Ist der Ruf ruiniert, lebt sich"s gar nicht ungeniert Sibylle Krause-Burger
Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 20.10.2009
Im Büro des Bundeskanzlers sah fast alles genau so aus wie zu Helmut Schmidts Zeiten. Die Möbel standen noch an derselben Stelle, Bilder von Emil Nolde schmückten nach wie vor die Wände. Nur der Mann, der von hier aus die Republik regierte - wieder ein Helmut - hieß jetzt mit Nachnamen Kohl, und er gab sich entschieden freundlicher als sein Vorgänger.
Im Verlaufe von zwei sehr ins Lebensdetail gehenden Gesprächen, die sich beide Male über anderthalb Stunden hin zogen, erzählte er mir von den "Gespenstern", die ihn in Momenten der Schwäche jagten, vom gelegentlichen Verdacht gegen diesen und jenen aus seinem Umkreis, der ihn stürzen wolle, und von dem "Chitinpanzer" um seine Seele, den er sich zur Abwehr zugelegt habe.
Derart als Machtmenschen, aber doch verletzlich zugleich, wird das Zweite Deutsche Fernsehen die Figur Kohl heute Abend ins Programm stellen. Und für einen Augenblick mag dann bei denen, die sich den Film anschauen, in den Hintergrund geraten, was aus seiner langen Zeit an der Spitze der Regierung und der CDU im öffentlichen Bewusstsein hängengeblieben ist: das Bild des in der Macht längst Überfälligen, des Massigen, des Mannes, der fälschlich "blühende Landschaften" versprochen hatte, und natürlich des Spendensünders, der eines Ehrenwortes wegen die Geldgeber der CDU nicht preisgeben wollte, obwohl das Gesetz es so vorsah.
Aber war Helmut Kohl nicht auch der Kanzler der Wiedervereinigung? Ja, das war er. Doch das ist zwanzig Jahre danach für viele nicht mehr so interessant. Im Zusammenleben aller Deutscher hat man sich längst eingerichtet - auch wenn so manches bösartige Wessi-Ossi-Gerede noch hin und her geht. Die Freiheit scheint selbstverständlich. Wer niemals in Bautzen einsaß, weiß nicht, was die Stasi den Menschen antat. Mancher glaubt tatsächlich, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen, und die Nachfolgepartei der SED kann sich heutzutage als Retterin der Entrechteten ausgeben. In Brandenburg und Berlin darf sie sogar wieder mitregieren. Und was war es eigentlich, was Helmut Kohl damals tat?
Zum Beispiel in jener Abendstunde am 19. Dezember 1989 in Dresden?
Das war Helmut Kohls Stunde, als Hunderttausende die Ruine der Frauenkirche umstanden, als immer mehr Menschen aus den dunklen Straßen sich dazugesellten, als sie "Deutschland einig Vaterland" skandierten, als die Luft zitterte, als der Boden bebte, als die Fackeln und die Herzen brannten und als der Bundeskanzler die richtigen, die allein besänftigenden und doch Hoffnung stiftenden Worte fand.
Jeder, der dabei war, spürte, dass gerade etwas Großes geschah. Und jeder, egal welch politischer Couleur, begriff, dass Helmut Kohl, der bis dahin nach dem intellektuell brillanten Vorgänger Schmidt als "Birne" und als "Pannenkanzler" von der Intelligenz verachtet wurde, sich unverhofft als Staatsmann erwies. Vielleicht hat er das selbst erst in dieser Dresdner Stunde begriffen und daraus die Kraft geschöpft zu allem, was später geschah und auch von ihm mit durchgefochten wurde.
Aber wie das Leben so spielt und wie der Mensch so gebaut ist, verdrängt er gern das Unangenehme, das er sich selbst aufgeladen hat. Die Fehler anderer, besonders die der Politiker, sieht er aber gerne. Weshalb, wenn einem der Altkanzler Kohl heute in den Sinn kommt, seine Sünden - für die er ja bestraft wurde - gegenwärtiger sind als seine Verdienste um die Wiedervereinigung oder das Zusammenwachsen in Europa. Fast ist sein Ansehen auf das Eingangsniveau zurückgesunken, auf die Verachtung, die ihm in den ersten Jahren seiner Kanzlerschaft entgegenschlug.
Auch von Thilo Sarrazin, dem schlagartig Entmachteten und Verdammten, der den Berliner Haushalt, so weit überhaupt möglich, sanierte, wird nicht diese Leistung, sondern das Kopftuchmädchen-Wort in Erinnerung bleiben. Nicht einmal an das harmlose Bekenntnis im ersten Teil seines immer wieder zitierten Satzes aus dem inkriminierten Interview, wonach er niemanden anerkennen will, der von diesem Staat lebt, ihn aber ablehnt - das darf man doch wohl sagen! - werden die Leute zurückdenken.
Seinen Ruf als fremdenfeindliches Schandmaul hat er ein für alle Mal weg. Ebenso wie dem Peer Steinbrück sein Vergleich der Steuersünder schützenden Schweizer mit den Indianern vor Fort Yuma als undiplomatischer Tabubruch auf ewig anhängen mag. Wer aber macht sich bewusst, dass die Bundesrepublik mit dieser ungebremsten Schwertgosch einen ihrer besten Finanzminister verloren hat?
Da ist es doch richtig schön, dass man wenigstens Kerstin Kaiser, der Fraktionschefin der Linken in Brandenburg und verdienten Stasi-Mitarbeiterin, weder böse Sätze noch Taten nachträgt. Ein herzinniges Bussi von Platzeck, und schon war sie salviert.
Im Verlaufe von zwei sehr ins Lebensdetail gehenden Gesprächen, die sich beide Male über anderthalb Stunden hin zogen, erzählte er mir von den "Gespenstern", die ihn in Momenten der Schwäche jagten, vom gelegentlichen Verdacht gegen diesen und jenen aus seinem Umkreis, der ihn stürzen wolle, und von dem "Chitinpanzer" um seine Seele, den er sich zur Abwehr zugelegt habe.
Derart als Machtmenschen, aber doch verletzlich zugleich, wird das Zweite Deutsche Fernsehen die Figur Kohl heute Abend ins Programm stellen. Und für einen Augenblick mag dann bei denen, die sich den Film anschauen, in den Hintergrund geraten, was aus seiner langen Zeit an der Spitze der Regierung und der CDU im öffentlichen Bewusstsein hängengeblieben ist: das Bild des in der Macht längst Überfälligen, des Massigen, des Mannes, der fälschlich "blühende Landschaften" versprochen hatte, und natürlich des Spendensünders, der eines Ehrenwortes wegen die Geldgeber der CDU nicht preisgeben wollte, obwohl das Gesetz es so vorsah.
Aber war Helmut Kohl nicht auch der Kanzler der Wiedervereinigung? Ja, das war er. Doch das ist zwanzig Jahre danach für viele nicht mehr so interessant. Im Zusammenleben aller Deutscher hat man sich längst eingerichtet - auch wenn so manches bösartige Wessi-Ossi-Gerede noch hin und her geht. Die Freiheit scheint selbstverständlich. Wer niemals in Bautzen einsaß, weiß nicht, was die Stasi den Menschen antat. Mancher glaubt tatsächlich, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen, und die Nachfolgepartei der SED kann sich heutzutage als Retterin der Entrechteten ausgeben. In Brandenburg und Berlin darf sie sogar wieder mitregieren. Und was war es eigentlich, was Helmut Kohl damals tat?
Zum Beispiel in jener Abendstunde am 19. Dezember 1989 in Dresden?
Das war Helmut Kohls Stunde, als Hunderttausende die Ruine der Frauenkirche umstanden, als immer mehr Menschen aus den dunklen Straßen sich dazugesellten, als sie "Deutschland einig Vaterland" skandierten, als die Luft zitterte, als der Boden bebte, als die Fackeln und die Herzen brannten und als der Bundeskanzler die richtigen, die allein besänftigenden und doch Hoffnung stiftenden Worte fand.
Jeder, der dabei war, spürte, dass gerade etwas Großes geschah. Und jeder, egal welch politischer Couleur, begriff, dass Helmut Kohl, der bis dahin nach dem intellektuell brillanten Vorgänger Schmidt als "Birne" und als "Pannenkanzler" von der Intelligenz verachtet wurde, sich unverhofft als Staatsmann erwies. Vielleicht hat er das selbst erst in dieser Dresdner Stunde begriffen und daraus die Kraft geschöpft zu allem, was später geschah und auch von ihm mit durchgefochten wurde.
Aber wie das Leben so spielt und wie der Mensch so gebaut ist, verdrängt er gern das Unangenehme, das er sich selbst aufgeladen hat. Die Fehler anderer, besonders die der Politiker, sieht er aber gerne. Weshalb, wenn einem der Altkanzler Kohl heute in den Sinn kommt, seine Sünden - für die er ja bestraft wurde - gegenwärtiger sind als seine Verdienste um die Wiedervereinigung oder das Zusammenwachsen in Europa. Fast ist sein Ansehen auf das Eingangsniveau zurückgesunken, auf die Verachtung, die ihm in den ersten Jahren seiner Kanzlerschaft entgegenschlug.
Auch von Thilo Sarrazin, dem schlagartig Entmachteten und Verdammten, der den Berliner Haushalt, so weit überhaupt möglich, sanierte, wird nicht diese Leistung, sondern das Kopftuchmädchen-Wort in Erinnerung bleiben. Nicht einmal an das harmlose Bekenntnis im ersten Teil seines immer wieder zitierten Satzes aus dem inkriminierten Interview, wonach er niemanden anerkennen will, der von diesem Staat lebt, ihn aber ablehnt - das darf man doch wohl sagen! - werden die Leute zurückdenken.
Seinen Ruf als fremdenfeindliches Schandmaul hat er ein für alle Mal weg. Ebenso wie dem Peer Steinbrück sein Vergleich der Steuersünder schützenden Schweizer mit den Indianern vor Fort Yuma als undiplomatischer Tabubruch auf ewig anhängen mag. Wer aber macht sich bewusst, dass die Bundesrepublik mit dieser ungebremsten Schwertgosch einen ihrer besten Finanzminister verloren hat?
Da ist es doch richtig schön, dass man wenigstens Kerstin Kaiser, der Fraktionschefin der Linken in Brandenburg und verdienten Stasi-Mitarbeiterin, weder böse Sätze noch Taten nachträgt. Ein herzinniges Bussi von Platzeck, und schon war sie salviert.
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