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Kommunales Kino

Drei Ideen für ein Koki

Thomas Klingenmaier, Thomas Basgier, Peter Erasmus, Marianne Gassner und Constantin Schnell, veröffentlicht am 21.11.2009
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Foto: Koki


Stuttgart - Im Sommer letzten Jahres ist das Kommunale Kino mit Karacho in die Insolvenz gerauscht. Die Pleite barg politischen Zündstoff. Der Trägerverein des Koki hatte seit etlichen Jahren sein Budget überzogen und sich stets mit Bankkrediten gerettet - mit Vorgriffen auf noch gar nicht bewilligte Zuschüsse des kommenden Jahres. Die Kulturverwaltung sei stets eingeweiht gewesen in dieses Vorgehen, beteuerten die Geschäftsführer des Koki. Sie habe nichts von diesen Praktiken gewusst, versicherte Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann, und könne nun nur die Notbremse ziehen. Die gegenseitigen Schuldzuweisungen wurden auch darum nicht aufgearbeitet, weil die Kulturverwaltung sofort zusicherte, nach Möglichkeiten für eine neue Koki-Konstruktion zu suchen. Als Eisenmann noch vor der Gemeinderatswahl das Modell präsentierte, in den ehemaligen Ambo-Kinos beim Hauptbahnhof Kleintheater und Koki unterzubringen, schien eine Runde freier öffentlicher Ideenentwicklung eingeleitet. Nach der Wahl verschwand das Projekt aber in den geschlossenen Beratungszirkeln des Gemeinderates. Dort haben sich Zweifel an Sinn und Finanzierbarkeit entwickelt. Das Ambo-Projekt ist vorerst gestrichen.

Nun nehmen Koki-Interessierte Stellung. Der Filmpublizist und Festivalmacher Thomas Basgier, der für die Stadtverwaltung am Ambo-Konzept geschrieben hat, plädiert für dessen Beibehaltung. Der Stuttgarter Kinobetreiber Peter Erasmus (Atelier am Bollwerk, Delphi) will das Koki in Untermiete zu sich nehmen. Und der ehemalige Koki-Vereinsvorstand Constantin Schnell plädiert für ein Provisorium im Filmhaus.
 

Seite 1 Planungen: Drei Ideen für ein Kommunales Kino
Seite 2 Idee 1: „Das Ambo ist der richtige Ort“
Seite 3 Idee 2: „Mein Trumpf: das Umfeld“
Seite 4 Idee 3: „Nutzt das alte Koki!“


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Kommentare (2)
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Joachim Polzer,
21.11.2009
Fallstricke des Offensichtlichen
Dass ich mich vom weit entfernten Berlin aus nunmehr erneut zur laufenden Dabatte um das Wiederaufleben eines "Kommunalen Kinos" in Stuttgart melde, hat zum einen damit zu tun, dass ich als gebürtiger Stuttgarter frühe und prägende Kinoerlebnisse verbinde mit dem Mitte der 1970er-Jahre noch im "Studio der Landesgirokasse" spielenden Kommunalen Kino; auch im Kepplersaal des Planetarium konnte man, vor dem Umzug ins "Filmhaus", in einem weiteren "Provisorium", einst ein engagiertes Programm erleben.

Andererseits schaue ich als Filmpublizist und Festivalmacher des "Globians Doc Fest Berlin" mehr als interessiert auf die Kinoszene meiner Geburtsstadt: Für unseren ersten eigenständigen Festivalableger habe ich mir meine alte Heimatstadt ausgesucht; das erste "Globians Doc Fest Stuttgart" wird im November 2010 als Testlauf nun im Linden-Museum stattfinden. Unsere meist ethnographisch fokussierten "Welt- und Kultur"-Dokfilme passen ganz gut in dessen Kontext. Nach der weltweiten Ausschreibung lagen in vier Tagen bereits 60 Einreichungen von Filmemachern vor.

Dabei erscheint mir die laufende Debatte um's "Koki" derzeit sehr bizarr. In der bislang stets erfolgsverwöhnten und prosperierenden Landeshauptstadt wird im Gegensatz zu anderen Großstädten zwar - noch - nicht die Schließung der kommunalisierten Theater ankündigt. Derweil wird dem gesamten kulturellen Mittelfeld der Subventions-Saft abgedreht, weil die dünne Schicht der freien Projektmittel durch Subventionskürzungen nicht mehr zur Verfügung steht.

Will die Debatte um's Wiederauflebenlassen des Stuttgarter "Koki" also mehr sein als nur irrelevant, hat sie verschiedene Fakten und Erfahrungswerte zur Kenntnis zu nehmen:

1. Ein Mischbetrieb aus subventioniertem Kommerzialismus mit Spielwiese für die Festivallandschaft bewährt sich in der Regel nicht. Es kommt dabei meist zu Verwerfungen zwischen Subventionsbetrieb und kommerziellem Ableger; die Häufung von Festival-Engagements führt letztlich zur Profillosigkeit für beide Seiten.

2. Die Entleerung einer Immobilie dient in der Regel dem Zweck der Wertsteigerung bei einer Weiterveräußerung oder durch "Entwicklung". Das schien mir aus der Ferne damals der eigentliche Zweck der "Entlassung in den Konkurs" gewesen zu sein. Ein insolvent gewordener Mieter hat in der Regel keine "Restlaufzeit" seines Mietvertrags zu beanspruchen.

3. Cafe ist Cafe und Theater ist Theater, weil Kino eben Kino ist. Mischformen aus den drei Grundformen der kulturellen Geselligkeit funktionieren in den allerwenigsten Fällen.

4. In einer Zeit, in der weite Teile des Kinorepertoirs auf Silberscheibe oder als Download zur privaten Verfügung im Heimkino zur Verfügung stehen, haben Kommunale wie Programm-Kinos größte Schwierigkeiten, für historisch angelegte Filmreihen ein Publikum zu finden. Das Vermittlungsproblem, eine Form zu finden, wie man für Filmgeschichte ein Kinopublikum findet, ist die ungelöste Aufgabe für das Weiterbestehen von engagiertem Kino, das über Auswertungsfenster von aktueller Ware über 1 - 2 Wochen hinausreicht.

5. Das alte Filmstreifenkino ist schon Museum; das neue Digitalkino ist kein Kino mehr im traditionellen Sinne, weil es nicht mehr exklusiv Kinofilme zeigen muss, sondern "Programmware". Will man die Historie des Kinos bewahren, steht man vor der Herkulesaufgabe sich zwischen historischer Aufführungspraxis und digitalem Allerlei zu entscheiden. Wie bei jeder historischen Aufführungspraxis treten "Fallstricke des Offensichtlichen" auf.

6. Ich bezweifle, dass meine alte Heimatstadt das Format und noch das dazu notwendige Vermögen hat, sich ein lebendiges "Filmmuseum" an einem Schau-Platz leisten zu können oder auch nur zu wollen. Ein Kino an einer Auto-Schnellstraße ist verkehrt am Platz, weil Kinos als soziale Räume sich über den topologisch vorgelagerten öffentlichen Raum definieren. Ein "Filmmuseuum" ist so lebendig wie ein "Theatermuseum" oder ein "Opernmuseum" mit Spielbetrieb auch lebendig ist. Ein Stuttgarter Filmmuseum gehört in den Schloßgarten.

7. Man darf die Aufgabe nicht unterschätzen, heute einen Kinospielbetrieb mit historischem Kinorepertoire - also mit Filmwerken, die älter als 1 - 2 Wochen/Monate/Jahre sind – aufrecht zu erhalten.

8. Wenn sich Bürger in Potsdam ganze Schlösser und Universitätsinstitute aus ihrer Portokasse der Bilanzkapitalisierung leisten wollen und können, dann verstehe ich nicht, wieso das in Stuttgart nicht auch gehen sollte, gerade dort. In gefährdeten Zeiten sollte man das Tollkühne wagen. Die Zeiten eines Lothar Späth mit seinen Visionen über die Bedeutung der Kultur als Zukunftsfaktor und Standortsicherungsmaßnahme scheinen zudem sehr weit weg, wie aus dem vorigen Jahrhundert.


Joachim Polzer
Film-Publizist und Festival-Kurator
www.kinoperspektiven.de
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