Interview mit Roger Cicero
"Plötzlich stehe ich auf 'nen Kerl"
Isabelle Hofmann, veröffentlicht am 03.02.2010
Stuttgart - Der Swingmusiker Roger Cicero wird 1970 als Sohn des Jazzpianisten Eugen Cicero und der Tänzerin Lili Ciceu in Berlin geboren. Mit dem Album "Männersachen" gelingt ihm 2006 der Durchbruch. Cicero, der in Hamburg lebt, liebt Frank Sinatra, seit er denken kann. Seit ein paar Monaten ist jetzt auch noch sein kleiner Sohn Louis dazugekommen. Er hat Roger Cicero zu einem der schönsten Songs auf dessen neuer Platte "artgerecht" inspiriert.
Auf jeden Fall, sonst würde meine Beziehung nicht funktionieren. Bei mir geht es nur nicht um die "Sportschau" und den Hobbyraum, sondern um meine Musik und zum Beispiel die Möglichkeit, jetzt so lange auf Tournee zu gehen. Einschränkungen würden mir da gar nicht gut bekommen.
Man ist in vielen Sachen wie ausgewechselt. Auf einmal ist man ständig um jemanden besorgt und will ihn beschützen. Ich dachte, dieses Elternsein wird sich entwickeln, aber es ist so, als ob ein Schalter umgelegt wird. Das fand ich am erstaunlichsten. Früher war ich ganz rigoros. Musik war mein Ding. Das ist immer noch so, aber jetzt ist etwas hinzugekommen, was mindestens ebenso wichtig ist, wenn nicht noch wichtiger. Wenn ich heute Nachrichten gucke und vom Leid dieser Welt erfahre, habe ich sofort einen Bezug dazu und denke, oh Gott, wenn Louis das passieren würde. Das nimmt mich jetzt alles sehr viel mehr mit.
Ich bin in der Tat 16 Tage am Stück nicht zu Hause. Dass ist nicht so leicht. Das Reisen ist an meinem Beruf das Anstrengendste.
Hm. Na, ja. Vielleicht, ein bisschen. Wenn ich auf Tournee bin, ist das ein anderes Leben. Da sind immer viele Leute um mich herum und alle sind bemüht, dass alles angenehm ist. Für alles ist jemand zuständig.
(Lacht) Zu Hause wechsle ich die Windeln und bringe auch den Müll raus. Ja, klar, das gehört dazu.
Ich wollte ihn nicht taufen lassen, weil es keine Religion gibt, bei der ich sagen würde, das unterschreibe ich. Es gibt zu viele Aspekte in jeder Religion, die ich sonderbar finde. Ein Ritual als Willkommen auf dieser Welt finde ich jedoch sehr schön. Ich bin definitiv ein spiritueller Mensch.
Ich betreibe Poweryoga. Mit Versenkung hat das nicht viel zu tun. Das ist Sport, sehr schweißtreibend. Man baut Kraft auf, gewinnt Flexibilität. Die perfekte Mischung, den Körper in die Balance zu bringen.
Ja, ich hätte nie gedacht, dass ich mal so auf 'nen Kerl stehen würde. Das ist tatsächlich so. Von diesem Satz hat sich Frank Ramon inspirieren lassen und den Text geschrieben. Ich habe das Lied komponiert.
Ja, Monate bevor wir überhaupt an die ersten Studiotage denken können, tauschen wir unsere Themen aus und versuchen, Geschichten um sie herum zu spinnen.
Musik ist für mich etwas total Zeitloses. Wenn ich meine Count-Basie-Scheibe auflege, nehme ich sie nicht wahr als etwas Verstaubtes. Man muss sie nicht abpusten, ehe man sie auflegt. Das ist für mich Musik im Hier und Jetzt. Wenn ich Musik höre, ist es mir völlig wurscht, ob sie aus den 20er, 40er Jahren oder von 2010 ist. Wer denkt, ein bestimmter Musikstil hat sich erledigt und ist nicht mehr in Mode, der hat den falschen Beruf. So kann vielleicht ein Kaufmann denken, aber künstlerisch gesehen ist das total absurd.
Ja, ich weiß auch nicht. Die ganzen Türen, die mir damals geöffnet wurden, habe ich sabotiert durch mein Verhalten. Ich fand es immer suspekt, dass sich so viele Bekannte meines Vaters für mich interessiert haben. Ich fand es auch nicht sehr vertrauenswürdig, wie diese Leute auf mich zugetreten sind. Deshalb bin ich zum Studium nach Holland gegangen. Dort war ich ganz auf mich selbst gestellt. Das hat mir geholfen, mich zu positionieren. Als ich dann nach Deutschland zurückkam, musste ich mich sehr umsehen und jeden Job annehmen, um zu überleben.
Ach, das war nur ein Spruch. Er hat mir ja das Musikstudium finanziert. Er wusste, glaube ich, dass es für mich nie eine Alternative gab. Es gab tatsächlich nie ein Sicherheitsnetz. Nach dem Studium habe ich mir schon Sorgen gemacht, wovon ich leben kann. Aber ich hatte einfach keine andere Idee.
Na, ja. Ich würde schon überprüfen, wie ernst es ihm ist. Wenn ich das Gefühl hätte, es geht ihm einfach nur ums Berühmtsein, würde ich intervenieren.
Wenn keine Liebe zum Beruf dahintersteht, halte ich das für eine sehr wackelige Angelegenheit. Heute gibt es ja den Beruf Berühmtsein. Da werden Leute beim Wohnen gefilmt und berühmt, nur weil sie wohnen. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ich würde meinem Sohn wünschen, dass er seine Leidenschaft entdeckt und dann den Mut aufbringt, sie auch zu leben.
Das war irre. Im Mai 2006 kam das Album "Männersachen" raus und zwei Tage später hatten wir den Fernsehauftritt in "Nur die Liebe zählt" auf Sat1. Dann ging es ab. In den Trendcharts lagen wir sofort auf Platz 22, "Zieh die Schuh aus" wurde im Radio gespielt.
Das musste ich tatsächlich mit ansehen. Da waren wir beide 18. Und der Typ war älter und hat dadurch sehr anziehend gewirkt.
Hahaha! Das war ja klar! Nein, da muss ich leider passen. So etwas ist mir noch nicht passiert. Ich glaube auch nicht, dass es nur einen einzigen Mann auf der Welt gibt, der sich so eine blöde Ausrede aus den Fingern saugt.
Nee, ich bin doch sehr auf dem Boden geblieben. Ich weiß ganz genau, wo ich herkomme, wo ich vorher war, wie sich das angefühlt hat. Das werde ich auch nie vergessen. Die Erfahrungen von früher wiegen viel schwerer als die neuen. Mir ist auch klar, dass es nicht immer so weitergeht. Obwohl ich natürlich alles dafür tue, weil es mir sehr großen Spaß bringt. Aber selbst wenn alles aufhören sollte, bin ich sehr zuversichtlich, dass ich weiter ein glückliches Leben führen werde.
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Herr Cicero, so wie Loriot mit seinen Sketchen die Befindlichkeiten der deutschen Seele charakterisiert, erzählen Sie auf Ihrer CD "artgerecht" humorvoll von Banalitäten: von Beziehungskonflikten und Männernöten, von zu kleinen Hobbyräumen, nörgelnden Schwiegermüttern und dem Verbot, die "Sportschau" zu sehen. Fühlen Sie sich noch artgerecht gehalten?
Auf jeden Fall, sonst würde meine Beziehung nicht funktionieren. Bei mir geht es nur nicht um die "Sportschau" und den Hobbyraum, sondern um meine Musik und zum Beispiel die Möglichkeit, jetzt so lange auf Tournee zu gehen. Einschränkungen würden mir da gar nicht gut bekommen.
Wie sehr hat die Geburt Ihres Sohnes Louis Ihr Leben verändert?
Man ist in vielen Sachen wie ausgewechselt. Auf einmal ist man ständig um jemanden besorgt und will ihn beschützen. Ich dachte, dieses Elternsein wird sich entwickeln, aber es ist so, als ob ein Schalter umgelegt wird. Das fand ich am erstaunlichsten. Früher war ich ganz rigoros. Musik war mein Ding. Das ist immer noch so, aber jetzt ist etwas hinzugekommen, was mindestens ebenso wichtig ist, wenn nicht noch wichtiger. Wenn ich heute Nachrichten gucke und vom Leid dieser Welt erfahre, habe ich sofort einen Bezug dazu und denke, oh Gott, wenn Louis das passieren würde. Das nimmt mich jetzt alles sehr viel mehr mit.
Dennoch lassen Sie Ihre Familie jetzt wochenlang allein.
Ich bin in der Tat 16 Tage am Stück nicht zu Hause. Dass ist nicht so leicht. Das Reisen ist an meinem Beruf das Anstrengendste.
Dafür können Sie jetzt durchschlafen. Urlaub machen vom Vatersein.
Hm. Na, ja. Vielleicht, ein bisschen. Wenn ich auf Tournee bin, ist das ein anderes Leben. Da sind immer viele Leute um mich herum und alle sind bemüht, dass alles angenehm ist. Für alles ist jemand zuständig.
Zu Hause heißt es dafür: Zieh die Schuh aus, bring den Müll raus...
(Lacht) Zu Hause wechsle ich die Windeln und bringe auch den Müll raus. Ja, klar, das gehört dazu.
Sie haben Louis nach einem buddhistischen Ritual von einem Lama segnen lassen...
Ich wollte ihn nicht taufen lassen, weil es keine Religion gibt, bei der ich sagen würde, das unterschreibe ich. Es gibt zu viele Aspekte in jeder Religion, die ich sonderbar finde. Ein Ritual als Willkommen auf dieser Welt finde ich jedoch sehr schön. Ich bin definitiv ein spiritueller Mensch.
Deshalb auch die Beschäftigung mit Yoga?
Ich betreibe Poweryoga. Mit Versenkung hat das nicht viel zu tun. Das ist Sport, sehr schweißtreibend. Man baut Kraft auf, gewinnt Flexibilität. Die perfekte Mischung, den Körper in die Balance zu bringen.
Sie haben Louis schon ein Lied gewidmet: "Für 'nen Kerl", der letzte Song Ihrer CD.
Ja, ich hätte nie gedacht, dass ich mal so auf 'nen Kerl stehen würde. Das ist tatsächlich so. Von diesem Satz hat sich Frank Ramon inspirieren lassen und den Text geschrieben. Ich habe das Lied komponiert.
Sie arbeiten sehr eng mit den beiden Produzenten und Textern Frank Ramon und Matthias Hass zusammen, sind also in den Entstehungsprozess aller Texte involviert?
Ja, Monate bevor wir überhaupt an die ersten Studiotage denken können, tauschen wir unsere Themen aus und versuchen, Geschichten um sie herum zu spinnen.
Sie sagten mal, man solle im Hier und Jetzt leben, aber Ihr Jazzstil, der Swing, weckt Erinnerungen an längst vergangene Zeiten, an Count Basie und Frank Sinatra.
Musik ist für mich etwas total Zeitloses. Wenn ich meine Count-Basie-Scheibe auflege, nehme ich sie nicht wahr als etwas Verstaubtes. Man muss sie nicht abpusten, ehe man sie auflegt. Das ist für mich Musik im Hier und Jetzt. Wenn ich Musik höre, ist es mir völlig wurscht, ob sie aus den 20er, 40er Jahren oder von 2010 ist. Wer denkt, ein bestimmter Musikstil hat sich erledigt und ist nicht mehr in Mode, der hat den falschen Beruf. So kann vielleicht ein Kaufmann denken, aber künstlerisch gesehen ist das total absurd.
Obwohl Ihr Vater ein berühmter Jazzpianist war und Sie mit ihm bereits als Teenager auftraten, verlief Ihre Karriere nicht gradlinig. Sie sind jahrelang durch die Kneipen getingelt und haben sich so richtig von unten hochgearbeitet. Das ist ungewöhnlich...
Ja, ich weiß auch nicht. Die ganzen Türen, die mir damals geöffnet wurden, habe ich sabotiert durch mein Verhalten. Ich fand es immer suspekt, dass sich so viele Bekannte meines Vaters für mich interessiert haben. Ich fand es auch nicht sehr vertrauenswürdig, wie diese Leute auf mich zugetreten sind. Deshalb bin ich zum Studium nach Holland gegangen. Dort war ich ganz auf mich selbst gestellt. Das hat mir geholfen, mich zu positionieren. Als ich dann nach Deutschland zurückkam, musste ich mich sehr umsehen und jeden Job annehmen, um zu überleben.
Ihr Vater wollte ja eigentlich, dass Sie Jura studieren.
Ach, das war nur ein Spruch. Er hat mir ja das Musikstudium finanziert. Er wusste, glaube ich, dass es für mich nie eine Alternative gab. Es gab tatsächlich nie ein Sicherheitsnetz. Nach dem Studium habe ich mir schon Sorgen gemacht, wovon ich leben kann. Aber ich hatte einfach keine andere Idee.
Was, wenn Ihr Sohn mal in Ihre Fußstapfen treten will?
Na, ja. Ich würde schon überprüfen, wie ernst es ihm ist. Wenn ich das Gefühl hätte, es geht ihm einfach nur ums Berühmtsein, würde ich intervenieren.
Was spricht gegen den Wunsch, berühmt zu sein?
Wenn keine Liebe zum Beruf dahintersteht, halte ich das für eine sehr wackelige Angelegenheit. Heute gibt es ja den Beruf Berühmtsein. Da werden Leute beim Wohnen gefilmt und berühmt, nur weil sie wohnen. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ich würde meinem Sohn wünschen, dass er seine Leidenschaft entdeckt und dann den Mut aufbringt, sie auch zu leben.
Sie selbst waren 2006 ja ein echter Shootingstar. 2005 sangen Sie noch auf privaten Geburtstagspartys und dann - was ist eigentlich dann passiert?
Das war irre. Im Mai 2006 kam das Album "Männersachen" raus und zwei Tage später hatten wir den Fernsehauftritt in "Nur die Liebe zählt" auf Sat1. Dann ging es ab. In den Trendcharts lagen wir sofort auf Platz 22, "Zieh die Schuh aus" wurde im Radio gespielt.
Welche Texte basieren denn auf eigenen Erlebnissen? Das ohnmächtige Gefühl in "Ich bin dabei", wo die Liebste in Ihrer Gegenwart mit einem anderen flirtet?
Das musste ich tatsächlich mit ansehen. Da waren wir beide 18. Und der Typ war älter und hat dadurch sehr anziehend gewirkt.
Was ist mit "Das ist nicht das, wonach es aussieht"? Da werden Sie in flagranti ertappt und reden sich mit Wohnungsverwechslung heraus. Zu diesem Text wüsste ich ja zu gerne die Gschichte.
Hahaha! Das war ja klar! Nein, da muss ich leider passen. So etwas ist mir noch nicht passiert. Ich glaube auch nicht, dass es nur einen einzigen Mann auf der Welt gibt, der sich so eine blöde Ausrede aus den Fingern saugt.
Keine Angst, dass der Ruhm Ihnen mal zu Kopf steigt?
Nee, ich bin doch sehr auf dem Boden geblieben. Ich weiß ganz genau, wo ich herkomme, wo ich vorher war, wie sich das angefühlt hat. Das werde ich auch nie vergessen. Die Erfahrungen von früher wiegen viel schwerer als die neuen. Mir ist auch klar, dass es nicht immer so weitergeht. Obwohl ich natürlich alles dafür tue, weil es mir sehr großen Spaß bringt. Aber selbst wenn alles aufhören sollte, bin ich sehr zuversichtlich, dass ich weiter ein glückliches Leben führen werde.
Auftritt
Am Samstag stellt Cicero sein Album in der Porsche-Arena vor. Tickets unter 01805/ 570099, www.semmel.de »Kommentare (0)
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