Markus Babbel
"Ich bin kein harter Hund"
Thomas Haid, veröffentlicht am 06.02.2010
Stuttgart - Markus Babbel, 37, hat seine Zeit beim VfB Stuttgart aufgearbeitet und beschlossen, seine Art der Mannschaftsführung zu ändern. Groll hegt er keinen – außer gegen Guido Buchwald.
Natürlich ist eine große Belastung von mir abgefallen. Ich stelle fest, dass ich wieder deutlich aufnahmefähiger bin. Jetzt kann ich mich auf eine Sache konzentrieren – den Trainerlehrgang in Köln. Zuvor war ich hin- und hergerissen und habe mich auch etwas verzettelt.
Wir wollten kein Fass aufmachen. Das wäre unserer Meinung nach nur kontraproduktiv gewesen und hätte an den Gegebenheiten auch nichts geändert.
Zuvor war es eine meiner Stärken, ein Gespür für die Mannschaft zu entwickeln. Um solche Strömungen zu erfassen, muss man ganz nah dran sein, jede Trainingseinheit genau beobachten und gut in die Spieler hineinhören können. Aber wenn man drei Tage in der Woche fehlt, ist das schwierig.
Ich habe gelernt, dass es da kein Patentrezept gibt. Das habe ich jedoch auch schon vorher gewusst. In der Praxis ist manches anders als in der Theorie. Insgesamt weiß ich nun aber, dass wir bis zum Schluss beim VfB nicht so viel falsch gemacht haben. Diese Bestätigung habe ich jetzt.
Wir waren nicht stur, sondern kreativ und haben alles versucht, um den Schalter umzulegen. Deshalb müssen wir uns keine Vorwürfe machen. Es hat nicht mehr geklappt, aber das hatte seine Gründe.
Exakt.
Es ist normal, dass wir uns zusammengesetzt haben. Wir wollen ja nicht stehenbleiben, sondern weiterkommen. Deshalb haben wir uns gefragt, worauf wir in Zukunft vielleicht noch mehr achten müssen.
Einige Leute haben mir zuletzt gesagt, dass es für mich besser gewesen wäre, wenn ich im Sommer beim VfB aufgehört hätte. Aber diese Ansicht teile ich nicht. Durch das letzte halbe Jahr bin ich ein ganz anderer Trainer geworden. Ich habe die andere Seite kennengelernt, nicht nur den Erfolg. Diese Erfahrung nimmt mir keiner. Ich weiß, wie sich ein Problem aufbauen kann. Deshalb kann ich künftig früher gegensteuern, wenn ich solche Tendenzen erkenne.
Nach außen mag das so gewirkt haben. Ich bin nun mal kein harter Hund. Das ist nicht mein Stil. Mir haben immer Trainer wie Ottmar Hitzfeld und Otto Rehhagel imponiert, die sich schützend vor ihre Mannschaft gestellt haben. Intern habe ich die Dinge jedoch deutlich angesprochen. Leider ist das offenbar nicht so angekommen.
Man darf nicht vergessen, dass ich ein sehr junger Trainer bin und nicht alles wissen konnte. Sicher werde ich meine Art der Mannschaftsführung jetzt etwas ändern und die Spieler mehr in die Verantwortung und in die Pflicht nehmen. Nicht nur der Trainer muss den Kopf hinhalten. Das ist die Konsequenz aus der Zeit beim VfB.
Das habe ich fest vor. Beide sind Fachleute, mit denen es auch menschlich passt.
Ich habe nichts gegen ihn. Aber es gibt einen Ehrenkodex im Fußball. Dagegen hat er verstoßen. Wenn mir als Ehrenspielführer eines Vereins etwas nicht passt, gehe ich direkt zum Präsidenten, zum Manager oder zum Trainer. Wir beim VfB wären die Letzten gewesen, die sich nicht gestellt hätten – unter vier Augen. Aber das alles über die Medien auszutragen, das macht man nicht. So etwas regt mich auf.
Das störte mich nicht, denn so ist nun mal das Geschäft. Wenn ein neuer Trainer da ist, wird keiner etwas Negatives über ihn sagen. Als ich mein Amt beim VfB angetreten habe, war das genauso. Ich habe den Spielern damals übrigens auch noch ausdrücklich verboten, sich schlecht über meinen Vorgänger Armin Veh zu äußern.
(Lacht) Dann haben sie ja wenigstens etwas von mir in Erinnerung behalten und angenommen.
Thomas hat nicht die Leistung gezeigt, die er und wir alle erwartet haben. Das war ein langer Prozess, der im Sommer begann. Ich wollte ihm helfen, weil ich das Gefühl hatte, dass die Binde eine Belastung für ihn ist. Aber klar, die Entscheidung war hart.
Die Frage beim neuen Kapitän war: wer ist absolut unumstritten in der Truppe? Das traf auf zwei Spieler zu: auf Matthieu Delpierre und Sami Khedira. Und Sami hatte das Pech, dass er gerade verletzt war.
Die Mannschaft spielt personell jetzt kaum anders. Ein wesentlicher Unterschied ist aber, dass sie mehr Tore erzielt. Stutzig gemacht hätte mich, wenn plötzlich zwei oder drei neue Leute aufgetaucht wären, die unter mir keine Rolle gespielt haben.
Der neue Trainer Christian Gross hat offenbar den Knopf gefunden, den ich am Ende vergeblich gesucht habe. Das freut mich – genauso wie die Tatsache, dass die Neuzugänge nun funktionieren. Auch Ciprian Marica beweist, dass er der Klassestürmer ist, für den ich ihn immer gehalten habe. Das zeigt, dass wir doch nicht so blind gewesen sein können wie manche wohl glaubten. Abgesehen davon bin ich aber nicht der Typ, der sagt: so ein Mist, warum klappt das jetzt? Warum laufen die Spieler plötzlich? Sie sind auch bei mir gelaufen.
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"Das zeigt, dass wir doch nicht so blind gewesen sein können, wie manche glauben."
Markus Babbel über seine letzte Wochen beim VfB.
Herr Babbel, Sie wirken viel entspannter als in Ihren letzten Wochen beim VfB. Wundert Sie das?
Natürlich ist eine große Belastung von mir abgefallen. Ich stelle fest, dass ich wieder deutlich aufnahmefähiger bin. Jetzt kann ich mich auf eine Sache konzentrieren – den Trainerlehrgang in Köln. Zuvor war ich hin- und hergerissen und habe mich auch etwas verzettelt.
Dass die Pendelei ein Problem ist, haben Sie und der VfB aber stets bestritten.
Wir wollten kein Fass aufmachen. Das wäre unserer Meinung nach nur kontraproduktiv gewesen und hätte an den Gegebenheiten auch nichts geändert.
Was waren denn die Folgen der phasenweisen Abwesenheit in Stuttgart?
Zuvor war es eine meiner Stärken, ein Gespür für die Mannschaft zu entwickeln. Um solche Strömungen zu erfassen, muss man ganz nah dran sein, jede Trainingseinheit genau beobachten und gut in die Spieler hineinhören können. Aber wenn man drei Tage in der Woche fehlt, ist das schwierig.
Gerade steht in Köln das Fach Krisenmanagement auf dem Stundenplan. Haben Sie etwas gelernt, was Sie im Herbst beim VfB hätten anwenden können?
Ich habe gelernt, dass es da kein Patentrezept gibt. Das habe ich jedoch auch schon vorher gewusst. In der Praxis ist manches anders als in der Theorie. Insgesamt weiß ich nun aber, dass wir bis zum Schluss beim VfB nicht so viel falsch gemacht haben. Diese Bestätigung habe ich jetzt.
Wie würden Sie selbst Ihr Krisenmanagement in Stuttgart beschreiben?
Wir waren nicht stur, sondern kreativ und haben alles versucht, um den Schalter umzulegen. Deshalb müssen wir uns keine Vorwürfe machen. Es hat nicht mehr geklappt, aber das hatte seine Gründe.
Die Sie schon im Sommer als mögliche Gefahrenquellen benannten: den Gomez-Abgang, den Stadionumbau und die Selbstzufriedenheit nach dem Champions-League-Einzug.
Exakt.
Der für die Ausbildung in Köln zuständige Sportpsychologe Werner Mickler hat Ihnen empfohlen, den Abschnitt beim VfB mit Ihrem alten Trainerteam genau zu analysieren, um daraus die entsprechenden Schlüsse zu ziehen. Haben Sie das getan?
Es ist normal, dass wir uns zusammengesetzt haben. Wir wollen ja nicht stehenbleiben, sondern weiterkommen. Deshalb haben wir uns gefragt, worauf wir in Zukunft vielleicht noch mehr achten müssen.
Wie lautet die Antwort?
Einige Leute haben mir zuletzt gesagt, dass es für mich besser gewesen wäre, wenn ich im Sommer beim VfB aufgehört hätte. Aber diese Ansicht teile ich nicht. Durch das letzte halbe Jahr bin ich ein ganz anderer Trainer geworden. Ich habe die andere Seite kennengelernt, nicht nur den Erfolg. Diese Erfahrung nimmt mir keiner. Ich weiß, wie sich ein Problem aufbauen kann. Deshalb kann ich künftig früher gegensteuern, wenn ich solche Tendenzen erkenne.
Haben Sie beim VfB zu spät reagiert und die Spieler zu lange in Schutz genommen?
Nach außen mag das so gewirkt haben. Ich bin nun mal kein harter Hund. Das ist nicht mein Stil. Mir haben immer Trainer wie Ottmar Hitzfeld und Otto Rehhagel imponiert, die sich schützend vor ihre Mannschaft gestellt haben. Intern habe ich die Dinge jedoch deutlich angesprochen. Leider ist das offenbar nicht so angekommen.
Hätten Sie deshalb nicht doch den Weg über die Öffentlichkeit suchen sollen?
Man darf nicht vergessen, dass ich ein sehr junger Trainer bin und nicht alles wissen konnte. Sicher werde ich meine Art der Mannschaftsführung jetzt etwas ändern und die Spieler mehr in die Verantwortung und in die Pflicht nehmen. Nicht nur der Trainer muss den Kopf hinhalten. Das ist die Konsequenz aus der Zeit beim VfB.
Mit den Assistenten Rainer Widmayer und Alexander Zorniger arbeiten Sie weiter?
Das habe ich fest vor. Beide sind Fachleute, mit denen es auch menschlich passt.
Zur Verstärkung könnten Sie Ihren Chefkritiker Guido Buchwald mit ins Boot holen. Dann hätten Sie von dieser Seite aus Ruhe.
Ich habe nichts gegen ihn. Aber es gibt einen Ehrenkodex im Fußball. Dagegen hat er verstoßen. Wenn mir als Ehrenspielführer eines Vereins etwas nicht passt, gehe ich direkt zum Präsidenten, zum Manager oder zum Trainer. Wir beim VfB wären die Letzten gewesen, die sich nicht gestellt hätten – unter vier Augen. Aber das alles über die Medien auszutragen, das macht man nicht. So etwas regt mich auf.
Ärgern Sie sich auch über den Torwart Jens Lehmann, der Sie zuerst bis zum Schluss verteidigt hat – um danach sofort vom neuen Trainer Christian Gross zu schwärmen?
Das störte mich nicht, denn so ist nun mal das Geschäft. Wenn ein neuer Trainer da ist, wird keiner etwas Negatives über ihn sagen. Als ich mein Amt beim VfB angetreten habe, war das genauso. Ich habe den Spielern damals übrigens auch noch ausdrücklich verboten, sich schlecht über meinen Vorgänger Armin Veh zu äußern.
Über Sie hat sich nach der Trennung jetzt auch kein Spieler beschwert.
(Lacht) Dann haben sie ja wenigstens etwas von mir in Erinnerung behalten und angenommen.
Eine Ihrer letzten Maßnahmen war die Absetzung des Kapitäns Thomas Hitzlsperger. Zum Nachfolger bestimmten Sie Matthieu Delpierre und nicht Serdar Tasci, der sehr enttäuscht war. Welche Motive hatten Sie?
Thomas hat nicht die Leistung gezeigt, die er und wir alle erwartet haben. Das war ein langer Prozess, der im Sommer begann. Ich wollte ihm helfen, weil ich das Gefühl hatte, dass die Binde eine Belastung für ihn ist. Aber klar, die Entscheidung war hart.
Danach fühlte sich Tasci übergangen.
Die Frage beim neuen Kapitän war: wer ist absolut unumstritten in der Truppe? Das traf auf zwei Spieler zu: auf Matthieu Delpierre und Sami Khedira. Und Sami hatte das Pech, dass er gerade verletzt war.
Heute vor zwei Monaten wurden Sie beim VfB entlassen. Was hat Sie seitdem am meisten überrascht?
Die Mannschaft spielt personell jetzt kaum anders. Ein wesentlicher Unterschied ist aber, dass sie mehr Tore erzielt. Stutzig gemacht hätte mich, wenn plötzlich zwei oder drei neue Leute aufgetaucht wären, die unter mir keine Rolle gespielt haben.
Die Einstellung ist jedoch anders.
Der neue Trainer Christian Gross hat offenbar den Knopf gefunden, den ich am Ende vergeblich gesucht habe. Das freut mich – genauso wie die Tatsache, dass die Neuzugänge nun funktionieren. Auch Ciprian Marica beweist, dass er der Klassestürmer ist, für den ich ihn immer gehalten habe. Das zeigt, dass wir doch nicht so blind gewesen sein können wie manche wohl glaubten. Abgesehen davon bin ich aber nicht der Typ, der sagt: so ein Mist, warum klappt das jetzt? Warum laufen die Spieler plötzlich? Sie sind auch bei mir gelaufen.
Kommentare (4)
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Frank Rempfer,
08.02.2010
also Hr. Babbel
Zunächst mal hat Babbel die Lücke die Veh seinerzeit hinterliess hervorragend gefüllt.
Was allerdings, und da sollte sich der liebe Markus B. mal hinterfragen, ein absoluter Unfug ist, ist die Tatsache, daß die Mannschaft "in der gleichen Zusammensetzung spielt".
Der Unterschied, lieber Markus B. ist, daß die Mannschaft jetzt STÄNDIG in der selben Zusammensetzung spielt, und die unsinnige Rotation endlich aufgehört hat.
Ferner ist offenbar die Ansprache von Gross der Mannschaft gegenüber eine deutlich andere.
Etwas mehr Selbstkritik wäre dann doch angebracht.
Keiner sagt, daß Markus B. die alleinige Schuld hat, aber selbst für den normalen Fan waren etliche Dinge auch ohne jegliche Fachkenntnis erkennbar.
Was allerdings, und da sollte sich der liebe Markus B. mal hinterfragen, ein absoluter Unfug ist, ist die Tatsache, daß die Mannschaft "in der gleichen Zusammensetzung spielt".
Der Unterschied, lieber Markus B. ist, daß die Mannschaft jetzt STÄNDIG in der selben Zusammensetzung spielt, und die unsinnige Rotation endlich aufgehört hat.
Ferner ist offenbar die Ansprache von Gross der Mannschaft gegenüber eine deutlich andere.
Etwas mehr Selbstkritik wäre dann doch angebracht.
Keiner sagt, daß Markus B. die alleinige Schuld hat, aber selbst für den normalen Fan waren etliche Dinge auch ohne jegliche Fachkenntnis erkennbar.
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