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Dicht an den Grenzen der Vernunft

Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 08.02.2010

Am 7. Februar, also gestern, wäre er hundert Jahre alt geworden: Max Bense, von 1949 bis 1978 Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Universität Stuttgart. Die Stadt, die Stadtbücherei und seine ehemalige Hochschule nahmen dieses Datum am Wochenende zum Anlass, um auf verschiedene Weise an diesen Intellektuellen zu erinnern: mit einem Festakt im Rathaus, einer Geburtstagsfeier im Wilhelmspalais und einem vom Internationalen Zentrum für Kultur- und Technikforschung ( IZKT ) organisierten zweitägigen Symposion.

Aber muss man in Stuttgart überhaupt an Bense erinnern? Die Situation ist paradox. Einerseits gibt es hier noch immer eine große Zahl von ehemaligen Schülern, die sich mit leuchtenden Augen an jene heroischen Zeiten erinnern, als Bense in der pietistisch verschlafenen Landeshauptstadt den Geist kritischer Intellektualität verkörperte. Andererseits ist der Gelehrte jüngeren Wissenschaftlern kaum mehr ein Begriff, die intellektuellen Moden werden von anderen Namen geprägt, so dass eine junge Generation Benses Werk erst wieder neu für sich entdecken muss.

Das hat den Vorteil, dass sie sich ihm unbefangener und nicht belastet von alten Auseinandersetzungen nähern kann, während die alten Bensianer dazu neigen, ihren Meister inbrünstiger zu verteidigen als Hardcore-Katholiken den Papst. Auf dem Symposion trafen diese beiden Welten in einer Weise aufeinander, wie man das auf wissenschaftlichen Kongressen nicht gewohnt ist: das Pingpongspiel der Argumente wurde da bisweilen ersetzt durch den Vorwurf, die andere Seite betreibe keine Wissenschaft, sondern Mystik.

Für jemanden, der den 1990 verstorbenen Max Bense als Lehrer nicht mehr erlebt hat, ist es zunächst schwer, sich die Faszination zu erklären, die von diesem Mann offenbar ausgegangen ist. Die umfangreiche Reihe seiner Schriften macht einen eher ratlos: Er hat über Kierkegaard geschrieben und über Quantenphysik, über die Geistesgeschichte der Mathematik und die Architektur der brasilianischen Hauptstadt Brasilia, über konkrete Poesie und Zeichentheorie, über das technische Zeitalter und den Computer. Wie passt der radikale Protestant Kierkegaard mit seiner Forderung, man müsse die Vernunft opfern zugunsten des Glaubens an den ganz anderen, unbegreiflichen Gott, zum auf mathematischen Rationalismus des bekennenden Atheisten Max Bense? Und wie passt seine Technikbegeisterung zu der Tatsache, dass er keinen Führerschein hatte?

Benses Verteidiger umschreiben seine Position mit der Formel vom "existenziellen Rationalismus", in der er Existenzphilosophie und technische Rationalität habe vereinigen wollen. Seine Absicht sei gewesen, die überholte Trennung von Natur- und Geisteswissenschaften aufzuheben und gegen kulturpessimistische Ressentiments eine ideologiefreie Bewertung der modernen Technik zu lancieren. Bense markiere die "bedeutendste technikphilosophische Position der deutschen Nachkriegsmoderne" , fasste Gerd de Bruyn, der Direktor des IZKT, zum Auftakt des Symposions die Leistung des Gelehrten zusammen. Mit diesem "optimistischen Programm einer technologischen Aufklärung" ( de Bruyn ) nahm Bense in der frühen Bundesrepublik eine Gegenposition sowohl zu Martin Heideggers Technikkritik ein als auch zur Kritik der instrumentellen Vernunft, wie sie von der Frankfurter Schule geübt wurde.

Bense war einer der Ersten, der sich in Deutschland mit der Kybernetik Norbert Wieners und dem Computer beschäftigte, so dass der für den Kongress gewählte Titel "Weltprogrammierung" passend war. Das Symposion hatte sich vorgenommen, diesen technologischen Optimismus kritisch zu befragen und die Grenzen von Benses Rationalitätsbegriff aufzuzeigen.

Zunächst aber waren die großen Würdigungen des Jubilars an der Reihe, die der Wuppertaler Kunsttheoretiker Bazon Brock und Peter Weibel, der Direktor des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie, übernommen hatten. Brock rühmte Benses "weiße Mystik", die im Sinne Robert Musils Ontologie und Technologie versöhnt habe. Bense habe erkannt, dass die Technologie die würdige Erbin der Theologie sei, weil sie das Bestehende vor dem Vergessen bewahre: Die Repeat-Taste des Computers sei ein Äquivalent für die Auferstehung. Weibel deutete in seiner Festrede Benses Technikphilosophie im Sinne von Peter Sloterdijk als "Anthropotechnik": Nicht die Natur, sondern die Technik mache den Menschen zum Menschen. Auch die Kunst, so Weibel, sei für Bense kein Naturlaut, sondern etwas durch rationale Kalkulation Erzeugtes - eine Position, die er in einem Streitgespräch 1970 gegenüber dem Gefühlsmenschen Joseph Beuys verteidigt habe.

Einige jüngere, von der postmodernen Vernunftkritik beeinflusste Wissenschaftler kratzten dann aber im Laufe des Symposions doch etwas an diesem von Bense entworfenen schönen Bild einer technologisch aufgeklärten und durch rationale Programmierung von allen irrationalen europäischen Altlasten befreiten Welt. Der Begriff der "Reinigung" spielt eine zentrale Rolle in Benses Werk, etwa wenn er von der "spirituellen Reinheit der Technik" spricht. Michaela Ott von der Kunsthochschule Hamburg konnte zeigen, dass dieses Reinheitsideal in Benses Kunsttheorie auf eine "apathische Ästhetik" hinausläuft, die alle tragischen Untertöne ausschließen muss. Der Medientheoretiker Claus Pias von der Uni Wien sah in Benses Festhalten an einer "lupenreinen Avantgardetheorie" den Grund dafür, dass Bense von der durch die Postmoderne geprägten Wissenschaftlergeneration nicht mehr wahrgenommen wurde, weil die den Begriff der Avantgarde längst verabschiedet hatte.

Dieter Mersch, Medienwissenschaftler an der Uni Potsdam, konstatierte in der Entwicklung von Benses Werk eine zunehmende "Maßlosigkeit des Anspruchs". Nach dem Zweiten Weltkrieg habe Bense gegen den nationalistischen Irrationalismus, der in die Katastrophe geführt hatte, zu Recht eine Wiederanknüpfung an die cartesianische Rationalität, an die durch Zweifel und Beweis bestimmte wissenschaftliche Methode propagiert. Doch dann sei für ihn im Laufe der Jahre die von Charles S. Peirce entwickelte Semiotik, die Lehre von den Zeichen also, zum Universalschlüssel geworden, der alles erklären sollte: Natur und Technik, Kunst und Kultur. Mersch sieht darin einen Fundamentalismus der Vernunft, der verkenne, dass es keine reine Rationalität gibt.
 
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