neue Vorsitzenden Göttrik Wewer gut reorganisiert hat. Sie ist wieder schlagkräftig und testet intelligenter und strategischer. Zum anderen müssen die vorhandenen Möglichkeiten, also die polizeilichen Methoden, ausgeschöpft werden. In Bayern gibt es endlich eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft, und auch die Bundespolizei muss viel stärker gegen die Netzwerke vorgehen, die hinter dem Dopingsystem stecken.

Sie fordern seit vielen Jahren ein Gesetz gegen Doping. Wird diese Debatte nun wieder aufkommen?

Ja. Der neue deutsche Bundestag muss endlich ein Antidopinggesetz beschließen und den Straftatbestand des Sportbetruges durch Doping einführen. Das werden wir "Grüne" fordern.

Dagegen wehrt sich der organisierte Sport mit Händen und Füßen.

Nicht nur der organisierte Sport, auch unser Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble zum Beispiel. Das ist eine leidige Dauerdebatte, die wie der ganze Antidopingkampf oft sehr scheinheilig geführt wird. Manchmal hat man bei einigen meiner Kollegen ja den Eindruck, dass der Versuch, Doping zu bekämpfen schlimmer ist als Doping selbst. Das sieht man an vielen Beispielen. In den Debatten im Sportausschuss heißt es dann oft, ich solle endlich aufhören, Sportler unter einen Generalverdacht zu stellen und sie nicht kriminalisieren. Bereitgestellte Fördermittel des Bundes für dopingverseuchte Sportarten werden nicht zurückgefahren, auch wenn nachweislich betrogen wurde und so weiter. Unterm Strich passiert wenig bis nichts.

Trägt die Politik eine Mitschuld an Doping, schließlich fördert man den Sport mit einem dreistelligen Millionenbetrag und erwartet dafür auch Leistung. Nach dem Motto: Medaillen statt Moral.

Diesen Punkt haben wir lange hinter uns. Das war vielleicht vor fünf bis zehn Jahren noch so. Aber die deutsche Politik von heute sagt ganz eindeutig, dass wir sauberen Sport haben wollen, und die Fachverbände wissen das auch. In der Sportförderung geht es ja auch nicht mehr nur um das Abschneiden bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften, sondern auch um Perspektiven und ein überzeugendes Konzept. Ein sportliches Tief heißt für einen Verband nicht mehr automatisch, dass er weniger Geld bekommt.

Dennoch ist Leistung, der Drang in die absolute Weltspitze, in einigen Disziplinen mit der Gefahr des Dopings verbunden.

Das ist richtig. Ich fordere schon lange, dass man alle Dopingweltrekorde, zum Beispiel in der Leichtathletik oder beim Schwimmen, streichen muss. Diese Bestmarken können nicht der Maßstab für den heutigen Athleten sein.
 
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