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Scherze über Minarette und Scharia

Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 06.03.2010

Kennen Sie Ihr Minarett-Handicap?" Nein, dann sollten Sie es kennenlernen. Das zumindest fand die Industrie- und Handelskammer (IHK) Konstanz und bot auf der letzten Seite in der Januarausgabe ihrer Mitgliederzeitschrift "Wirtschaft im Südwesten" einen satirischen Frageboten an. Anlass war der umstrittene Volksentscheid in der Schweiz, der den Bau weiterer Minarette verbot. Zur "spitzen Feder" greift auf dieser Seite der seit März 2006 amtierende Hauptgeschäftsführer Claudius Marx selbst. Der 50-Jährige "sieht vieles, kriegt vieles mit, liest vieles" in seinem Job und hat außerhalb der "wohlabgewogenen Statements", die er sonst gewohnt ist abzugeben, auch ab und zu "Lust, sich freier zu äußern". Diesmal gegen das "sensationell inakzeptable Plebiszit" der Eidgenossen. Die Resonanz bei den Lesern fiel gemischt aus.

In zehn Fragen prüft der Autor Marx nach dem Multiple-Choice-Verfahren das "individuelle Minarett-Handicap" seiner Leser ab. Immer drei Antworten stehen zur Auswahl. So in Frage fünf: "Sie unterstützen aktiv den Wunsch der islamischen Gemeinde, in Ihrer Stadt ein Minarett zu errichten. Sie favorisieren die Lage a) zwischen Rathaus und Dom b) zwischen Mediamarkt und McDonalds c) zwischen Wertstoffhof und Autobahnzubringer". Auch Frage drei hat es in sich: "Auf dem städtischen Grundstück neben Ihrem werthaltigen Einfamilienhaus soll gebaut werden. Sie sprechen sich im Gemeinderat aus für a) für eine Koranschule b) für einen Kindergarten c) für eine Außenstelle des Landesdenkmalamtes".

Claudius Marx weiß, dass in einer Satire nur mit Übertreibung etwas erreicht werden kann, und langt zu. Im Fall der islamischen Rechtslehre Scharia bietet der Jurist als Erläuterung unter anderem an: "Ist eine ernsthafte Alternative zur Überwindung europäischer Rechtsetzungswut". Der "Koran als heilige Schrift des Islam" wird so "immer mal wieder mehrdeutig ausgelegt" oder "enthält Aussagen, die auf ein Toleranzdefizit gegenüber Andersgläubigen deuten".

Die "geringe Integrationsneigung muslimischer Immigranten" sei "ein Spiegel verfehlter Integrationspolitik der Gastländer", zeuge "von der Festigkeit ihres kulturellen und religiösen Fundaments" oder führe "leicht zu gesellschaftlicher Isolation und zunehmender Entfremdung". In der Auswertung konnten die Leser dann erfahren, zu welchem Typ sie gehören. Man ist je nach Antworthäufigkeit einer, der "auf der Seite der Gutmeinenden fühlt", einer, der "einfach alles" verstehen will und den Schweizer Stimmbürgern "mal so richtig die Leviten" liest. Oder einer, der "keinen Schulabschluss" hat oder einer, der zwar "hochgebildet" ist, aber in Anspielung auf die umstrittenen Äußerungen des Berliner Exfinanzsenators Thilo Sarrazin über Hartz-IV-Empfänger an "sarrazinscher Ehrlichkeit" leidet. "Vielleicht sind Sie auch tatsächlich ausländerfeindlich", schlussfolgert Claudius Marx.

Starker Tobak für eine IHK-Mitgliederzeitschrift mit 60 000 Stück Auflage. Die Reaktion unter den Lesern fiel denn zwiespältig aus. An die 20 Leser taten ihre Ansicht kund, allerdings nur am Telefon. Das Meinungsbild hielt sich laut Marx in etwa die Waage. Neben Zustimmung habe es auch Entrüstung gegeben. Ihm sei es darum gegangen, den Lesern einen Spiegel vorzuhalten, um zu zeigen: So sind wir. "Manche haben mit Entsetzen festgestellt, was sie da angekreuzt haben." Die Sorge, dass er mit seinem heiklen Thema radikale Islamisten hätte wecken können, teilt Marx nicht. Im Karikaturenstreit hatten die keinen Spaß verstanden. Es habe von dort keine Reaktionen gegeben, sagt Marx: "Offenbar haben wir keine Muslime unter unseren Lesern."
 
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