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Rosberg soll den Silberpfeil-Mythos beleben

Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 24.11.2009

Seit längerem wird keine einzige Formel-1-Runde mehr gedreht. Doch die Motorsportabteilung von Mercedes-Benz veranstaltet im Wochentakt Telefonkonferenzen mit Journalisten, als finde die Hochsaison statt. Aber was will der Mercedes-Sportchef Norbert Haug auch tun: es gibt für ihn ja jede Woche so etwas Ähnliches wie eine vorweggenommene Bescherung. Am vorvergangenen Montag verkündete er die Gründung des deutschen Formel-1-Rennstalls Mercedes-GP. Gestern folgte die offizielle Bestätigung der sich ankündigenden Verpflichtung des Piloten Nico Rosberg. "Die Formel 1 braucht gute Nachrichten", sagt Haug, "und wir wollen versuchen, sie zu liefern."

Seit fast 20 Jahren ist Haug der Mercedes-Sportchef - und doch erst nach so langer Zeit am Ziel seiner Träume. Insofern hat der Leonberger die Rollen ein wenig vertauscht, wenn er sagt, er würde hier irgendjemanden beschenken - in Wirklichkeit greift er selbst mächtig auf dem Gabentisch zu. Die Daimler-Konzernführung steht hinter ihm und bewilligt den Kauf des britischen Rennstalls Brawn-GP. Und dann gibt es obendrein noch einen deutschen Piloten, der sich künftig von einem Mercedes-Aggregat um die Kurven bewegen lässt - wie lange hat Haug auf diesen Augenblick gewartet. Er würde es nicht zugeben, das gehört sich nicht; doch durch das Telefon ist die ausgezeichnete Verfassung des Schwaben Wort für Wort spürbar.

Es gibt wieder einen echten Silberpfeil, und nach 54 Jahren sitzt erstmals wieder ein deutscher Fahrer darin - da fallen Ostern, Weihnachten und Geburtstag sozusagen auf einen Tag. Übrigens ist dieser Termin sehr aktuell: Haug wird heute 57 Jahre alt. Und jetzt, wo sich die anderen Autokonzerne aus der Rennserie verabschieden, geht für den Mercedes-Rennsportchef das Formel-1-Engagement erst richtig los.

Der gebürtige Wiesbadener Nico Rosberg teilte die Freude mit seinem neuen Chef und war sich der Ehre auch bewusst, nach Karl Kling und Hans Herrmann im Jahr 1955 erster deutscher Mercedes-Fahrer zu werden. "Es wurde Zeit für einen Deutschen im Silberpfeil, das ist wirklich cool", sagte der Sohn des Exweltmeisters Keke Rosberg. Zu dieser Ehre kam der in Monaco aufgewachsene Rennfahrer aber wohl auch wegen der 39 Jahre langen Zwangspause, die sich Mercedes in der Formel 1 verordnete. Am 11. Juni 1955 starben in Le Mans bei der größten Tragödie in der Geschichte des Motorsports mehr als 80 Zuschauer. Ein havarierter Mercedes riss die Menschen in den Tod.

Norbert Haug hat 1994 wieder den Einstieg durchgesetzt und dem Mythos Silberpfeil zu neuem Glanz verholfen, drei Fahrertitel zeugen davon. Reibungsfrei war die Partnerschaft mit McLaren nicht immer gewesen, doch als hartnäckigste Ferrari-Widersacher von Erfolg geprägt. Nun ist Mercedes nach dem Brawn-Kauf wieder eigenständig - und mit Nico Rosberg am Steuer eine Formel-1-Marke made in Germany. "Wenn ich die Wahl zwischen allen Formel-1-Teams gehabt hätte, dann hätte ich Mercedes gewählt. Das ist mein Traumteam. Ich wünsche mir wirklich, langfristig mit dieser Mannschaft zu arbeiten und sehr viele Erfolge einzufahren", sagte Rosberg, der froh ist, endlich mal in einem "guten Auto" zu sitzen. Da darf er zeigen, was er kann.

Vier Jahre lang hielt der oft als Sonnyboy bezeichnete Blonde dem Privatteam Williams die Treue - versäumte es dabei aber nicht, durch starke Leistungen auf sich aufmerksam zu machen. Der 24-Jährige hat aus dem blauen Auto immer mal wieder mehr rausgeholt als die Experten für möglich hielten. Norbert Haug blieb Rosbergs Talent nie verborgen. "Ich habe sein Karriere lange Zeit verfolgt", sagt er, und daraus resultierte die Verpflichtung. Rosberg sei erfahren, "und ich glaube, dass wir von ihm sogar noch eine Steigerung sehen werden - so gut er schon war", sagt Haug. Der Vertrag gilt nur für ein Jahr. Doch eine längere Zusammenarbeit beabsichtigen beide Parteien.

Wer wird Rosbergs Partner? Nick Heidfeld? Kimi Räikkönen? Michael Schumacher gar? Haugs Teamchef Ross Brawn dementierte die Gerüchte um den großen Schumacher, auch für Haug ist das kein Thema. Allerdings reagierte Rosberg auf die Schumacher-Frage immer wieder mit den verdächtig eingeübt klingenden Worten: "Kein Kommentar". Den Silberpfeilen ist im Herbst 2009 aber irgendwie alles zuzutrauen. Sie haben einen Lauf.
 
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