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Prozess in Pflegeheimen

Gericht on Tour als Dorfattraktion

Susanne Janssen, veröffentlicht am 06.11.2009
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Prozess mit Richtern ohne Roben: im betreuten Wohnen geht es auch bei der Vernehmung von betagten Zeugen familiär zu. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Schon kurz nach neun Uhr sitzen die Senioren aus der Wohnanlage in Unterensingen in ihrem Gemeinschaftsraum, den sie selbst gestalten und verwalten. Die Stimmung ist bestens, schließlich wird an diesem Donnerstag etwas geboten: Die 16. Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts kommt, nebst Staatsanwalt, zwei Angeklagten und Verteidigern, zur Zeugenvernehmung nach Unterensingen. Doch die Beteiligten stehen im Stau - vor dem Stuttgarter Kreuz steht ein Lastwagen quer. Die elf Bewohner richten sich auf die Wartezeit ein: "Weiß jemand einen guten Witz?", fragt Paolo, Hausmeister und gute Seele der betreuten Wohnanlage. Wobei er das Wort gar nicht mag: "Wir betreuen uns selbst", betont er immer wieder.


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Nur Vera R. ist nervös. Sie soll als Zeugin vernommen werden. Der 83-Jährigen wurden 420 Euro gestohlen, als ein Mann an der Tür klingelte und "Grüße von der Berta" ausrichtete. Sie blieb cool, "ich kenne keine Berta". Doch der Unbekannte wollte 50 Euro gewechselt haben, was die hilfsbereite Frau tat. Dann klingelte ein vermeintlicher Paketbote an der Tür, kurz darauf verabschiedete sich der unbekannte Mann - und als Vera R. später einkaufen wollte, entdeckte sie den Geldverlust.

Gerichtsverhandlung wie im Fernsehen?


Franz hält Wache, damit das Gericht den Eingang findet, eine Frau ist schon ganz gespannt, weil sie sonst "eine Gerichtsverhandlung nur aus dem Fernsehen kennt". Schließlich trifft die 16. Strafkammer ein, die Justizangestellte klebt den Aushangzettel an die Tür, schnell werden die Tische in U-Form aufgestellt. Alle sind begeistert. Nur Vera R. soll auf ihr Zimmer, damit sie den Angeklagten nicht vorher sieht.

Doch die Anwälte und ein Angeklagter stehen weiterhin im Stau. Das Publikumsinteresse bröckelt ab. Der 59-Jährige, der in Untersuchungshaft sitzt, geht mit den zwei Polizisten, die ihn bewachen, rauchen. Für ihn und seinen Partner - die beiden sind seit 2005 verheiratet - sieht es nicht schlecht aus. 90 Taten wollte die Polizei ihnen zur Last legen, 28 hatte der Staatsanwalt angeklagt, doch nur eine Handvoll blieb bisher übrig. Die beiden Männer schweigen. Und nur wenige der zum Teil hochbetagten Opfer erkannten sie wieder. Weil einige nicht mehr so mobil sind, versucht die Kammer nun, sie vor Ort als Zeugen zu vernehmen. Unterensingen ist die erste Station.

Gegenüberstellungen sind nicht einfach


Kurz vor 13 Uhr hat das Warten ein Ende: Der zweite Angeklagte und seine Aachener Anwälte sind dem Stau entkommen. Jetzt geht alles ganz schnell: Der Vorsitzende Richter Martin Friedrich eröffnet die Sitzung, Vera R. soll sagen, ob sie einen der Angeklagten erkennt. "Ich bin auf einem Auge blind, und es blendet", klagt die Frau. Der 59-Jährige und sein 42-jähriger Partner treten näher. "Der kleinere war es auf gar keinen Fall," sagt Vera R. Lächelnd geht der 59-Jährige wieder auf seinen Platz. Und der andere? "Der hatte damals einen guten Anzug an", sagt die Zeugin unsicher. "Könnte er es eventuell sein?", startet Friedrich einen letzten Versuch. Doch Vera R. mag dies nicht behaupten.

Schon eine Viertelstunde später sind alle wieder auf Tour. Die nächste Station ist das Bürgerhaus in Schelklingen (Alb-Donau-Kreis). Hier wurden einem 84-Jähriger 300 Euro gestohlen, die ihm sein Neffe kurz zuvor gebracht hatte. Der Neffe war als Zeuge in Stuttgart gewesen und hatte erklärt, dass er den 59-Jährigen auf dem Gang getroffen hatte. Nun soll aber sein Onkel den Mann, der ihn so übel betrogen hat, selbst erkennen.

Das Publikum hat sich verflüchtigt - das Gericht hat drei Stunden Verspätung. "Ich dachte, es kommen mehr", sagt der Neffe enttäuscht. Um 14.33 Uhr wird die Sitzung fortgesetzt. Onkel Schorsch erzählt seine Geschichte: "Da stand ein Herr und sagte: ,Ich bin der Anton, Sie kennen mich doch." Er wollte Geld gewechselt haben und lockte ihn danach auf den Balkon, "er wollte mir seine Frau zeigen". Als der Rentner wieder ins Zimmer trat, war sein Geld weg - und der angebliche Anton auch.

Die Gegenüberstellung beginnt. "Ich glaube, der war es", sagt der Onkel über den 59-Jährigen. Auch die Größe stimme. Doch dann schaut er den 42 Jahre alten Partner an. "Der könnte es auch gewesen sein. Der wirkt vitaler." Der 84-Jährige wird unsicher. "Ich will ja keinen in die Pfanne hauen", sagt er - er sei sich nicht sicher. Der Richter bleibt freundlich. Der Termin in Balingen wird verlegt, weil es schon zu spät ist. Die beiden Angeklagten lächeln.


Kommentare (1)
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Tom,
17.11.2009
Gericht on Tour
Hat man hier so eine Welle gemacht, weil das Pärchen schwul war?
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