Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Dienstag, 16. März 2010
Reise
ePaper |  Mobil |  RSS |  Kontakt |  Sitemap

Touristen und Traveler

Ich sehe was, was du nicht siehst

Tomo Pavlovic, veröffentlicht am 18.01.2010
Foto: fotolia

Erwin Löffler und James Cook trennen Welten. Galaxien. Komplette Sonnensysteme. Der eine fühlt sich als derber Bayer an der italienischen Adriaküste am wohlsten, wenn "alles so richtig deutsch ist". Wenn er sein Auto von der Strandliege aus im Blick hat, die Kellner seinen "Expresso" bringen. Es war der Kabarettist Gerhard Polt, der 1987 seinen Landsleuten, den Reiseweltmeistern, den Zerrspiegel vorhielt: Unvergesslich seine Rolle als Erwin Löffler in "Man spricht Deutsch", der Filmsatire über die Nöte eines gutmütigen Prolls, der mit sexuell frustriertem Spießerweib und übergewichtigem Problemgör einen schwitzigen Pauschalurlaub zwischen Teutonengrill und Leberkäse verbringt. Was Löffler, der Pauschalurlauber aus Ampermoching, serviert bekommen will, ist einfach: die traute Heimat, das bekannte Lebensschnitzel, paniert mit ein wenig Sand, Sonne und Meer. Ballermann light.

"Mein Schicksal treibt mich von einem Extrem ins andere", soll James Cook einst über seine Obsession, ferne Welten zu erkunden, geschrieben haben. Cook, der Überwinder, der Kapitän, der Reisende. Dieser Supermann trug sich in die Geschichtsbücher ein, trotzte wilden Stämmen, falschem Kartenmaterial und fiesem Skorbut. Als heroische Glanzleistung gilt Cooks Entdeckung Australiens. Doch so viel Neugierde hat ihren Preis: 1779 bezahlte der britische Seefahrer sein Fernweh mit dem Leben, als er bei seiner dritten Südseeexpedition in der Bucht von Kealakekua auf Hawaii von Ureinwohnern niedergestochen wurde. James Cook, der Studienreisende de luxe.

Und wir? Wir Pseudo-Bildungsbürger, GPS-Hörigen, Jakobswegzertrampler? Wir Olivenölzutzler, Tempelbestauner, Einheimischenversteher? Wir Himalaya-Erklimmer und Atakama-Durchquerer? Wir verlachen doch jenen Erwin Löffler, welcher als bequemes, leicht auszurechnendes Faultier der Tourismuskonzerne gilt, und suchen alle Urlaubsjahre wieder voller Hochmut den James Cook in uns: den wahrhaft Reisenden. Das Individuum will ja auf zu neuen Ufer. Weg aus der Masse. Hin zum authentischen Ich.

Das Problem ist nur: Was wir bei unseren Expeditionen entdecken, ist einiges, aber leider keine einsamen Inseln, von einer Ursprünglichkeit ganz zu schweigen. Nach Meinung des französischen Philosophen Jean Baudrillard kreisen wir – und kommen nie weiter, als wir schon sind: "Es ist keine Linearität und nichts Unendliches mehr möglich, es gibt nur noch eine Zirkularität, deren kitschige Ausprägung der heutige Tourismus darstellt ... Heute ist nicht mehr die Zeit der großen Reisenden, die noch etwas zu entdecken glaubten – und die es auch entdeckten." So begegnen wir uns schließlich selbst – oder besser: unserer ungestillten Sehnsucht nach dem anderen. Doch wenn Baudrillard recht hat und die Globalisierung jeglichen Exotismus tilgt, tun wir unserem Erwin Löffler schlimmes Unrecht an. Der Mann macht sich immerhin keine Illusionen. Sein Pech: Niemand hat bisher eine Satire über all jene gedreht, die mit einem "Lonely Planet"-Reiseführer die Welt zu erobern glauben.

Der Unterschied zwischen dem gemeinen Touristen und dem edlen Reisenden, dem Traveler, lässt sich gut am alten englischen Wort "travel" ablesen, das ursprünglich "travail" lautete und so viel bedeutete wie Arbeit oder Qual. Tatsächlich quälen sich die meisten von uns und suchen stets nach dem viel beschworenen Geheimtipp: nach authentischen Erfahrungen und Mitbringseln. Wir wünschen uns das Einzigartige. Den Superlativ. Also machen wir irrwitzige Umwege, um in der Haute-Provence ein uraltes Hutzelpärchen in einem Steinhaus wachzuklingeln, welches im Ruf steht, den besten Lavendelhonig zu imkern. Deswegen zuckeln wir tagelang im Schritttempo mit unklimatisierten Jeeps ins Akakus-Gebirge in der libyschen Sahara, um die absolute Stille zu erleben. Zu Hause angekommen, erzählen wir Geschichten, prahlen mit den Trophäen des Authentischen. Spielen James Cook. Und lassen pikante Details unerwähnt: etwa dass der Lavendelhonig auch im Internet zu bestellen gewesen wäre (das alte Paar besitzt einen DSL-Anschluss) oder dass die Tuaregs in der libyschen Oase alkoholfreies bayerisches Bier verkaufen.

Wer also seine Grenzen neu abstecken will, muss auch etwas riskieren. Gleich zum Mars fliegen. Oder Destinationen anpeilen, die in keinem Reisebüro zu buchen sind. Kriegsreporter und Polarforscher können sicher weiterhelfen. Oder aber: Man verfügt über das nötige Kleingeld. Und sucht den einsamen Strand nicht an der Côte d’Azur im August, sondern beim Inselmakler Farhad Vladi. Der Hamburger Kaufmann behauptet: "Eine Insel ist die Apotheke für die Seele" – und verkauft die passenden Medikamente an seine meist vermögenden Patienten. In den vergangenen 30 Jahren verschrieb Vladi mehr als 2000 Inseln. Prominente Privatinsulaner wie Johnny Depp oder Nicolas Cage gehören zu den letzten beneidenswerten Menschen, die noch wissen, wie ein einsamer Strand ohne Beach-Boys und ranzige Fleischberge ausschaut. Die anderen blättern weiterhin in "paradiesischen" Reisekatalogen, leiden unter dem "Robinson-Komplex", wie "Die Zeit" einmal treffend titelte.

Doch die ewige Sehnsucht und Flunkerei ist nicht jedermanns Sache. Judith Schalansky zum Beispiel. Die Autorin hat im vergangenen Herbst das vielleicht schönste und ehrlichste Reisebuch geschrieben, den "Atlas der abgelegenen Inseln", samt Kartenmaterial und Routen. Nur der Untertitel klingt ernüchternd: "Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde." Schalansky weiß nämlich: Wir sind keine Cooks. Ihre Inselreisen stehen im Konjunktiv. Sie war nie dort. Die größten Abenteuer erlebt man eben nur im eigenen Kopf. Wir sind: Touristen. Und vielleicht steckt in jedem von uns nur ein ganz normaler Erwin Löffler.
 
Mehr zu Reise

Machen Sie bei unserem Oster-Gewinnspiel mit. Der Gewinner darf sich über einen Einkaufsgutschein im Wert von 400,- Euro von unserem Partner Transvelo freuen. klicken Sie hier!

Leserreisen

Zu Gast bei Goethe, Bach und Mendelssohn
Städtereise in die Kulturmetropole Leipzig
Reisetermine 15. bis 19. Mai und 26. bis 30. November 2010 mehr


Aktuelle Leser-Kommentare
Aus dem Artikel "Kampfhund dreht durch"
Beruhigungstabletten
Von Wolfgang Krauss
Aus dem Artikel "Der Handel ums Breuningerland beginnt"
Vergrösserung
Von ProBreuni
Aus dem Artikel "Der Bund - ein unsicherer Partner"
Entschuldigung
Von Stuttgarter
Aus dem Artikel "Tim K.'s Vater will nicht vor Gericht"
RAGN As Horizont muss endlich mal auf die Realität justiert werden. Geisterfahrer unterwegs!
Von Ir-Ragna etc.
Aktuelle Videos

Eine Reise wert

Auf der Sonnenseite des Schwarzwalds

ANZEIGE Auszeit in einer bezaubernden Urlaubsidylle. Die Ferienregion ist idealer Ausgangspunkt für Tagesausflüge. Rings um Sasbachwalden liegen in alle Himmelrichtungen verstreut sehenswerte Orte und Attraktionen. mehr
Anzeige

 
nach oben