Trendwörterbücher
Der Banker wird zum Bankster
Simone Drescher, veröffentlicht am 06.11.2009
Hamburg - Wenn das It-Girl den Schmacko links liegen lässt und mit dem Hässlo ausgeht, ist Letzterer definitiv overchicked. Alles klar? Wer bei diesem Satz nur Bahnhof versteht, könnte sich mit einem Blick in das Wörterbuch der Szenesprachen beschlauen, entschuldigung, Aufklärung verschaffen. Die Sprachwärter der Duden-Redaktion haben zusammen mit dem Trendbüro - einem Hamburger Beratungsunternehmen für gesellschaftlichen Wandel - nach zehn Jahren das Wörterbuch der Szenesprachen neu aufgelegt. Sie reihen sich damit in einen Kreis an Trendlexika wie etwa die Wörterbücher der Jugendsprache von Pons oder Langenscheidt ein. Letzterer Verlag setzt zusätzlich auf den Prominenten-Bonus und lässt populäre Experten wie Bernd Stromberg in "Chef-Deutsch/Deutsch-Chef" oder Mario Barth in "Frau-Deutsch/Deutsch-Frau" ran.
"In den vergangenen zehn Jahren sind durch Blogs oder soziale Netzwerke wie Facebook oder StudiVZ extrem viele neue Begriffe entstanden", sagt Dirk Bathen, Redaktionsleiter des Trendbüros. Außerdem hätten Begriffe wie "chatten" oder "surfen" - vor zehn Jahren noch im Szene-Duden aufgeführt - längst Eingang in den Standard-Duden gefunden, so dass die Zeit für eine Neuauflage reif gewesen sei. Das Szene-Wörterbuch ist so etwas wie der rebellische kleine Bruder des "normalen" Duden. Das Nachschlagewerk versteht sich als Momentaufnahme des Sprachgebrauchs. Dennoch gibt es Wörter, die sowohl im altehrwürdigen als auch im neumodischen Duden stehen, wie zum Beispiel "Abwrackprämie", "fremdschämen" oder "vorglühen".
"Für uns ist Sprache ein Indikator für gesellschaftlichen Wandel", sagt Dirk Bathen. "Es zeichnet sich ab, dass möglichst viele Informationen auf wenig Raum transportiert werden, das Weglassen von Silben oder ganzen Verben ist ein Zeichen dafür. Daran lässt sich ablesen, wie die Menschen mit der Flut an Informationen umgehen." Bathen spielt auf neue Kurzformen der Kommunikation wie etwa Twitter an.
Im März dieses Jahres ging die Seite szenensprachenwiki.de » online. Internetnutzer haben mit ihren Wortvorschlägen und Kommentaren direkten Einfluss auf die Entstehung des Wörterbuchs genommen - ähnlich wie auf der Seite www.jugendwort.de », auf der die Nutzer, im Normalfall Jugendliche, über die Vorschläge abstimmen können. Beide Verlage beschäftigen zusätzlich eine Redaktion, die die Bedeutung der Wörter recherchiert und die Häufigkeit deren Vorkommens überprüft - das Ganze ausschließlich im Internet über Suchmaschinen, Plattformen wie Facebook, Studi- oder SchülerVZ. Die reale Sprache - etwa auf den Schulhöfen oder in den Werbeagenturbüros - wird nicht untersucht. In Zeiten der digitalen Kommunikation ist das Vorgehen wohl durchaus zu rechtfertigen. Es drängt sich trotzdem der Verdacht auf, dass die flippigen Wörterbücher letztlich nichts anderes als Kunstprodukte einer geschickten, auf junges Publikum ausgerichteten Marketingstrategie sind.
"Natürlich gibt es auch Jugendliche, die sich einfach mal einen Begriff ausdenken und hochladen", sagt Bernhard Kellner, Sprecher von Langenscheid. "Deshalb gilt bei uns das Kriterium, dass ein Begriff mehrfach hochgeladen werden muss, bevor er überhaupt in die engere Wahl kommt." Und Dirk Bathen vom Trendbüro räumt ein: "Sicherlich würde kein Mensch auch nur ein Drittel der Wörter regelmäßig benutzen, die im Szene-Duden drin stehen. Das ist eine Sammlung aus verschiedenen Szenen - ein Hip-Hopper benutzt andere Ausdrucksweisen als ein Werber oder ein Computerfreak."
Sowohl bei Duden als auch bei Langenscheidt brüstet man sich mit der Dokumentation des Sprachwandels. "Gesellschaftliche Prozesse lassen sich auch an der Jugendsprache ablesen", sagt Kellner. So sei im Jahr der weltweiten Wirtschaftskrise das Wort "Bankster" entstanden - eine Mischung aus Gangster und Banker. Oder auch: "Damager" als abgewandelte Form von Manager.
Beim Deutschen Philologenverband sieht man die Hochsprache durch die Jugend- und Szenewörterbücher nicht in Gefahr. Im Gegenteil, der Bundesvorsitzende Heinz-Peter Meidinger und Leiter eines Gymnasiums in Deckendorf, bindet die Lexika in den Unterricht ein. "Wir lassen beispielsweise Szenen aus dem Faust in Jugendsprache übersetzen - damit kann man entrückte Texte sehr gut herunter brechen." Meidinger schätzt den Einfluss der Wörterbücher auf die Hochsprache gleich null ein. "Die Jugendlichen haben eine Distanz zu diesen Lexika. Sie werden damit nicht in ihrer Lebenswirklichkeit abgeholt, eine universelle Jugendsprache gibt es sowieso nicht, nur spezielle Signalwörter, die sich wiederum regional stark unterscheiden." Letztlich dienten die Trendausgaben wohl einfach nur der Imagepolierung vermeintlich verstauber Wörterbuchredaktionen. "Ein jugendfreundliches Mäntelchen schadet dem Image nie."
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"Kein Mensch würde auch nur ein Drittel der Wörter regelmäßig benutzen, die im Szene-Duden stehen."
Dirk Bathen, Chef des Trendbüros Hamburg
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"Für uns ist Sprache ein Indikator für gesellschaftlichen Wandel", sagt Dirk Bathen. "Es zeichnet sich ab, dass möglichst viele Informationen auf wenig Raum transportiert werden, das Weglassen von Silben oder ganzen Verben ist ein Zeichen dafür. Daran lässt sich ablesen, wie die Menschen mit der Flut an Informationen umgehen." Bathen spielt auf neue Kurzformen der Kommunikation wie etwa Twitter an.
Reale Sprache wird nicht untersucht
Im März dieses Jahres ging die Seite szenensprachenwiki.de » online. Internetnutzer haben mit ihren Wortvorschlägen und Kommentaren direkten Einfluss auf die Entstehung des Wörterbuchs genommen - ähnlich wie auf der Seite www.jugendwort.de », auf der die Nutzer, im Normalfall Jugendliche, über die Vorschläge abstimmen können. Beide Verlage beschäftigen zusätzlich eine Redaktion, die die Bedeutung der Wörter recherchiert und die Häufigkeit deren Vorkommens überprüft - das Ganze ausschließlich im Internet über Suchmaschinen, Plattformen wie Facebook, Studi- oder SchülerVZ. Die reale Sprache - etwa auf den Schulhöfen oder in den Werbeagenturbüros - wird nicht untersucht. In Zeiten der digitalen Kommunikation ist das Vorgehen wohl durchaus zu rechtfertigen. Es drängt sich trotzdem der Verdacht auf, dass die flippigen Wörterbücher letztlich nichts anderes als Kunstprodukte einer geschickten, auf junges Publikum ausgerichteten Marketingstrategie sind.
"Natürlich gibt es auch Jugendliche, die sich einfach mal einen Begriff ausdenken und hochladen", sagt Bernhard Kellner, Sprecher von Langenscheid. "Deshalb gilt bei uns das Kriterium, dass ein Begriff mehrfach hochgeladen werden muss, bevor er überhaupt in die engere Wahl kommt." Und Dirk Bathen vom Trendbüro räumt ein: "Sicherlich würde kein Mensch auch nur ein Drittel der Wörter regelmäßig benutzen, die im Szene-Duden drin stehen. Das ist eine Sammlung aus verschiedenen Szenen - ein Hip-Hopper benutzt andere Ausdrucksweisen als ein Werber oder ein Computerfreak."
Wirtschaftskrise hinerlässt auch in der Sprache Spuren
Sowohl bei Duden als auch bei Langenscheidt brüstet man sich mit der Dokumentation des Sprachwandels. "Gesellschaftliche Prozesse lassen sich auch an der Jugendsprache ablesen", sagt Kellner. So sei im Jahr der weltweiten Wirtschaftskrise das Wort "Bankster" entstanden - eine Mischung aus Gangster und Banker. Oder auch: "Damager" als abgewandelte Form von Manager.
Beim Deutschen Philologenverband sieht man die Hochsprache durch die Jugend- und Szenewörterbücher nicht in Gefahr. Im Gegenteil, der Bundesvorsitzende Heinz-Peter Meidinger und Leiter eines Gymnasiums in Deckendorf, bindet die Lexika in den Unterricht ein. "Wir lassen beispielsweise Szenen aus dem Faust in Jugendsprache übersetzen - damit kann man entrückte Texte sehr gut herunter brechen." Meidinger schätzt den Einfluss der Wörterbücher auf die Hochsprache gleich null ein. "Die Jugendlichen haben eine Distanz zu diesen Lexika. Sie werden damit nicht in ihrer Lebenswirklichkeit abgeholt, eine universelle Jugendsprache gibt es sowieso nicht, nur spezielle Signalwörter, die sich wiederum regional stark unterscheiden." Letztlich dienten die Trendausgaben wohl einfach nur der Imagepolierung vermeintlich verstauber Wörterbuchredaktionen. "Ein jugendfreundliches Mäntelchen schadet dem Image nie."
Herkunft
Nach wie vor machen die Anglizismen den Großteil der Jugendsprache aus. Manchmal sind sie eingedeutscht, wie etwa "nailen" (jemanden mit den Fingernägeln kratzen). Auch das Präfix "ab" ist weiterhin populär: "abspacen", "abchillen", "abflashen". Die sogenannte Szenesprache, die der Duden in seinem Trendwörterbuch aufgreift, speist sich sowohl aus Begriffen der Jugendsprache als auch aus Wortschöpfungen aus verschiedenen "erwachsenen" Szenen wie dem Jargon der Medien-, Job-, Netzwerk- oder Popkultur.Langenscheidt: "Hä?? Jugendsprache unplugged" (2,95 Euro); Duden: "Das neue Wörterbuch der Szenesprachen" (14,95 Euro)
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