Sachsenheim
Entscheidung fürs Leben
Miriam Hesse, aus der StZ vom 9. April 2008, veröffentlicht am 08.04.2008
Sachsenheim - Theresa kennt keine übertriebene Scheu. Erst recht nicht vor Fotografen. Wenn es klickt, knipst sie ihr strahlendes Lächeln an. Fröhlich lugt sie an den Stofffalten ihrer Hängematte vorbei. Ihre blauen Augen leuchten, so wie es die Fotografen mögen. Ihr Talent vor der Kamera ist bereits entdeckt. Im Herbst war die Sechsjährige aus dem Kreis Ludwigsburg auf großen Plakaten in Stuttgart zu sehen – als Werbemodell für die Spendenkampagne des gemeinnützigen Vereins 46plus. In diesem Arbeitskreis treffen sich rund 100 Eltern von Down-Syndrom-Kindern regelmäßig zum Gedankenaustausch.
In Deutschland werden pro Jahr etwa 1200 Babys mit Trisomie 21 geboren. Nach Einschätzung des Down-Syndrom Infocenters mit Sitz in Lauf bei Nürnberg kommen mehr als zwei Drittel der Kinder mit der häufigsten geistigen Behinderung nicht zur Welt, weil sich die Eltern nach der Pränataldiagnostik für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Gemeinsam ist allen bei 46plus, dass sie sich für das Leben entschieden haben. Für das Leben mit einem Kind, in dessen Erbgut das Chromosom 21 dreifach vorhanden ist.
Adoption ist kein "Notnagel"
Aber Stephanie und Michael Weber gehören zu den wenigen Paaren, denen diese Entscheidung keiner abverlangt hat. Sie haben Theresa adoptiert, als sie ein Baby war. Ob sie auch leibliche Kinder bekommen, wissen sie noch nicht. Die Adoption sollte kein „Notnagel“ sein. „Erst das adoptierte Kind“, sagt Stephanie Weber, „dann vielleicht ein Geschwisterchen.“ Es war immer ihr Traum, sich um ein Kind zu kümmern, das ohne Adoptiveltern kaum Chancen auf einen festen Familienrahmen hat.
Die Adoptivmutter, eine gebürtige Balingerin, hat schon als Schülerin während der Sommerferien in den nahe gelegenen Mariaberger Heimen für geistig Behinderte gejobbt. Und sich wohl gefühlt unter Menschen, „die eine unglaubliche Herzlichkeit ausstrahlen und Spontaneität“, wie die 37-jährige Pädagogin sagt. Aber immer beschlich sie das Gefühl, dass trotz der bemühten Betreuer viele behinderte Kinder ihr Potenzial nicht ausschöpfen konnten ohne eine Familie, die intensiv auf ihre Bedürfnisse eingeht. Der Gedanke ließ sie nicht los, ein behindertes Kind in ihrer Familie aufwachsen zu sehen. „Mit diesem Lebenstraum habe ich sie geheiratet“, sagt Michael Weber, der in einer diakonischen Jugendhilfeeinrichtung arbeitet. Ihr 33-jähriger Partner teilt diese Einschätzung: „Ich erlebe täglich in meinem Beruf, was das Angenommensein in einer Familie für einen Unterschied macht.“
"Theresa ist die helle Freude"
Beim Ludwigsburger Jugendamt haben Stephanie und Michael Weber die entsprechenden Fragebögen ausgefüllt – allerdings mit einem Kreuz mehr als die etwa 50 anderen adoptionsbereiten Paare im Landkreis. „Bei Behinderung haben wir ,Okay' angegeben.“ Down-Syndrom sei auch okay, schrieben sie in Klammern auf den amtlichen Zettel. Wenige Wochen, nachdem die Webers ihren Antrag abgegeben hatten, kam am 8.August 2001 in einer Klinik in Ulm ein Mädchen mit Trisomie 21 zur Welt, das von den leiblichen Eltern zur anonymen Adoption freigegeben wurde. Bundesweit wurde nach Adoptiveltern gesucht, und das Ludwigsburger Jugendamt reagierte. „Ein Glücksfall“, sagt die zuständige Mitarbeiterin, „wie ich ihn bisher selten erlebt habe.“ Die Webers sehen vor allem sich selbst als Glückskinder: „Theresa ist die helle Freude.“
In den USA würde das Ehepaar mit seiner Geschichte vermutlich die neidischen Blicke so manchen Paares auf sich ziehen. Seit einigen Jahren wachse das Interesse an Kindern mit Down-Syndrom stetig, berichtet Robin Steele von der Down Syndrome Association in Cincinnati. Mehr als 200 Familien aus allen Ecken der Vereinigten Staaten hätten sich bei der Organisation auf einer Warteliste registriert. Die meisten von ihnen hätten bereits im Beruf oder im Bekanntenkreis Erfahrungen mit behinderten Menschen gemacht und in der Begegnung eine bereichernde Freude erlebt. Bis zu zwei Jahre müssten die werdenden Eltern auf ein Kind warten. Das Image behinderter Menschen habe sich verändert.
Selbständiges Leben möglich
Auch in Amerika hätten Down-Syndrom-Kinder einst als schwer vermittelbar gegolten, sagt Robin Steele. Die fortgeschrittenen medizinischen Erkenntnisse hätten jedoch die Wahrnehmung dieser genetisch bedingten Behinderung zum Positiven verändert. Menschen mit Down-Syndrom seien in den Medien präsent und führten oft im Alltag ein weitgehend selbstständiges Leben. „Sie besuchen in den USA mittlerweile nicht nur normale öffentliche Schulen und sind in Sportvereinen aktiv, sondern erwerben an der High School ihren Zugang zur Universität“, schreibt der Evangelische Pressedienst. Dieser Befund ist ermutigend für viele Eltern, auch wenn er natürlich nur für wenige Behinderte mit Down-Syndrom gilt, und der Alltag so aussieht, dass die Mehrzahl in beschützten Werkstätten landet.
In Deutschland werden pro Jahr etwa 1200 Babys mit Trisomie 21 geboren. Nach Einschätzung des Down-Syndrom Infocenters mit Sitz in Lauf bei Nürnberg kommen mehr als zwei Drittel der Kinder mit der häufigsten geistigen Behinderung nicht zur Welt, weil sich die Eltern nach der Pränataldiagnostik für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Gemeinsam ist allen bei 46plus, dass sie sich für das Leben entschieden haben. Für das Leben mit einem Kind, in dessen Erbgut das Chromosom 21 dreifach vorhanden ist.
Adoption ist kein "Notnagel"
Aber Stephanie und Michael Weber gehören zu den wenigen Paaren, denen diese Entscheidung keiner abverlangt hat. Sie haben Theresa adoptiert, als sie ein Baby war. Ob sie auch leibliche Kinder bekommen, wissen sie noch nicht. Die Adoption sollte kein „Notnagel“ sein. „Erst das adoptierte Kind“, sagt Stephanie Weber, „dann vielleicht ein Geschwisterchen.“ Es war immer ihr Traum, sich um ein Kind zu kümmern, das ohne Adoptiveltern kaum Chancen auf einen festen Familienrahmen hat.
Die Adoptivmutter, eine gebürtige Balingerin, hat schon als Schülerin während der Sommerferien in den nahe gelegenen Mariaberger Heimen für geistig Behinderte gejobbt. Und sich wohl gefühlt unter Menschen, „die eine unglaubliche Herzlichkeit ausstrahlen und Spontaneität“, wie die 37-jährige Pädagogin sagt. Aber immer beschlich sie das Gefühl, dass trotz der bemühten Betreuer viele behinderte Kinder ihr Potenzial nicht ausschöpfen konnten ohne eine Familie, die intensiv auf ihre Bedürfnisse eingeht. Der Gedanke ließ sie nicht los, ein behindertes Kind in ihrer Familie aufwachsen zu sehen. „Mit diesem Lebenstraum habe ich sie geheiratet“, sagt Michael Weber, der in einer diakonischen Jugendhilfeeinrichtung arbeitet. Ihr 33-jähriger Partner teilt diese Einschätzung: „Ich erlebe täglich in meinem Beruf, was das Angenommensein in einer Familie für einen Unterschied macht.“
"Theresa ist die helle Freude"
Beim Ludwigsburger Jugendamt haben Stephanie und Michael Weber die entsprechenden Fragebögen ausgefüllt – allerdings mit einem Kreuz mehr als die etwa 50 anderen adoptionsbereiten Paare im Landkreis. „Bei Behinderung haben wir ,Okay' angegeben.“ Down-Syndrom sei auch okay, schrieben sie in Klammern auf den amtlichen Zettel. Wenige Wochen, nachdem die Webers ihren Antrag abgegeben hatten, kam am 8.August 2001 in einer Klinik in Ulm ein Mädchen mit Trisomie 21 zur Welt, das von den leiblichen Eltern zur anonymen Adoption freigegeben wurde. Bundesweit wurde nach Adoptiveltern gesucht, und das Ludwigsburger Jugendamt reagierte. „Ein Glücksfall“, sagt die zuständige Mitarbeiterin, „wie ich ihn bisher selten erlebt habe.“ Die Webers sehen vor allem sich selbst als Glückskinder: „Theresa ist die helle Freude.“
In den USA würde das Ehepaar mit seiner Geschichte vermutlich die neidischen Blicke so manchen Paares auf sich ziehen. Seit einigen Jahren wachse das Interesse an Kindern mit Down-Syndrom stetig, berichtet Robin Steele von der Down Syndrome Association in Cincinnati. Mehr als 200 Familien aus allen Ecken der Vereinigten Staaten hätten sich bei der Organisation auf einer Warteliste registriert. Die meisten von ihnen hätten bereits im Beruf oder im Bekanntenkreis Erfahrungen mit behinderten Menschen gemacht und in der Begegnung eine bereichernde Freude erlebt. Bis zu zwei Jahre müssten die werdenden Eltern auf ein Kind warten. Das Image behinderter Menschen habe sich verändert.
Selbständiges Leben möglich
Auch in Amerika hätten Down-Syndrom-Kinder einst als schwer vermittelbar gegolten, sagt Robin Steele. Die fortgeschrittenen medizinischen Erkenntnisse hätten jedoch die Wahrnehmung dieser genetisch bedingten Behinderung zum Positiven verändert. Menschen mit Down-Syndrom seien in den Medien präsent und führten oft im Alltag ein weitgehend selbstständiges Leben. „Sie besuchen in den USA mittlerweile nicht nur normale öffentliche Schulen und sind in Sportvereinen aktiv, sondern erwerben an der High School ihren Zugang zur Universität“, schreibt der Evangelische Pressedienst. Dieser Befund ist ermutigend für viele Eltern, auch wenn er natürlich nur für wenige Behinderte mit Down-Syndrom gilt, und der Alltag so aussieht, dass die Mehrzahl in beschützten Werkstätten landet.
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