Zwangsehen in Afghanistan
Kinderbräute erwartet oft Ehehölle
Theresa Schäfer, veröffentlicht am 16.07.2009
Kabul - Dieses Foto ist um die Welt gegangen: die elfjährige Ghulam aus Afghanistan sitzt am Tag ihrer Verlobung neben dem bärtigen Faiz Mohammed, einem Mann, der 29 Jahre älter ist als das Mädchen. Auf die Frage, was sie fühle, antwortete Ghulam resigniert: "Ich kenne diesen Mann nicht. Was soll ich fühlen? Nichts!" Die Aufnahme der Fotografin Stephanie Sinclair wurde 2007 von Unicef zum Foto des Jahres gewählt. Wie es Ghulam heute geht, kann das Kinderhilfswerk nicht sagen. Doch die bittere Wahrheit ist, dass sich für die Mädchen in Afghanistan kaum etwas zum Guten gewendet hat.
Seit 2004 hat Afghanistan offiziell eine demokratische Verfassung, doch Zwangsheiraten sind in dem Land am Hindukusch immer noch an der Tagesordnung. Laut Untersuchungen der Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale wird mehr als die Hälfte der afghanischen Frauen verheiratet, bevor diese 16 sind. Meist an deutlich ältere Ehemänner. Die Dunkelziffer könnte sogar noch weit höher liegen, denn Eheschließungen werden in Afghanistan zu großen Teilen nicht staatlich registriert.
Viele Kinderbräute erwartet die Ehehölle: "Die Mädchen dürfen nicht mehr zur Schule gehen, sondern müssen im Haushalt ihres Mannes hart arbeiten. Oft werden sie sehr früh schwanger. Das ist mit großen Risiken für ihre und die Gesundheit ihres Kindes verbunden", sagt Helga Kuhn von Unicef Deutschland. Häufig erleiden die Mädchen Fehlgeburten oder bringen behinderte Kinder zur Welt. Andere überleben eine so frühe Schwangerschaft nicht. Die Rate der Müttersterblichkeit in Afghanistan ist laut der Weltgesundheitsorganisation eine der höchsten der Welt.
Sind die Kinder geboren, sind die Mädchen psychisch häufig gar nicht in der Lage, Mutterpflichten zu übernehmen. "Diese Mädchen sind selbst noch Kinder und müssen sich bereits um ein Baby kümmern", sagt Helga Kuhn. In ihrer Überforderung misshandeln oder vernachlässigen viele ihre ungewollten Kinder. Viele afghanische Familien befinden sich in einem Teufelskreis: Mütter, die selbst viel zu jung verheiratet werden, bekommen Töchter, die wieder zu Kinderbräuten werden.
Ein Großteil der Kinderbräute ist bereits nach der Hochzeitsnacht traumatisiert. "Viele Mädchen werden jede Nacht vergewaltigt oder erleiden andere schwere Verletzungen. Die Situation ist für die jungen Frauen manchmal so unerträglich, dass sie den einzigen Ausweg in der Selbsttötung sehen", erzählt Claudia Söder, die für Medica Mondiale in Afghanistan arbeitet.
Den Mädchen die psychologische und ärztliche Hilfe zukommen zu lassen, die sie so dringend benötigen, ist für die Organisationen nicht einfach. "Es ist sehr schwer, Kontakt zu den Mädchen herzustellen, da viele zu Hause eingesperrt sind", sagt Söder. Wenn die Helfer die Kinderbräute unter ihre Fittiche nehmen, ist es meist schon zu spät: Erst wenn die Mädchen im Krankenhaus oder als Ausreißerinnen im Gefängnis landen, kann man sie der familiären Dauerbewachung entziehen. Obwohl das offizielle Heiratsalter bei 16 Jahren liegt, können die Helfer von der Polizei kaum Unterstützung erwarten. "Vielen der bei der Polizei Tätigen ist die Altersgrenze gar nicht bekannt", erzählt die Medica-Mondiale-Mitarbeiterin Söder.
Sicher sind sich die Expertinnen in einem: die Situation kann sich nur verbessern, wenn sich der Stellenwert der Frau in der afghanischen Gesellschaft grundlegend ändert. "Frauen wird in patriarchalischen Gesellschaften wie Afghanistan oft nicht zugestanden, dass sie für sich selbst entscheiden", sagt die Unicef-Sprecherin Kuhn. Auch der Einmarsch der USA und ihrer Verbündeten im Jahr 2001 konnte daran nur kurzzeitig etwas ändern. In vielen Teilen des Landes sind die radikalislamischen Taliban wieder auf dem Vormarsch. "Die frühe Verheiratung hat seit dem Krieg erheblich zugenommen, unter anderem weil die Armut gewachsen ist und die frauenfeindlichen Tendenzen wieder zunehmen", sagt Claudia Söder.
Eine Bildungsoffensive soll jungen Frauen helfen, ihre Rechte besser wahrzunehmen. "Unicef fördert Frauen in Lehrberufen. Lehrerinnen dienen ihren Schülerinnen als Vorbild", erklärt Helga Kuhn die Strategie des Hilfswerks. Aber vielen Afghanen sind Mädchenschulen ein Dorn im Auge. In den vergangenen Monaten wurden immer wieder Anschläge auf diese Schulen verübt, Schülerinnen, Lehrer und Eltern wurden bedroht und eingeschüchtert. Im Mai wurden bei einer solchen Attacke in einer Kleinstadt nahe Kabul 98 Mädchen verletzt. Unbekannte hatten in ihrer Schule Giftgas verströmt.
Das Kinderhilfswerk Unicef schätzt, dass es weltweit mehr als 60 Millionen junge Frauen gibt, die heiraten müssen, bevor sie ihr 18. Lebensjahr erreicht haben. Gut die Hälfte lebt in Südasien. Kinderehen gibt es nicht nur im Islam, sie existieren oder existierten in allen Religionen. Offiziell ist die Verheiratung von Kindern in den meisten Ländern verboten, doch viele Familien setzen sich darüber hinweg. 2008 machte die zehnjährige Nujood aus dem Jemen Schlagzeilen, weil sie gerichtlich die Scheidung von ihrem 20 Jahre älteren Mann erwirkte. Kinder- und Frauenhilfswerke bemühen sich, den Kinderbräuten zu helfen.
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Viele Kinderbräute erwartet die Ehehölle: "Die Mädchen dürfen nicht mehr zur Schule gehen, sondern müssen im Haushalt ihres Mannes hart arbeiten. Oft werden sie sehr früh schwanger. Das ist mit großen Risiken für ihre und die Gesundheit ihres Kindes verbunden", sagt Helga Kuhn von Unicef Deutschland. Häufig erleiden die Mädchen Fehlgeburten oder bringen behinderte Kinder zur Welt. Andere überleben eine so frühe Schwangerschaft nicht. Die Rate der Müttersterblichkeit in Afghanistan ist laut der Weltgesundheitsorganisation eine der höchsten der Welt.
Kinder bekommen Babys
Sind die Kinder geboren, sind die Mädchen psychisch häufig gar nicht in der Lage, Mutterpflichten zu übernehmen. "Diese Mädchen sind selbst noch Kinder und müssen sich bereits um ein Baby kümmern", sagt Helga Kuhn. In ihrer Überforderung misshandeln oder vernachlässigen viele ihre ungewollten Kinder. Viele afghanische Familien befinden sich in einem Teufelskreis: Mütter, die selbst viel zu jung verheiratet werden, bekommen Töchter, die wieder zu Kinderbräuten werden.
Ein Großteil der Kinderbräute ist bereits nach der Hochzeitsnacht traumatisiert. "Viele Mädchen werden jede Nacht vergewaltigt oder erleiden andere schwere Verletzungen. Die Situation ist für die jungen Frauen manchmal so unerträglich, dass sie den einzigen Ausweg in der Selbsttötung sehen", erzählt Claudia Söder, die für Medica Mondiale in Afghanistan arbeitet.
Den Mädchen die psychologische und ärztliche Hilfe zukommen zu lassen, die sie so dringend benötigen, ist für die Organisationen nicht einfach. "Es ist sehr schwer, Kontakt zu den Mädchen herzustellen, da viele zu Hause eingesperrt sind", sagt Söder. Wenn die Helfer die Kinderbräute unter ihre Fittiche nehmen, ist es meist schon zu spät: Erst wenn die Mädchen im Krankenhaus oder als Ausreißerinnen im Gefängnis landen, kann man sie der familiären Dauerbewachung entziehen. Obwohl das offizielle Heiratsalter bei 16 Jahren liegt, können die Helfer von der Polizei kaum Unterstützung erwarten. "Vielen der bei der Polizei Tätigen ist die Altersgrenze gar nicht bekannt", erzählt die Medica-Mondiale-Mitarbeiterin Söder.
Bildung soll die Frauen stärken
Sicher sind sich die Expertinnen in einem: die Situation kann sich nur verbessern, wenn sich der Stellenwert der Frau in der afghanischen Gesellschaft grundlegend ändert. "Frauen wird in patriarchalischen Gesellschaften wie Afghanistan oft nicht zugestanden, dass sie für sich selbst entscheiden", sagt die Unicef-Sprecherin Kuhn. Auch der Einmarsch der USA und ihrer Verbündeten im Jahr 2001 konnte daran nur kurzzeitig etwas ändern. In vielen Teilen des Landes sind die radikalislamischen Taliban wieder auf dem Vormarsch. "Die frühe Verheiratung hat seit dem Krieg erheblich zugenommen, unter anderem weil die Armut gewachsen ist und die frauenfeindlichen Tendenzen wieder zunehmen", sagt Claudia Söder.
Eine Bildungsoffensive soll jungen Frauen helfen, ihre Rechte besser wahrzunehmen. "Unicef fördert Frauen in Lehrberufen. Lehrerinnen dienen ihren Schülerinnen als Vorbild", erklärt Helga Kuhn die Strategie des Hilfswerks. Aber vielen Afghanen sind Mädchenschulen ein Dorn im Auge. In den vergangenen Monaten wurden immer wieder Anschläge auf diese Schulen verübt, Schülerinnen, Lehrer und Eltern wurden bedroht und eingeschüchtert. Im Mai wurden bei einer solchen Attacke in einer Kleinstadt nahe Kabul 98 Mädchen verletzt. Unbekannte hatten in ihrer Schule Giftgas verströmt.
Ein weltweites Phänomen
Das Kinderhilfswerk Unicef schätzt, dass es weltweit mehr als 60 Millionen junge Frauen gibt, die heiraten müssen, bevor sie ihr 18. Lebensjahr erreicht haben. Gut die Hälfte lebt in Südasien. Kinderehen gibt es nicht nur im Islam, sie existieren oder existierten in allen Religionen. Offiziell ist die Verheiratung von Kindern in den meisten Ländern verboten, doch viele Familien setzen sich darüber hinweg. 2008 machte die zehnjährige Nujood aus dem Jemen Schlagzeilen, weil sie gerichtlich die Scheidung von ihrem 20 Jahre älteren Mann erwirkte. Kinder- und Frauenhilfswerke bemühen sich, den Kinderbräuten zu helfen.
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Kommentare (2)
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Marti,
17.07.2009
Kinderbräute erwartet oft Ehehölle
Das Problem im Islam ist, dass das traditionelle islamische Recht aller vier sunnitischen und er zwölferschiitischen Rechtsschule dem Vater und dem Großvater väterlicherseits das Recht geben, Mädchen ab dem neunten Lebensjahr auch gegen den ausgesprochenen Willen des Mädchens als Wali mudschbir (Ehevormund nit der Berechtigung Zwang auszuüben) in die Ehe mit einem belibigen Muslim zu zwingen.
Das islamische Recht gilt traditionellerweise als göttlich gesetzt und damit unveränderbar. Vergleichbares gibt es in anderen Religionen nicht.
Das islamische Recht gilt traditionellerweise als göttlich gesetzt und damit unveränderbar. Vergleichbares gibt es in anderen Religionen nicht.
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