Hinrichtungen in China
Ein Mord im Namen des Volkes
Bernhard Bartsch, veröffentlicht am 08.02.2010
Xiashixi - "Es war ein guter Stich", sagen die Leute und heben die Daumen. Die Messerspitze traf Parteisekretär Li Shiming direkt ins Herz, er brach auf der Stelle tot zusammen. Der Täter, der 18-jährige Zhang Xuping, war schnell gefasst. Mehrere Anwohner sahen ihn fliehen und wiesen den Polizisten den Weg. Heute ärgern sich einige Zeugen, dass sie nicht die Geistesgegenwart besaßen, die Beamten in die falsche Richtung zu schicken.
Der Stich ins Herz von Parteisekretär Li war ein Auftragsmord. Der Preis: Handy-Guthabenkarten im Wert von 1000 Yuan (100 Euro). Nicht wenig Geld für einen armen Tagelöhner und Kleinkriminellen wie Zhang Xuping, und doch stand der finanzielle Anreiz für den Teenager nicht im Vordergrund. Zhang hasste Li Shiming nicht weniger als sein Auftraggeber und alter Bekannter Zhang Huping. Jahrelang hatten die Familien der beiden unter der Tyrannei des Parteisekretärs gelitten so wie die meisten der 1000 Einwohner von Xiashuixi, einem Dorf in der zentralchinesischen Provinz Shanxi.
Mehrfach hatte die Bevölkerung versucht, Lis Machenschaften anzuzeigen, die Beamten aber stellten sich taub – schließlich profitierten sie von den korrupten Geschäften des Parteisekretärs. Wer dagegen aufbegehrte, bekam es mit Lis Schlägertrupps zu tun – bis Zhang Xuping am 23. September 2008 die Justiz selbst in die Hand nahm. Nun gilt er als Held. "Wenn die Partei nicht in ihren eigenen Reihen aufräumen, muss das Volk es tun", sagt Zhangs älterer Bruder. "Was mein Bruder getan hat, sollte eine Warnung an alle korrupten Beamten sein." Er zeigt einen Stapel von Papieren. 20.699 Bewohner aus der nahen Kreisstadt Lishi und aus Xiashuixi haben eine Petition unterzeichnet, die Zhang Xupings Leben retten soll. "Die Menschen wissen, dass es ein gerechter Mord an einem bösen Beamten war", sagt er.
Als Zhang Xuping im Oktober 2009 der Prozess gemacht werden sollte, demonstrierten vor dem Gericht 1000 Menschen. Die Behörden wurden nervös, sie ließen das Gebäude von Polizisten abriegeln und sagten das Verfahren ab. Doch im Januar wurde der Prozess nachgeholt und Zhang Xuping – so wie sein Auftraggeber – zum Tode verurteilt. Nur das Oberste Gericht in Peking kann ihn noch retten. Eine Revision des Urteils wäre für die Kommunistische Partei eine Chance, bei vielen Chinesen ein wenig Vertrauen zurückzugewinnen, denn die Geschichte des Mordes von Xiashuixi ist die Geschichte eines staatlichen Totalversagens.
"Mein Sohn hat die Menschen in unserem Dorf von einem schlimmen Mann befreit", erzählt seine Mutter Wang Houe. "Selbst wenn er hingerichtet wird, war sein Leben nicht umsonst." Sie sitzt auf dem Bett unter dem geschwungenen Dach ihres Bauernhauses. An den Wänden hängen Glückszeichen aus rotem und goldenem Glitzerpapier. "Wir haben immer auf Glück gehofft, aber von denen dort wird es nicht kommen", sagt sie und zeigt auf eine Chinakarte mit der Hauptstadt Peking. Dann holt sie ein Bild von Zhang Xuping, dem jüngsten ihrer drei Kinder. Es zeigt einen Jungen mit ernsten Augen. Sie habe sich für ihn eine gute Ausbildung gewünscht, sagt die 48-Jährige, aber so wie es gekommen ist, sei sie auch stolz auf ihn.
Auch von dem Mordopfer, Parteisekretär Li Shiming, hat Wang ein Foto. Darauf sieht man den Parteisekretär, einen Mann mit fleischigem Gesicht, lächelnd, selbstbewusst. Weil chinesische Beamte so gut genährt sind, werden sie im Volk spöttisch "naoman changfei" genannt: "Der Kopf ist genauso gefüllt wie der Darm." Hinter solchen Ausdrücken versteckt sich der Hass auf das System, der offen nicht ausgesprochen werden darf. Die Korruption im Staatsapparat ist nicht die Ausnahme, sondern die Norm, vor allem auf dem Land, wo 55 Prozent der 1,3 Milliarden Chinesen leben.
Da keine Gewaltenteilung die Macht lokaler Kader begrenzt, plündern sie oft die Ressourcen ihrer Region, ohne dass die Menschen sich wehren können. In Xiashuixi begann der Konflikt Ende der Neunziger, als Li Shiming begann, in großem Maßstab Bauern zu enteignen. Rund 27 Hektar Bauland soll er befreundeten Bauunternehmern zugeschanzt haben. Entschädigungen wurden nicht gezahlt. Das rückständige Xiashuixi erhielt so Geschäfte und mehrstöckige Gebäude, es ist mit der 500.000-Einwohner-Kreisstadt Lishi zusammengewachsen. Es ist diese Art Fortschritt, den die Regierung in ihren Statistiken sehen wollte, der jedoch den Bauern die Lebensgrundlage entzog.
Als diese sich zu beklagen begannen, schlug der Parteisekretär hart zurück. "Schwarze Bande" nannten die Bewohner die Schlägertrupps, mit denen Li die Bürger in Schach zu halten versuchte. 2002 beschlossen 24 Bewohner, in der Provinzhauptstadt Taiyuan eine Petition einzureichen, doch Li konnte sie stoppen. Wenige Tage später wurden neun der kritischen Bürger zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Eine von ihnen war Zhang Xupings Mutter Wang Houe. Jeden dritten Tag sei sie von den Wärtern malträtiert worden, erzählt sie. "So wollte Li uns zum Schweigen bringen." Weil sie sich nicht einschüchtern ließ, sei sie in den Folgejahren noch mehrfach inhaftiert worden. "Einmal hat die ,Schwarze Bande‘ unser Haus verwüstet."
An dem Ort, wo die Familie einst ihre Obstbäume pflegte, steht heute ein Hotel. "Das ist alles Lis kleines Reich", sagt Wang. Dutzende von Bewohnern haben von Lis Misshandlungen bleibende Schäden davongetragen. Einer von ihnen ist der 42-jährige Bauer Li Haiting. Er ist halbseitig gelähmt und kann nicht mehr sprechen. "In der Haft wurde er oft geschlagen", sagt seine Frau Xue Xiaomai. Eine ärztliche Behandlung kann sich das Paar nicht leisten, es lebt von den Almosen ihrer Verwandten. "Parteisekretär Li hatte ein schwarzes Herz und hat nichts anderes als den Tod verdient", findet Xue. Dabei war der Tyrann einst einer von ihnen, ein Kind armer Bauern und ein enger Jugendfreund des heute behinderten Li Haiting.
Auch Wang Houe kannte den Mann, den ihr Sohn einmal töten sollte, von klein auf. Weil Li zu den wenigen gehörte, die den Oberschulabschluss schafften, eröffnete sich ihm die Chance einer Karriere in der Kommunistischen Partei. "Das System hat ihn zu dem gemacht, was er war", sagt die 68-jährige Bäuerin Liang Yingzheng. "Die Geldgier und die Willkür der Kader sind immer gleich." Um Wang Houes Widerstand zu brechen, ließ Li 2003 seinen Einfluss spielen, um ihren 13-jährigen Sohn Zhang Xuping aus der Schule zu werfen. Der Junge geriet auf die schiefe Bahn. Als er bei einem Einbruch beim Schmierestehen erwischt wurde, erhielt er eine Haftstrafe von einem Jahr. Nach Angaben seiner Mutter sei er im Gefängnis geschlagen worden und habe drei Monate lang eine 18 Kilogramm schwere Eisenkette tragen müssen.
Im Alter von 14 Jahren versuchte Zhang sich umzubringen. Trotz der Vorgeschichte interessierte sich das Gericht nicht für die Motive des geständigen Mörders. Zwar hat die Regierung inzwischen einigen von Lis Opfern Entschädigungen gezahlt. Doch eine vollständige Aufklärung gibt es bis jetzt nicht. Viele Bürger erwarten, dass Pekings Oberstes Gericht das Todesurteil bald ausführen lassen wird. Die Mutter des Todeskandidaten sieht nur eine Chance für seine Rettung: "Wir müssen die Richter bestechen." Selbstjustiz kommt in China immer wieder vor: 2008 rächte sich Yang Jia für die Misshandlungen durch Polizisten und erstach sechs Polizeibeamte.
Vor dem Gericht gab es Solidaritätskundgebungen für ihn, dennoch wurde er hingerichtet. Im Mai 2009 erstach in der Provinz Hubei die 21-jährige Kellnerin Deng Yujiao den Leiter der Investitionsbehörde. Deng drohte die Todesstrafe – bis herauskam, dass der Beamte das Mädchen zu vergewaltigen versucht hatte. Deng wurde freigesprochen.
Designerin Anna von Griesheim Einfach gut angezogen
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"Was Zhang getan hat, ist eine Warnung für korrupte Beamte."
Der ältere Bruder des Mörders
Mehrfach hatte die Bevölkerung versucht, Lis Machenschaften anzuzeigen, die Beamten aber stellten sich taub – schließlich profitierten sie von den korrupten Geschäften des Parteisekretärs. Wer dagegen aufbegehrte, bekam es mit Lis Schlägertrupps zu tun – bis Zhang Xuping am 23. September 2008 die Justiz selbst in die Hand nahm. Nun gilt er als Held. "Wenn die Partei nicht in ihren eigenen Reihen aufräumen, muss das Volk es tun", sagt Zhangs älterer Bruder. "Was mein Bruder getan hat, sollte eine Warnung an alle korrupten Beamten sein." Er zeigt einen Stapel von Papieren. 20.699 Bewohner aus der nahen Kreisstadt Lishi und aus Xiashuixi haben eine Petition unterzeichnet, die Zhang Xupings Leben retten soll. "Die Menschen wissen, dass es ein gerechter Mord an einem bösen Beamten war", sagt er.
Zhang Xuping wurde zum Tode verurteilt
Als Zhang Xuping im Oktober 2009 der Prozess gemacht werden sollte, demonstrierten vor dem Gericht 1000 Menschen. Die Behörden wurden nervös, sie ließen das Gebäude von Polizisten abriegeln und sagten das Verfahren ab. Doch im Januar wurde der Prozess nachgeholt und Zhang Xuping – so wie sein Auftraggeber – zum Tode verurteilt. Nur das Oberste Gericht in Peking kann ihn noch retten. Eine Revision des Urteils wäre für die Kommunistische Partei eine Chance, bei vielen Chinesen ein wenig Vertrauen zurückzugewinnen, denn die Geschichte des Mordes von Xiashuixi ist die Geschichte eines staatlichen Totalversagens.
"Mein Sohn hat die Menschen in unserem Dorf von einem schlimmen Mann befreit", erzählt seine Mutter Wang Houe. "Selbst wenn er hingerichtet wird, war sein Leben nicht umsonst." Sie sitzt auf dem Bett unter dem geschwungenen Dach ihres Bauernhauses. An den Wänden hängen Glückszeichen aus rotem und goldenem Glitzerpapier. "Wir haben immer auf Glück gehofft, aber von denen dort wird es nicht kommen", sagt sie und zeigt auf eine Chinakarte mit der Hauptstadt Peking. Dann holt sie ein Bild von Zhang Xuping, dem jüngsten ihrer drei Kinder. Es zeigt einen Jungen mit ernsten Augen. Sie habe sich für ihn eine gute Ausbildung gewünscht, sagt die 48-Jährige, aber so wie es gekommen ist, sei sie auch stolz auf ihn.
Auch von dem Mordopfer, Parteisekretär Li Shiming, hat Wang ein Foto. Darauf sieht man den Parteisekretär, einen Mann mit fleischigem Gesicht, lächelnd, selbstbewusst. Weil chinesische Beamte so gut genährt sind, werden sie im Volk spöttisch "naoman changfei" genannt: "Der Kopf ist genauso gefüllt wie der Darm." Hinter solchen Ausdrücken versteckt sich der Hass auf das System, der offen nicht ausgesprochen werden darf. Die Korruption im Staatsapparat ist nicht die Ausnahme, sondern die Norm, vor allem auf dem Land, wo 55 Prozent der 1,3 Milliarden Chinesen leben.
Dutzende haben von Lis Misshandlungen Schäden davongetragen
Da keine Gewaltenteilung die Macht lokaler Kader begrenzt, plündern sie oft die Ressourcen ihrer Region, ohne dass die Menschen sich wehren können. In Xiashuixi begann der Konflikt Ende der Neunziger, als Li Shiming begann, in großem Maßstab Bauern zu enteignen. Rund 27 Hektar Bauland soll er befreundeten Bauunternehmern zugeschanzt haben. Entschädigungen wurden nicht gezahlt. Das rückständige Xiashuixi erhielt so Geschäfte und mehrstöckige Gebäude, es ist mit der 500.000-Einwohner-Kreisstadt Lishi zusammengewachsen. Es ist diese Art Fortschritt, den die Regierung in ihren Statistiken sehen wollte, der jedoch den Bauern die Lebensgrundlage entzog.
Als diese sich zu beklagen begannen, schlug der Parteisekretär hart zurück. "Schwarze Bande" nannten die Bewohner die Schlägertrupps, mit denen Li die Bürger in Schach zu halten versuchte. 2002 beschlossen 24 Bewohner, in der Provinzhauptstadt Taiyuan eine Petition einzureichen, doch Li konnte sie stoppen. Wenige Tage später wurden neun der kritischen Bürger zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Eine von ihnen war Zhang Xupings Mutter Wang Houe. Jeden dritten Tag sei sie von den Wärtern malträtiert worden, erzählt sie. "So wollte Li uns zum Schweigen bringen." Weil sie sich nicht einschüchtern ließ, sei sie in den Folgejahren noch mehrfach inhaftiert worden. "Einmal hat die ,Schwarze Bande‘ unser Haus verwüstet."
An dem Ort, wo die Familie einst ihre Obstbäume pflegte, steht heute ein Hotel. "Das ist alles Lis kleines Reich", sagt Wang. Dutzende von Bewohnern haben von Lis Misshandlungen bleibende Schäden davongetragen. Einer von ihnen ist der 42-jährige Bauer Li Haiting. Er ist halbseitig gelähmt und kann nicht mehr sprechen. "In der Haft wurde er oft geschlagen", sagt seine Frau Xue Xiaomai. Eine ärztliche Behandlung kann sich das Paar nicht leisten, es lebt von den Almosen ihrer Verwandten. "Parteisekretär Li hatte ein schwarzes Herz und hat nichts anderes als den Tod verdient", findet Xue. Dabei war der Tyrann einst einer von ihnen, ein Kind armer Bauern und ein enger Jugendfreund des heute behinderten Li Haiting.
Das Gericht interessierte sich nicht für die Motive des Mörders
Auch Wang Houe kannte den Mann, den ihr Sohn einmal töten sollte, von klein auf. Weil Li zu den wenigen gehörte, die den Oberschulabschluss schafften, eröffnete sich ihm die Chance einer Karriere in der Kommunistischen Partei. "Das System hat ihn zu dem gemacht, was er war", sagt die 68-jährige Bäuerin Liang Yingzheng. "Die Geldgier und die Willkür der Kader sind immer gleich." Um Wang Houes Widerstand zu brechen, ließ Li 2003 seinen Einfluss spielen, um ihren 13-jährigen Sohn Zhang Xuping aus der Schule zu werfen. Der Junge geriet auf die schiefe Bahn. Als er bei einem Einbruch beim Schmierestehen erwischt wurde, erhielt er eine Haftstrafe von einem Jahr. Nach Angaben seiner Mutter sei er im Gefängnis geschlagen worden und habe drei Monate lang eine 18 Kilogramm schwere Eisenkette tragen müssen.
Im Alter von 14 Jahren versuchte Zhang sich umzubringen. Trotz der Vorgeschichte interessierte sich das Gericht nicht für die Motive des geständigen Mörders. Zwar hat die Regierung inzwischen einigen von Lis Opfern Entschädigungen gezahlt. Doch eine vollständige Aufklärung gibt es bis jetzt nicht. Viele Bürger erwarten, dass Pekings Oberstes Gericht das Todesurteil bald ausführen lassen wird. Die Mutter des Todeskandidaten sieht nur eine Chance für seine Rettung: "Wir müssen die Richter bestechen." Selbstjustiz kommt in China immer wieder vor: 2008 rächte sich Yang Jia für die Misshandlungen durch Polizisten und erstach sechs Polizeibeamte.
Vor dem Gericht gab es Solidaritätskundgebungen für ihn, dennoch wurde er hingerichtet. Im Mai 2009 erstach in der Provinz Hubei die 21-jährige Kellnerin Deng Yujiao den Leiter der Investitionsbehörde. Deng drohte die Todesstrafe – bis herauskam, dass der Beamte das Mädchen zu vergewaltigen versucht hatte. Deng wurde freigesprochen.
Kommentare (2)
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Ragnaroekr,
08.02.2010
Die gelbe Gefahr
Mit einem Staatsverständnis wie dem der Chinesen sollte kein Umgang gepflegt werden. Korruption, Menschenrechtsverletzungen, Produktpiraterie, Umweltvergiftung, Vertragsverletzungen, Völkermord, Hinrichtungen, usw. - all dies sind Symptome der Dekadenz. Die gelbe Gefahr ist eine Kulturschande für die westliche Staatengemeinschaft und eine Schande für jedes Unternehmen, das mit Chinesen Geschäfte macht. Aber wie sagen die Chinesen so schön, Westler = gespaltene Zungen. Für diese Welt muss man sich schämen.
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