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Pilzhöhlen, Barockmaschinen und Nazihohlwelten

Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 24.10.2008

FANTASTIK IM BUCH

Der Mann leuchtet, schillert, glimmert, und wenn er sich bewegt, steigt ein zarter Nebel aus Sporen von ihm auf. Der abgemagerte, verwahrloste, verwirrte Duncan Shriek ist von Pilzen überwuchert. Der Historiker mit ruiniertem Ruf spürt der Frühgeschichte seiner Gesellschaft, seiner Stadt Ambergris nach, und war dafür schon mehrfach Monate im Untergrund. Buchstäblich im Untergrund - in jenen Höhlen, in denen Pilze wuchern, vielleicht auch denken und kommunizieren. Der Amerikaner Jeff VanderMeer, eines der Großtalente der fantastischen Literatur nutzt Pilze und Untergrund in "Shriek" auf vielfache Weise. Zum einen geht es darum, dass die Gegenwart immer auf etwas gebaut ist, das man gar nicht so genau kennen möchte. Aber es geht auch um Abgrenzung und Grenzauflösung, Infektion und Heilung, zum Beispiel von Ideen, um die Verlässlichkeit von Geschichtsschreibung und Unzuverlässigkeit der Historiker. Falls wir Shrieks diverse Erzählungen nicht glauben wollen, dürfen wir sie als pilzgiftinduzierte Wahnfolge deuten.

VanderMeer hat viel mit Thomas Pynchon gemein, aber nicht dessen Willen zur Leseerschwernis, Kryptik und völligen Abstraktion des Erzählten. VanderMeer sucht einen Weg zwischen dem allzu Süffigen und dem schwer Verkopften. Für "Shriek" wählt er eine subversive Erzählperspektive: der Roman ist das von Shrieks Schwester verfasste, ausufernde Nachwort zu einem Buch des vermeintlich Verschwundenen, von diesem in Klammern immer wieder kommentiert. Wie sein Held Duncan schimmert auch dieser Text, als komme er aus einem seltsamen Anderswo.

Jeff VanderMeer: Shriek. Aus dem Englischen von Hannes Riffel. Klett-Cota, Stuttgart. 488 Seiten, 24,90 Euro.

Die Vergangenheit gehört dem, der nach ihr greift. Diese durchaus suspekte Grundregel historischen Erzählens wird von Autoren der fantastischen Genres besonders dreist angewendet. Die passen ihre Erfindungen nicht in die Lücken des Geschichtsgrundwissens ein, sie ändern die Geschichte. Was etwa Gregory Keyes mit seinen Romanen um ein Sonnenkönig-Frankreich voll funktionierender Alchemie als Variante des Abenteuerromans anlegt, das geht Neal Stephenson in seinem wuchtigen Barockzyklus, der nun mit dem dritten Band "Principa" seinen Abschluss findet, ein wenig intellektueller an. Nein, man sollte "Principia", der im London des Jahres 1714 spielt, nicht für sich lesen, man sollte zuvor "Quicksilver" und "Confusion" kennen.

Diese zusammen 3300 Seiten umfassende Trilogie führt uns noch einmal den Roman als Weltmaschine vor Augen, als immenses Räderwerk. Das dreht sich in den vorigen beiden Bänden furios schnell, in "Principia" sehr viel gemächlicher. Man merkt, dass Stephenson eigentlich gar nicht zurückkehren will aus dieser Vergangenheit, die er sich unterworfen hat. Zwischen 1665 und 1714 stellt er reale und fiktive Figuren in den Dienst einer monumentalen Schelmerei. Er macht uns glauben und gerade dadurch zweifeln. Er führt uns vor Augen, dass wir durch gutes Erzählen von allem zu überzeugen sind.

Neal Stephenson: Principia. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Manhattan, München. 1024 Seiten, 29,95 Euro.

Reaktionär sei Fantasy, vernarrt in autoritäre Strukturen, gewalthörig, mit ihren ewig verfeindeten Rassen im Kern faschistoid, frauenfeindlich oft und so unsäglich konservativ in ihrem Erzählduktus, dass sie schon wurmstichig sei. So etwas liest man oft, und seltsamerweise machen die Verlage auch gute Umsätze mit Schmökern, die jedes einzelne dieser Vorurteile erfüllen. "Der Name des Windes" von Patrick Rothfuss, der Auftakt seiner "Königsmörder-Trilogie", ist sehr geeignet, die Vorurteile zu erschüttern. Nicht etwa, weil er erzählerisch radikal modern und heldenfrei von einer nicht feudalen Fantasiewelt erzählen würde. Sondern weil er die Versatzstücke orthodoxer Fantasy zu etwas Lebendigem zusammensetzt.

Hier breitet ein seltsamer Schenkenwirt einem Chronisten, der diesen versteckt lebenden Tausendsassa von düsterstem Ruf aufgespürt und zur Rede gestellt hat, sein Leben aus. Aber der Amerikaner Rothfuss, Jahrgang 1973, zeigt, dass konservatives Erzählen nicht stumpfsinnig und mechanisch sein muss. Bei ihm offenbart sich die Fantasy als Rückzugsraum des einst hochgeachteten Entwicklungsromans. Ruhig, bedachtsam und dann mit grausigen Erfahrungen gespickt, wird uns die Lebensgeschichte eines jungen Künstlers geschildert, gezeigt, wie einer zum Außenseiter wird und doch immer handeln, nicht nur behandelt werden will - ein Kernsentiment der Fantasy.

Patrick Rothfuss: Der Name des Windes. Aus dem Englischen von Jochen Schwarzer. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart. 864 Seiten, 24,90 Euro.

Am deutschen Wesen soll mal wieder die Welt genesen. In den "Stahlfront"-Romanen von Torn Chaines jedenfalls, denen viele kritische SF-Leser keine Marktchance eingeräumt hatten. Doch dieser Tage erscheint schon der dritte, betitelt "Der zweite Bürgerkrieg". Torn Chaines ist ein plumpes Pseudonym ("Gesprengte Ketten"). Angeblich steckt dahinter ein US-Akademiker, der den politisch korrekten Unis den Rücken gekehrt hat. Der ungelenken Sprache und dumpfen Gedankenwelt nach steckt dahinter eher ein deutscher Neonazi.

Die "Stahlfront"-Reihe beginnt im Jahr 2010, mit außerirdischen Invasoren, gegen die es nur eine Hilfe gibt: die Thule-Truppe, eine arische, mit Hochtechnologie ausgerüstete Kriegerelite, die 1938 als Geheimprojekt der Waffen-SS in einer Hohlwelt unter dem antarktischen Eis ihren Ursprung nahm. Das alles ist genauso dumm und boshaft, wie es klingt, findet aber Abnehmer. Eltern sollten vielleicht mal ein Gespräch suchen, wenn sie bei ihren Kindern einen "Stahlfront"-Roman entdecken.

Torn Chaines: Die Stahlfront-Serie. Unitall Verlag, Salenstein. Jeweils 192 Seiten, 12,90 Euro.
 
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