Kampf ums Direktmandat
Ein Sieg, der eine Niederlage ist
Wolfgang Schulz-Braunschmidt und Thomas Faltin, veröffentlicht am 28.09.2009
Stuttgart - Drei Verlierer kennt die Wahl in Stuttgart: Ute Kumpf (SPD) hat ihr Direktmandat im Norden verloren, ihre Parteifreundin Ute Vogt liegt im Süden nur an dritter Stelle und Cem Özdemir (Grüne) hat sein Ziel, das Direktmandat zu erringen, nicht erreicht.
"Ich muss jetzt Opposition lernen", sagt Ute Kumpf. Dreimal hat sie den Wahlkreis im Norden für die SPD gewonnen: "Jetzt hat es leider nicht mehr geklappt", sagt sie im Großen Sitzungssaal des Rathauses, den Blick fest auf den Wandbildschirm gerichtet. Sie ist enttäuscht, weil sie "gern wieder über das Vertrauen der Wähler in den Bundestag gekommen wäre". Nun macht sich die noch amtierende Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Bundestagsfraktion Sorgen um deren Mitarbeiter. "Ich habe die Verantwortung für das Personal, da müssen wir trotz des künftig kleineren Budgets Lösungen finden." Neue Antworten mahnt Kumpf auch für die SPD an: "Wir müssen unser Profil schärfen und wieder näher an die Gewerkschaften ran."
Auch für die SPD-Landesvorsitzende Ute Vogt war es ein "bitterer Wahlabend". Die SPD-Frau schmerzt vor allem, dass sie bei der Direktwahl im Süden abgeschlagen hinter Cem Özdemir von den Grünen auf dem dritten Platz gelandet ist. "Das ist eine klare Niederlage, da gibt es nichts zu beschönigen." Der Einzug in den Bundestag über die Landesliste ist für Vogt kein Trost. "Aber ich bin eine Kämpfernatur, ich werde vollen Einsatz für Stuttgart bringen", verspricht sie. "Ich verschwinde ja nicht aus meinem Wahlkreis", sagt sie in Anspielung auf Özdemir.
Für Cem Özdemir war es ein bittersüßer Wahlabend. Denn er und die Grünen haben in Stuttgart ein historisches Ergebnis erzielt, kein grüner Kandidat hat jemals annähernd 29,9 Prozent der Erststimmen erhalten - dennoch steht Özdemir mit leeren Händen da. Der Zug in den Bundestag fährt ohne den 44-jährigen Deutschtürken ab.
Biggi Bender, die auf der Landesliste abgesichert war und deshalb für den Wahlkreis Nord ein Ticket in der Tasche hat, will den Grund für Özdemirs Scheitern kennen: "Die Sozis müssen irgendwann etwas dazulernen - es kann nicht sein, dass Ute Vogt, die sowieso in den Bundestag kommt, gegen Cem eine Erststimmenkampagne macht." Özdemir sprach gar von "Ignoranz der Landesvorsitzenden". Das nehmen viele Grüne der SPD übel: dass die lieber einen Schwarzen in Berlin wollten als die Grünen zu stützen, so die grüne Lesart.
Doch die wahren Gründe könnten auch anderswo liegen. Auch im mittlerweile grünen Stuttgart war es für Cem Özdemir schlicht zu ambitioniert, die grünen Erststimmen gegenüber 2005 vervierfachen zu wollen. Da half auch Stuttgart21 nicht, das Özdemir zwar viele Stimmen gebracht hat, aber eben nicht genügend. Özdemir sieht sein Ergebnis als Votum gegen Stuttgart 21: "Die Stuttgarter wollen dieses sinnlose Projekt nicht." Vielleicht blieb Özdemir auch für viele Bürger, obwohl in Bad Urach geboren, ein reingeschmeckter Kandidat.
Cem Özdemir versuchte natürlich, das Positive zu betonen. Aber sein Sieg ist letztlich eine Niederlage. Immerhin: die Grünen sind in Stuttgart knapp zweitstärkste Kraft geworden. Dafür kann er sich zwar nichts kaufen. Aber sein Name wird immer mit diesem Ergebnis verbunden bleiben.
Alle Artikel anzeigen
Weitere Artikel
zum Thema
zum Thema
Auch für die SPD-Landesvorsitzende Ute Vogt war es ein "bitterer Wahlabend". Die SPD-Frau schmerzt vor allem, dass sie bei der Direktwahl im Süden abgeschlagen hinter Cem Özdemir von den Grünen auf dem dritten Platz gelandet ist. "Das ist eine klare Niederlage, da gibt es nichts zu beschönigen." Der Einzug in den Bundestag über die Landesliste ist für Vogt kein Trost. "Aber ich bin eine Kämpfernatur, ich werde vollen Einsatz für Stuttgart bringen", verspricht sie. "Ich verschwinde ja nicht aus meinem Wahlkreis", sagt sie in Anspielung auf Özdemir.
Für Cem Özdemir war es ein bittersüßer Wahlabend. Denn er und die Grünen haben in Stuttgart ein historisches Ergebnis erzielt, kein grüner Kandidat hat jemals annähernd 29,9 Prozent der Erststimmen erhalten - dennoch steht Özdemir mit leeren Händen da. Der Zug in den Bundestag fährt ohne den 44-jährigen Deutschtürken ab.
Biggi Bender, die auf der Landesliste abgesichert war und deshalb für den Wahlkreis Nord ein Ticket in der Tasche hat, will den Grund für Özdemirs Scheitern kennen: "Die Sozis müssen irgendwann etwas dazulernen - es kann nicht sein, dass Ute Vogt, die sowieso in den Bundestag kommt, gegen Cem eine Erststimmenkampagne macht." Özdemir sprach gar von "Ignoranz der Landesvorsitzenden". Das nehmen viele Grüne der SPD übel: dass die lieber einen Schwarzen in Berlin wollten als die Grünen zu stützen, so die grüne Lesart.
Doch die wahren Gründe könnten auch anderswo liegen. Auch im mittlerweile grünen Stuttgart war es für Cem Özdemir schlicht zu ambitioniert, die grünen Erststimmen gegenüber 2005 vervierfachen zu wollen. Da half auch Stuttgart21 nicht, das Özdemir zwar viele Stimmen gebracht hat, aber eben nicht genügend. Özdemir sieht sein Ergebnis als Votum gegen Stuttgart 21: "Die Stuttgarter wollen dieses sinnlose Projekt nicht." Vielleicht blieb Özdemir auch für viele Bürger, obwohl in Bad Urach geboren, ein reingeschmeckter Kandidat.
Cem Özdemir versuchte natürlich, das Positive zu betonen. Aber sein Sieg ist letztlich eine Niederlage. Immerhin: die Grünen sind in Stuttgart knapp zweitstärkste Kraft geworden. Dafür kann er sich zwar nichts kaufen. Aber sein Name wird immer mit diesem Ergebnis verbunden bleiben.
Kommentare (6)
Anzeigen
Moritz S.,
28.09.2009
Aussagen
Die GRÜNEN sind immer sehr schnell, wenn es darum geht andere zu beschuldigen. Wie wär es denn mal einfach zuzugeben, dass es die GRÜNEN nicht geschafft haben mit Herrn Özdemir?! Vogt hat ihr Interview äußerst professionell gehalten und was kam bei Herrn Özdemir? Polemik gegen den politischn Gegner. Schlechten Stil hat er der CDU vorgeworfen und die SPD in der Krise auch noch als Schuldigen ausgemacht. Herr Özdemir, da ist es doch gut, dass Sie uns hier nicht vertreten. Zu seinen Fehlern und Niederlagen muss man stehen!
Weitere Artikel
Jugendgewalt in Stuttgart Immer mehr junge Leute betrinken sich
Polizisten-Mord von Heilbronn Ermittler bitten Ex-Schüler um Hilfe
Prozessauftakt in Stuttgart Alkohol und Imponiergehabe
Rettungsdienst in Stuttgart Der Notarzt kommt zu oft zu spät
Villa Berg Zweite Chance für Häussler
Hochstapler gefasst "Dr. Schenk" narrt Kliniken
Brunkes Betrachtungen Stuttgarter Drehmomente
Aufmerksamkeitsdefizit Reifeprüfung eines Chaosprinzen
Die Piratenpartei Politische Krabbelgruppe greift an
Zu viert auf Zweirad Blaulicht vom 8. Februar
Alle Artikel anzeigen
Veranstaltungen
Finden Sie
Heute können Sie aus 301 Veranstaltungsterminen auswählen
StZ ePaper
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
Für Abonnenten
Für Käufer
Hier können sie sich über Preise informieren, Abos abschließen oder Einzelexemplare kaufen.
Anzeige




