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Das letzte Feuerwerk

Artikel aus der Blick vom Fernsehturm vom 26.07.2010

Wir hatten piano ausgemacht, nicht mezzoforte", sagt Jürgen Mauri und unterstreicht jedes Wort mit einer energischen Handbewegung. Der Mann kann"s nicht lassen, 28 Jahre Chorarbeit sitzen tief. Auch bei der Probe vor seinem letzten großen Auftritt bleibt Mauri ein Perfektionist. Wie ein Feuerwerk sollen seine Chorsänger den Jubel am Ende des "Preise, Jerusalem, den Herrn" entfalten. "Zünden Sie mal ein Feuerwerk in der Sonne, das bringt nichts. Wenn Sie das aber aus der Dunkelheit heraus tun, wirkt es gewaltig", erklärt Mauri bildhaft, warum der Wechsel in der Lautstärke am Ende des Stücks so wichtig ist.

Nervös ist er nach eigenem Bekunden nicht, als er an diesem Sonntagmorgen am Klavier vor seinen Chören Platz nimmt. "Die Wehmut überwiegt", sagt Mauri. Aber auch der Wunsch nach mehr Freiheit. Der 63-Jährige geht in den Ruhestand, er wird heute zum letzten Mal vor der katholischen Gemeinde St. Michael spielen, in der er fast drei Jahrzehnte als Organist und Kantor tätig war. Die Jahre als Kirchenmusiker waren anstrengend. Nicht nur, weil er bei fast jedem Gottesdienst an der Orgel saß. "Auch Chorarbeit ist schön. Aber sie ist mit Konstanz verbunden", sagt Mauri. Sprich: Wer einen Chor ordentlich leiten will, muss viel Zeit und Arbeit investieren.

Das hat Jürgen Mauri zweifellos getan. Glaubt man seinen Chorsängern, hat er es sogar auf eine sehr motivierende Art getan. "Mit seiner Mimik und Gestik hat er uns immer mitgerissen", sagt etwa Elke Golla-Seidenspinner, die bei den Spirit Voices mitsingt. Annemarie Kloos bescheinigt Mauri "ein unerschöpfliches Reservoir an Energie, das er sehr gut einbringen kann." Und auch der zweite Vorsitzende des Kirchengemeinderats, Reinhard Lange, macht Mauri in dessen Abschiedsgottesdienst an diesem Morgen ein schönes Kompliment: "St. Michael und Jürgen Mauri, das gehörte für mich immer zusammen."

In Zukunft will sich der scheidende Kantor aufs Orgelspielen konzentrieren. Und zwar in den Vogesen, wohin er mit seiner Frau umzieht. Der emotionalen Ablösung von der Gemeinde folgt die räumliche Distanzierung. Seinem Nachfolger, den der Kirchengemeinderat am Donnerstag wählen wird, will Mauri nicht ins Handwerk pfuschen: "Das würde nur stören." Kontakt halten will er trotzdem. Sichtlich gerührt versichert er seiner Gemeinde: "Ich sage nicht Adieu, sondern Auf Wiedersehen."

Ein letztes Mal setzt sich Mauri an die Orgel. Die kennt er in- und auswendig. Das "Großer Gott, wir loben dich" zum Abschluss hat er wohl schon hunderte, wenn nicht tausende Male gespielt. Noch ein furioses Postludium, ein Nachspiel zum Auszug aus der Kirche. Als der letzte Ton verklingt, hat kaum einer aus der Gemeinde das Gotteshaus verlassen. Die Menschen stehen auf und applaudieren ihrem Organisten minutenlang. Sie werden Jürgen Mauri vermissen.
 
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