Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Montag, 06. September 2010

Stuttgarter Zeitung

ePaper |  Mobil |  RSS |  Kontakt |  Sitemap

Im Südwesten keimt Hoffnung

Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 18.01.2010

Bosch benötigt keine, VW auch nicht, aber BMW hat die Zahl aufgestockt. Auch Porsche und Mercedes treten als Nachfrager auf. Die Rede ist von Leiharbeitern, Beschäftigten, die für eine bestimmte Zeit in Unternehmen geholt werden. Porsche hat an einigen Standorten - unter anderem in Stuttgart, Weissach und Leipzig - die Zahl der Zeitarbeiter wieder leicht aufgestockt. Mercedes hat im Werk Sindelfingen, in dem noch vor wenigen Wochen kurzgearbeitet wurde, inzwischen 300 Leiharbeiter eingestellt; Grund sei das große Interesse sowohl an der E- als auch an der S-Klasse. BMW hat derzeit 3300 Beschäftigte geliehen - unter anderem in Leipzig. In Boomzeiten hat der Autohersteller zwischen 5000 und 6000 Leiharbeiter beschäftigt; im vergangenen Jahr waren es nur 1500. Dies hat auch mit dem Wechsel von Automodellen zu tun, aber nicht nur.

In Spitzenzeiten haben Zeitarbeitsunternehmen in Deutschland fast 814 000 Beschäftigte ( September 2008) an Unternehmen ausgeliehen. Die Wirtschaftskrise hat die Branche gebeutelt. Der Tiefpunkt war im Mai 2009 mit 517 000 Leiharbeitern erreicht. In Baden-Württemberg war die Entwicklung besonders negativ: 40 Prozent der Leiharbeiter sind im wahrsten Sinne auf der Strecke geblieben (Oktober 2009 verglichen mit Oktober 2008). Im Bundesschnitt waren es "nur" 24 Prozent. Besonders in der Flaute hat sich die Stärke des Südwestens als großer Nachteil erwiesen - Autoindustrie und Maschinenbau waren hart getroffen.

Seit Mitte vergangenen Jahres ist der Abwärtstrend im Bundesgebiet gestoppt - im Oktober beschäftigte die Zeitarbeitsbranche wieder knapp 600 000 Menschen. Damit liegt der Anteil der Leiharbeiter gemessen an allen Beschäftigten bei 1,5 Prozent. Der Aufschwung hat lange Zeit den Südwesten links liegen lassen. "Seit Oktober spüren wir, dass es auch in Baden-Württemberg wieder aufwärtsgeht", erläutert Suzana Bernhard, Geschäftsführerin der Dekra Arbeit GmbH. Die Entwicklung kann der Bundesverband Zeitarbeit (BZA) mit Zahlen untermauern. Unter anderem in der Region Stuttgart-Heilbronn sei im Oktober der deutlichste Beschäftigungsanstieg realisiert worden, hat der Verband errechnet: plus 1,5 Prozent. Im Monat zuvor stand hier noch ein Minus.

Allerdings spüre man die Verunsicherung in den Unternehmen, sagt Bernhard. Die Nachfrage sei noch sehr verhalten, ein Kunde frage eher nach einem oder zwei denn nach 20 Zeitarbeitern. Auch die Verweildauer habe sich deutlich reduziert. Teilweise sei ein Zeitarbeiter nur für zwei oder drei Wochen in einer Firma beschäftigt; vor der Krise seien es nicht selten mehr als sechs Monate gewesen.

Die Chefin der Dekra-Arbeit spricht allerdings von großen Unterschieden, von einer Zweiteilung des baden-württembergisches Marktes - in Firmen, die die Kurzarbeit beendet haben und denen es wieder relativ gut gehe, und in Unternehmen, die von Aufschwung noch nichts spürten. Was beide unterscheidet, kann die Dekra-Geschäftsführerin nicht sagen. "Ich habe es nicht herausgefunden." Es handele sich dabei um Unternehmen, die in derselben Branche tätig seien, ähnliche Produkte und eine vergleichbare Größe hätten - nur der eine habe neue Aufträge, der andere nicht. Nicht mal mit regionalen Unterschieden seien solche Firmenkonjunkturen zu begründen; teilweise seien die Firmensitze nur 30 Kilometer voneinander entfernt. Etwa 40 Prozent der Unternehmen im Südwesten, schätzt Bernhard - "es ist ein Bauchgefühl" - gehe es wieder gut. Allerdings, räumt sie ein: "Mit der Lage in 2008 ist das nicht zu vergleichen."

4500 Zeitarbeiter hat die Dekra Ende November beschäftigt, 1700 mehr als Anfang vergangenen Jahres. Damit liege man nur noch 10 bis 15 Prozent unter dem Niveau der Boomzeiten. Gefragt seien Lagerarbeiter und Logistikbeschäftigte, ein großer Anteil entfalle auf Facharbeiter und kaufmännisches Personal. Gefragt sei zudem Pflegepersonal. Rund zehn Prozent der verliehenen Beschäftigte seien Ingenieure. Ähnlich sieht es im gesamten Bundesgebiet aus. Rund ein Drittel der Zeitarbeiter sind un- oder angelernte Tätigkeiten, heißt es bei der Bundesagentur für Arbeit. Nennenswerte Verschiebungen in der Qualifikation habe es nicht gegeben.

Gerade der hohe Anteil der Hilfsarbeiter treibt die Branche derzeit um. Grund ist das Entsendegesetz - spätestens im Mai nächsten Jahres werden die europäischen Grenzen geöffnet, dann können osteuropäische Zeitarbeiter auch hier tätig werden. Die Branche befürchtet einen Preiskampf - ausgelöst durch Dumpinglöhne. Polen und Tschechen würden schon heute teilweise für vier bis fünf Euro pro Stunde im Bereich Logistik in Ostdeutschland arbeiten, ist zu hören. Hierzulande werde in der untersten Lohngruppe rund 7,50 Euro pro Stunde gezahlt - dies haben die beiden großen Verbände BZA und IGZ (Interessenverband deutscher Zeitarbeitsunternehmen) mit dem DGB vereinbart. Sie fordern nun einen Mindestlohn für ihre Branche.

Bernhard hält es für wichtig, dass die Beschäftigten anständig bezahlt werden - wobei man anzweifeln darf, ob dies bei 7,50 Euro pro Stunde der Fall ist. Dann nämlich seien die Beschäftigten motivierter und weniger krank, sagt sie. Man brauche sich keine Sorgen zu machen, ob die Beschäftigten morgens auch tatsächlich am Arbeitsplatz erscheinen. Die Zuverlässigkeit sei schon ein Problem, räumt auch der Sprecher des BZA ein. Dies gelte vor allem für Beschäftigte, die zuvor keiner Arbeit nachgegangen sind - und das sind 60 Prozent der Zeitarbeiter. Manchmal würden Dekra-Mitarbeiter Säumige "wie ein Kind an die Hand nehmen" , erzählt Bernhard. Das Problem löse sich, sobald die Menschen im Betrieb integriert und akzeptiert seien.
 
Mehr Wirtschaft
Es darf weiter gezittert werden Die Börsenwoche
(kostenpflichtiger Artikel) VERLEIHUNTERNEHMEN BOOMEN
(kostenpflichtiger Artikel) "Die Bauern haben nichts zu sagen"
(kostenpflichtiger Artikel) Impressum
(kostenpflichtiger Artikel) "Gespräche gescheitert"
(kostenpflichtiger Artikel) Bündnis mit Delta Airlines
(kostenpflichtiger Artikel) Präsident wehrt sich gegen Vorwürfe
(kostenpflichtiger Artikel) KRITIKER DES BAUERNVERBANDES
(kostenpflichtiger Artikel) Wichtigen Neubauprojekten droht das Aus
(kostenpflichtiger Artikel) Sarkozy setzt sich durch
Alle Artikel des Ressorts
STUTTGARTER ZEITUNG
Aus der Zeitung vom
Anzeigen
Immobilienmarkt 6544 Angebote »
Automarkt 1921 Angebote »
Aktuelle Videos
Veranstaltungen

06.09. | Galerien für Kunst und Technik

Timm Ulrichs

Das Leben als Kunstwerk mehr
Finden Sie
Heute können Sie aus 131 Veranstaltungsterminen auswählen
StZ ePaper
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
Für Abonnenten

Für Käufer
Hier können sie sich über Preise informieren, Abos abschließen oder Einzelexemplare kaufen.
 
nach oben