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Box statt Schloss - mit Aussichtsplattform

Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 24.06.2010

Die Bundesregierung hat Anfang Juni beschlossen, den Baubeginn für das Berliner Schloss von 2011 auf 2014 zu verschieben. Im geplanten Humboldt-Forum will die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ihre außereuropäischen Sammlungen ganz neu präsentieren.

Mit der Verschiebung soll der Bundeshaushalt in den nächsten drei Jahren um 400 Millionen Euro entlastet werden. Sie bezweifeln, dass diese Rechnung aufgeht?

Die Investition wäre in den kommenden Jahren viel niedriger gewesen, weil sich diese Summe ja über die gesamte Bauzeit von sieben bis acht Jahren verteilt. Außerdem ist für die bisherigen Planungen bereits Geld ausgegeben worden, es gibt laufende Verträge. Die Häuser stammen aus den sechziger Jahren, seitdem ist nicht mehr viel in den Bauunterhalt investiert worden, und die Gebäude sind in einem äußerst maroden Zustand. Bei einem Baubeginn des Humboldt-Forums im Jahr 2011 rechneten wir 2018/19 mit dem Einzug der außereuropäischen Sammlungen aus Dahlem. Nun wird sich das alles verzögern, und das bedeutet für uns weitere Bauertüchtigungs- und Bauerhaltmaßnahmen in Dahlem, doch das sind Investition am falschen Ort.

Ein großer Teil der Dahlemer Sammlungen sollte doch gar nicht an den Schlossplatz ziehen, sondern in ein neues Depotgebäude in Friedrichshagen. Wenn nun der Berliner Kulturstaatssekretär Schmitz behauptet, es müssten 300 Millionen in Dahlem verbaut werden, klingt das nicht glaubwürdig.·

Man hat Anfang der neunziger Jahre, als noch niemand ans Humboldt-Forum dachte, den Sanierungsbedarf in Dahlem auf 300 Millionen D-Mark kalkuliert. Wir investieren derzeit 19 Millionen Euro in den Feuerschutz und andere unerlässliche Bauerhaltmaßnahmen, nur damit wir die Gebäude bis etwa 2018/19, die ursprünglich geplante Eröffnungszeit des Humboldt-Forums, nutzen können. Würde es gar nicht zum Umzug ins Humboldt-Forum kommen, müssten wir etwa 200 Millionen Euro für die Sanierung in Dahlem aufwenden. Zu Friedrichshagen: dorthin ziehen nur die Depots der Museen. Am Schlossplatz sollen die Fachbibliothek, die Archive, die Arbeitsräume der Wissenschaftler und auf etwa 25 000 Quadratmetern die Ausstellungsbereiche des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst untergebracht werden. Insgesamt hätten wir dafür im Schloss etwas mehr Platz als in Dahlem. Die nicht ausgestellten Sammlungsobjekte sollen nach Friedrichshagen kommen.

Es hieß, das Humboldt-Forum solle 2013 oder 2014 bezugsfertig sein - haben Sie je mit dem Termin gerechnet?

An einen so frühen Fertigstellungstermin habe ich nie geglaubt. Wir rechnen weiter mit einer Zeit von etwa acht bis neun Jahren zwischen Baubeginn und Umzug ins Schloss. Jetzt müssen wir uns darauf verlassen können, dass ab 2014 wirklich gebaut wird. Sonst müssen wir mit den Sammlungen in Dahlem ganz anders planen.

Ist denn die Finanzierung eines Depots in Friedrichshagen gesichert?

Nein, das hat mit dem Schloss gar nichts zu tun, das Geld kommt aus dem Bauetat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, mit dem wir die bestehenden Häuser sanieren und weiterentwickeln. Dazu gehören die Museumsinsel, die Staatsbibliothek und viele andere. Im Kulturhaushalt des Bundes gab es keine Kürzungen, und das ist ein wichtiges Zeichen.

Ist es Ihnen also zum Verhängnis geworden, dass der Schlossbau nicht aus dem Etat des Kulturstaatsministers, sondern des Bundesbauministers finanziert wird?

Das kann man so sicher nicht sagen. Wenn man mit dem Bau des Schlosses jetzt noch nicht beginnen will, dann trifft man eine solche Entscheidung unabhängig davon, wo die Mittel dafür angesiedelt sind. Sicher wollte man mit der Verschiebung ein Zeichen setzen, auch wenn es meines Erachtens das falsche war.

Sie meinen, weil das Humboldt-Forum in der Schlossverpackung von vielen als Luxusartikel wahrgenommen wird.

Wenn man meint, dass die Berliner sich hier nur ihr Schloss wiederaufbauen wollen, dann klingt das nach Luxus. Aber es geht um etwas anderes. Die Frage ist: Was soll an diesem zentralen Ort der Hauptstadt geschehen? Die Museumsinsel mit Kunst und Kultur Europas und des Nahen Ostens war die große Vision des 19. Jahrhunderts. Mit dem Humboldt-Forum soll die Museumsinsel erweitert werden zu einem einmaligen Ort der Weltkulturen, und zwar mit einer gleichberechtigten Präsentation von Kunst und Kultur Afrikas, Amerikas, Ozeaniens und Asiens, das ist doch ein ungemein starkes Zeichen in einer längst globalisierten Welt! Dabei geht es nicht nur um eine museale Erweiterung der Museumsinsel, sondern im Humboldt-Forum soll mit einer öffentlichen Bibliothek, mit Forschungsbereichen und mit einer Agora, einem Veranstaltungszentrum für Film, Theater, Musik, zeitgenössische Kunst, aber auch Tagungen und Podiumsdiskussionen zu den zentralen Fragen unserer Zeit, ein ganz neuartiges Kunst- und Kulturerfahrungszentrum entstehen. Deutschland hat die Chance, sich an diesem Ort als weltoffenes Land zu präsentieren, und zwar im Rückgriff auf seine Vergangenheit als Kultur- und Wissenschaftsnation; auch dafür steht übrigens das Schloss! Die breite Mehrheit für das Schloss im Bundestag ist 2002 nur zustande gekommen, weil der Inhalt in die Zukunft weist. Das Humboldt-Forum ist kein Berliner Vorhaben, sondern ein nationales Kulturprojekt.

Kann sich die Stiftung das Schloss überhaupt leisten? Sie haben nach eigener Aussage ein extrem schwieriges Haushaltsjahr hinter sich. In diesem Jahr bekommen Sie vom Bund und Berlin fünf Millionen Euro zusätzlich. Aber woher nehmen Sie das Geld für die Betriebs- und Personalkosten des Humboldt-Forums?

Wir sind ja nicht der einzige Nutzer im Humboldt-Forum, es gibt ja noch die Flächen der Zentral- und Landesbibliothek und der Humboldt-Universität, die von diesen verantwortet werden. Hinzu kommen die kommerziellen Bereiche im Erdgeschoss mit Gastronomie und Museumsshops. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist zunächst nur für jene Bereiche verantwortlich, die für die Dahlemer Museen vorgesehen sind. Hierfür bringen wir Personal und Mittel für den Betrieb quasi aus Dahlem mit, wenngleich ein geringfügiger Zuwachs wünschenswert wäre, weil hier ja etwas Neues entstehen soll, das weit über Dahlem hinausgeht. Ich habe auch immer gesagt, dass man für die Agora, also den Veranstaltungsbereich, zusätzliches Personal und ein Budget braucht, um dort ein attraktives Programm zu realisieren. Das ist notwendig, wenn das Humboldt-Forum mehr als die Summe seiner Teile werden soll. Die Agora bietet die einmalige Chance, aus den historischen Sammlungen die Brücke in die Gegenwart zu schlagen.·

Was passiert jetzt am Schlossplatz?

In der Humboldt-Box am Schlossplatz werden sich die künftigen Nutzer gemeinsam präsentieren. Wir werden über die Geschichte des Ortes informieren, den Ursprung der Sammlungen in der Kunstkammer im Schloss verdeutlichen, die Rolle der Brüder von Humboldt erklären, über die Architektur informieren usw. Auf zwei Etagen wollen wir exemplarisch Inhalte des künftigen Humboldt-Forums vorstellen, die sich um Sammlungsobjekte, Forschungsprojekte und auch die Zusammenarbeit mit indigenen Gruppen drehen. Gemeinsam mit der Zentral- und Landesbibliothek und der Humboldt-Universität entwickeln wir Themeninseln, die sich im Jahresrhythmus verändern sollen. Es wird in der Box einen Vortragssaal, ein Café und eine Aussichtsplattform geben. Hier wird ein Ort entstehen, an dem sich möglichst viele Menschen Tag für Tag über dieses kulturelle Großprojekt informieren können.·

Das Gespräch führte Michael Bienert.
 
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