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Protest der Privatschulen

Schulausflug der besonderen Art

Inge Jacobs, Fotos: Achim Zweygarth, veröffentlicht am 20.01.2010
 
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Stuttgart - Mit Trillerpfeifen und unzähligen Transparenten machen rund 20.000 Demonstranten in Stuttgart lautstark und raumfüllend auf ihr Anliegen aufmerksam. "Bildung statt Bahnhof", steht auf den Transparenten. Und: "Wir wollen keine Reichenschulen sein." Der dichte Protestzug, der am Hauptbahnhof startet, ist so lang, dass die Demonstranten die Stadteinwärts-Spuren der Konrad-Adenauer-Straße bis zum Charlottenplatz geschlagene zwei Stunden komplett blockieren - aber friedlich und "hochdiszipliniert", wie ein Polizeisprecher lobend feststellt.


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Es ist ein Schulausflug der besonderen Art: Aus dem ganzen Land sind Schüler, Eltern und Lehrer in 110 Bussen und mit Bahnen nach Stuttgart gekommen, um pünktlich zu Beginn der Haushaltsberatungen im Landtag ihrer Forderung nach einer höheren Bezuschussung für Schulen in freier Trägerschaft Nachdruck zu verleihen.

"Mehr Geld" steht in Krakelbuchstaben auf einem selbst gemalten Schild, das die Drittklässlerin Lynn stolz hochhält. Und ganz klein drunter: "Für die Waldorfschule". Zusammen mit Schulkameraden ist das Mädchen aus Biberach in die Landeshauptstadt gereist. Weshalb? "Na, damit wir weiterbauen können", sagt die Waldorfschülerin selbstbewusst.

Was treibt Eltern dazu, ihre Kinder an Schulen in freier Trägerschaft anzumelden und hierfür auch noch jeden Monat Schulgeld zu bezahlen? Das ist für Lynns Mutter Christiane Guerra, die mitdemonstriert, keine Frage: "Die Waldorfpädagogik entspricht meinem Kind." Der Unterricht dort sei "nicht so kopflastig, sondern vielseitiger". In den staatlichen Schulen hingegen sei ihr das Leistungsdenken zu dominant: "Man fordert zu früh zu viel von den Kindern - und man beraubt sie damit ihrer Kindheit", sagt die Mutter.

"Weiter so!"


Währenddessen passiert der Protestzug das Königin-Katharina-Stift, das in städtischer Trägerschaft ist. An den Fenstern dort drängen sich die G8-Schüler, deren Eltern keinen Cent Schulgeld bezahlen müssen. Die "Katzenstiftler" drücken von innen rasch geschriebene Solidaritätsbotschaften an die Scheiben: "Weiter so!", steht darauf. Diese spontane Unterstützung quittieren die Demonstranten mit fröhlichem Trillern und Jubeln.

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Auch ein "Waldorfpapa" aus Biberach ist zur Demo gekommen. Sein Sohn habe in der öffentlichen Grundschule nur Probleme gehabt. Seit viereinhalb Jahren sei er nun auf der Waldorfschule, seither laufe es gut. "Die Kinder stehen nicht so unter Druck", meint er. Sie gingen zwar länger in die Schule, "aber sie gehen gern hin". Ihm ist wichtig, dass jeder sein Kind in eine freie Schule schicken kann, "auch Leute mit wenig Geld - und dafür brauchen wir mehr Geld vom Staat".

Just um die Höhe der Landeszuschüsse wird im Landtag gefeilscht, als draußen der Protestzug vorbeizieht. Christian Schad, der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen in Baden-Württemberg, fordert die Landesregierung auf, die Privatschulen wie versprochen mit 80 Prozent der Kosten für Schüler an öffentlichen Schulen zu unterstützen. Dafür müssten im Landeshaushalt jährlich 47,5 Millionen Euro mehr eingeplant werden. Derzeit betrage die Förderung jedoch nur zwischen 60 und 70 Prozent. Kultusminister Helmut Rau weist die Forderung zurück. "Allein für 2010 sind im Haushalt zusätzliche 45,8 Millionen Euro für die Privatschulen vorgesehen", erklärte er. Beschlossen ist dies freilich noch lange nicht.

"Da wird sich mehr gekümmert"


Arnold Zeeb-Zeller aus Asperg schickt seine Tochter auf das katholische St. Agnes-Mädchengymnasium nach Stuttgart: "Da wird sich mehr gekümmert", sagt er und verweist auf strukturelle Defizite im öffentlichen Schulwesen, die er in der Schule seines Sohnes erfahren habe. Dort sei er nie über Schulfeste informiert worden, auch ein Kontakt zu anderen Eltern habe kaum bestanden. Im Agnes-Gymnasium hingegen werde Wert auf soziale Projekte gelegt. Zeeb-Zeller räumt allerdings ein, dass private Schulen durchaus selektiv seien, denn dorthin gingen nur Kinder, deren Eltern die Bildung am Herzen liege. Dafür bezahlt er gern die rund 250 Euro Schulgebühr im Jahr. Die meisten Privatschulen sind teurer. 680 gibt es in Baden-Württemberg - mit rund 135000 Schülern. Allein in der Landeshauptstadt werden 18 Schulen in freier Trägerschaft betrieben. Rund 16 Prozent aller Stuttgarter Schüler an allgemeinbildenden Schulen besuchen sie.

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Den Stuttgarter Privatschulen hat der Gemeinderat bereits die freiwilligen städtischen Zuschüsse von 60 auf 45 Prozent gekürzt. Nun drohen ihnen - wie auch allen anderen im Land - weitere Einbußen. Einzelne Schulen haben bereits angekündigt, die Elternbeiträge erhöhen zu müssen. Nicht nur Michael Wolf, Deutsch- und Physiklehrer am evangelischen Mörikegymnasium, befürchtet, dass dann die Schüler wegbleiben. Auch Steffen Schmid, Elternvertreter der freien Schulträger im Landeselternbeirat, warnt: "Man darf uns nicht mit Eliteschulen verwechseln - viele Eltern sparen sich das Schulgeld vom Mund ab."

Mittlerweile sind die Demonstranten am Schlossplatz angekommen. Es sind so viele, dass der Platz nicht reicht. Die Schüler finden das "cool", die Veranstalter sind zufrieden. Auf einem Transparent steht: "Wir sind keine Landeskinder zweiter Klasse." Der Druck auf die Politik wächst.




Privatschulen in Sachsen besonders gefragt


Schulen
Im vergangenen Schuljahr gab es nach Angaben des Statistischen Bundesamts in Deutschland 5014 private Schulen, das sind 55 Prozent mehr als im Jahr 1992. In den alten Bundesländern stieg die Zahl um 22,3 Prozent an, in den neuen Ländern hat sich die Anzahl verfünffacht. Von den 5015 Schulen in freier Trägerschaft sind 3057 allgemeinbildende Schulen, die anderen sind Berufsschulen. Die Klassen sind meist gleich groß wie in öffentlichen Schulen.

Schüler
Von den rund zwölf Millionen Schülern in Deutschland besuchten 2008 rund 7,8 Prozent eine freie Schule. Spitzenreiter ist Sachsen mit einem Anteil von fast 13 Prozent, Schlusslicht ist Schleswig Holstein (3,6 Prozent). Baden-Württemberg liegt mit 8,6 Prozent hinter Bayern (10,4) und Thüringen (9,0) auf dem vierten Platz. Allerdings ist in Thüringen der Anteil der privaten Berufsschüler (15,6) weit höher als im Südwesten mit 9,6 Prozent. Der Ausländeranteil an allgemeinbildenden Privatschulen liegt im Südwesten bei 4,2, deutschlandweit bei 4,0, in Bayern aber bei 9,4 Prozent. (Renate Allgöwer)


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