IG-Metall-Chef Huber
"Sind wir jetzt die letzten Idioten?"
Fragen von Matthias Schiermeyer, veröffentlicht am 29.10.2008
Stuttgart - Die IG Metall strebt eine Lohnsteigerung von mehr als vier Prozent an. Darunter werde er keinem Tarifabschluss zustimmen, betont der Vorsitzende Berthold Huber. Wenn die Krise noch größere Probleme machen sollte, sei er aber immer gesprächsbereit, sagt Huber im Gespräch mit Matthias Schiermeyer.
Herr Huber, müssen Sie die Tarifrunde unter der Rubrik "Pech gehabt" abhaken?
Natürlich wäre es mir lieber, wenn wir noch die gute wirtschaftliche Situation wie vor einem halben Jahr hätten. Aber es ist nicht so. Auf der anderen Seite geht es insgesamt um eine Neuorientierung und eine Korrektur der Werte in unserem Land - dafür ist die Zeit reif. Das bedeutet aber: Wir stehen vor einer heftigen Auseinandersetzung.
Dass die Steuergelder Ihrer Mitglieder als Sicherheit für die Spekulationen größenwahnsinniger Banker herhalten sollen, fänden Sie zum Kotzen, haben Sie neulich gesagt. Liegen die Nerven blank?
Ich finde es zum Kotzen, dass nicht nur die Steuerzahler, sondern auch noch die Beschäftigten über Lohnverzicht für den Casino-Kapitalismus geradestehen sollen. Ich finde es auch geradezu widerlich, dass der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank und alle die, die auf das Gemeinwesen einen feuchten Kehricht gegeben haben, den Staat um Verstaatlichung bitten. Die Töne werden noch härter werden. Nachdem Milliarden verzockt wurden und der Staat für die Geschichten mit 500 Milliarden Euro bürgt und Finanzhilfen fließen, fragen sich unsere Leute zurecht: Sind wir jetzt die letzten Idioten?
Haben Sie keine Angst davor, mit Hilfe eines Streiks einen Pyrrhus-Sieg zu erringen, der Ihnen später Probleme macht?
Wir wollen einen anständigen Abschluss, der den Unternehmen angesichts der momentanen Unsicherheiten Spielräume lässt und die Leistungen der Menschen in den vergangenen Jahren anerkennt.
Eine Vier vor dem Komma wird wegen der Krise kaum noch zu erreichen sein.
Darunter würde ich es sowieso nicht machen.
Die Forderung ist höher als beim letzten Mal. Muss auch der Abschluss höher sein?
Auf jeden Fall ist ein guter Abschluss finanzierbar. Gesamtmetall hat errechnet, dass eine achtprozentige Lohnerhöhung ein Volumen von rund 14,4 Milliarden Euro hat. Allein 2007 haben die Unternehmen in unserer Branche 47,7 Milliarden Euro Gewinn nach Steuern gemacht. 2008 wird nicht bedeutend schlechter, sagen die Arbeitgeber.
Sind die Beschäftigten nicht schon wieder von der Angst um den Arbeitsplatz beherrscht? Wo gibt es noch die kämpferische Stimmung des Sommers?
Es gibt eine große Verbitterung. Dies ist der erste Aufschwung, an dem die breite Masse der Menschen nicht teilgenommen hat. Von den 16 Prozent Entgelterhöhung seit 2003 sind unseren Leuten real lediglich zwei Prozent übrig geblieben, weil die Unternehmen die Erhöhung zum Teil angerechnet und nicht weitergegeben haben.
Kann die Angst um den Arbeitsplatz die Streikbereitschaft trüben?
Wir haben keine Probleme zu mobilisieren. Auch unsere Automobilleute wissen, was sie erarbeitet haben.
Den Arbeitgebern warnen massiv vor Stellenabbau bei hohen Tarifsteigerungen. Beeindruckt das die Beschäftigten nicht?
Arbeitsplätze sichern wir, indem wir Nachfrage anregen. Auch wir sind verpflichtet, mehr zu tun für den Aufbau eines soliden Binnenmarktes. Die deutsche Wirtschaft hat eine Schlagseite in Richtung Export. Eine gute Lohnerhöhung ist ein großes Nachfrageförderungsprogramm. Und ich weigere mich, irgendwelcher Angstmache, so wie es die Arbeitgeber aus billigen tarifpolitischen Erwägungen heraus tun, nachzugeben. Damit wird nichts besser. Man kann eine Krise nicht durch Lohnsenkung bekämpfen. Eine Nachfrageschwäche bekämpft man nicht durch Verzicht. Im Gegenteil: Man muss doch den Leuten Mut machen, ordentliche Löhne und Sicherheit geben, sonst endet das in einer Konsumverweigerung.
Fürchten Sie nicht, in der öffentlichen Meinung isoliert zu sein, wenn Sie die Mitglieder jetzt vor die Tore schicken?
Wir haben es in den letzten Jahren mit permanenter Erpressung zu tun gehabt nach dem Motto: Wenn Ihr nicht nachgebt, gehen wir ins Ausland. Und ist das Geld in Zukunftsprojekte angelegt worden? Nein. Die Konzerne haben genauso Finanzgeschäfte getrieben wie die Banken. Der einträglichste Bereich für die großen Automobilunternehmen war in dieser Zeit der Geschäftsbereich "Financial Services". Und wie soll man es den Menschen begreiflich machen, dass Konzerne wie Daimler oder Siemens noch in diesem Jahr Milliardenbeträge zur Pflege des eigenen Kurses aufgewendet haben. Man hat eigene Aktien aufgekauft, um sie zur Verknappung des Angebotes anschließend zu vernichten. Daimler hat damit bis zu fünf Milliarden Euro durch den Schornstein gejagt, wenn ich mir den Aktienkurs jetzt anschaue - soweit zur Weitsicht von Managern.
Die Lohnerhöhungen müssen aber von Unternehmen bezahlt werden, die von der Krise immer stärker getroffen werden.
Entschuldigung, wir haben ja nicht nur die höchste Forderung seit 16 Jahren, wir haben die höchste Nettoumsatzrendite seit 40 Jahren. Das heißt, das Geld ist da. Unsere Forderung würde die Unternehmen mit maximal 1,2 Prozent belasten. Gerade die kleinen und mittleren Unternehmen sind gut und innovativ. Doch dort sagen mir die Beschäftigten, dass ihnen von den Lohnerhöhungen nicht annähernd so viel übrig geblieben ist wie in den großen Unternehmen, weil bei ihnen übertarifliche Leistungen verstärkt angerechnet wurden. Das erbittert die Leute, die so viele Zusatzschichten schuften.
2009 dürften die Gewinne deutlich sinken. Schon jetzt brechen die Aufträge weg.
Wer weiß denn schon, wie es im nächsten Jahr aussieht? Die Auftragslage und Auftragseingänge sind sehr differenziert zu sehen. Im Maschinenbau haben wir ein geringfügiges Minus - aber auf dem höchsten Niveau aller Zeiten. Bei den Automobilherstellern sieht das anders aus: Sie haben offensichtlich zu wenig getan worden, um dem Trend zu sparsameren Fahrzeugen zu nutzen. Sie haben auf die falschen Modelle gesetzt. Sollen wir uns das auch noch an die Brust heften?
Aber Sie müssen mit den Folgen der Krise umgehen - mit Produktionskürzungen, mit Kurzarbeit und mit Stellenabbau.
Die IG Metall war immer gesprächsbereit, wenn es darum geht, Probleme zu lösen. Dass wir jetzt verhandeln, hat ja mit einem früheren Wunsch nach einer Korrekturmöglichkeit für 2008 zu tun. Wir sind aber nicht bereit, zu reagieren, wenn diejenigen, die an dieser Geldgier partizipiert haben, uns heute sagen: Ihr müsst mit der Lohnforderung runter. Beim Tarifabschluss im Vorjahr waren wir vielleicht zu vorsichtig, wenn ich mir die zweite Entgeltstufe für 2008 anschaue. Das würde ich mir heute vorhalten lassen.
Nach den Automobilherstellern kommen jetzt die Zulieferer in arge Nöte - können Sie darüber hinwegsehen?
Da gibt es einige Hausaufgaben für die Automobilunternehmen und die Zulieferer, die ihr internes Verhältnis zueinander lösen müssen. Dass die Tarifpolitik für alles herhalten muss, wäre zu viel verlangt.
Die Atmosphäre zwischen IG Metall und Gesamtmetall war lange nicht so frostig?
Die ist schon ziemlich unterkühlt. Manches, was von Gesamtmetall kommt, kann ich einfach nicht nachvollziehen.
Sie haben den von Gesamtmetall-Präsident Kannegiesser angeregten Metallgipfel vorige Woche prompt zurückgewiesen - ohne ernsthaft darüber nachzudenken?
Kannegiesser und ich hatten darüber seit dem Sommer schon zwei- oder dreimal gesprochen. Ich habe ihm gesagt, dass ich eine Zentralisierung der Verhandlungen nicht mitmache. Die IG Metall ist eine große Organisation, die ihren Mitgliedern Rechenschaft ablegen muss. Daher wollen wir kein Konklave hinter verschlossenen Türen. Wie soll man sich das vorstellen: Dass der Vorsitzende der IG Metall und ein kleiner Kreis von Bezirksleitern einsam vor die Tür treten und das Ergebnis verkünden? Das wäre doch eine Zumutung für eine Mitgliederorganisation. Nein, dieser Weg über einen Metallgipfel ginge nur zu unseren Lasten.
Die Arbeitgeber werfen Ihnen vor, dass Sie alles der Mitgliedergewinnung unterwerfen und Kampagnenpolitik betreiben.
Das ist doch Quatsch. Die Tarifautonomie lebt von jeweils zwei starken Parteien. Ich würde mir wünschen, dass Gesamtmetall außer der Klage über ihre Mitgliederverluste eine Strategie hätte, wie sie die Unternehmen an sich binden könnte. Die IG Metall wird am Ende des Jahres vermutlich einen Zuwachs von mehr als 100000 neuen Mitgliedern haben. Warum soll ich mir das vorwerfen lassen?
Trauen Sie sich kein gutes Ergebnis zu, wenn Sie allein mit Kannegiesser verhandeln müssen?
Die Beteiligung unserer Mitglieder ist ein Wert an sich. Es geht nicht allein um das Ergebnis, es geht auch um Akzeptanz.
Rechnen Sie mit einem Angebot der Arbeitgeber am Donnerstag im Südwesten?
Ich habe den Eindruck, dass die Arbeitgeber diesen sogenannten Metallgipfel wollten, weil sie sich intern nicht auf ein Angebot einigen konnten. Sie wollten dem Angebot aus dem Weg gehen, für das sie sich schon schämen, bevor es auf dem Tisch liegt.
Glauben Sie, dass die Arbeitgeber die IG Metall jetzt hinhalten wollen, bis es immer weiter runter geht mit der Konjunktur?
So ist das. Die Arbeitgeber drücken sich, weil sie die wirtschaftliche Situation für sich ausnutzen wollen. Da spielen wir nicht mit.
Was würde diese Strategie bedeuten?
Das würde eine Eskalation bedeuten. Weil keine weiteren Verzögerungen stattfinden dürfen, werden wir das relativ schnell zuspitzen. Am 10. November wird der Vorstand der IG Metall die Lage bewerten und Entscheidungen über den weiteren Verlauf treffen.
Vor knapp drei Wochen haben Sie eine längere Vertragslaufzeit ins Gespräch gebracht. Dieses Signal der Kompromissbereitschaft hat intern Kritik ausgelöst.
Die IG Metall ist immer kompromissbereit, aber Ziel muss ein Kompromiss sein, der nicht zu unseren Lasten geht. Wir haben von Beschäftigungssicherung- über Sanierungstarifverträge bis zum Pforzheim-Abkommen alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Wir haben Verhandlungen darüber nie verweigert. Ich lass mir nicht vorwerfen, dass die IG Metall starr ist. Was sollen wir noch machen?
Wird die Notwendigkeit, Unternehmen mit Sonderlösungen nach dem Pforzheimer Abkommen abzusichern, wieder zunehmen?
Das weiß ich nicht. Man wird es erst im Verlauf der nächsten Monate sehen. Angesichts der guten Auftragssituation in vielen Bereichen glaube ich dies aber nicht.
In Ihren Reihen plädieren manche für hohe Einmalzahlungen für die nächsten Monate, um dann in etwa einem halben Jahr neu zu verhandeln, wenn es der Wirtschaft vermeintlich besser geht. Wäre das ein Ausweg aus der Bredouille?
Diese Meinung gibt es vereinzelt auch. Ich denke aber, man muss möglichst hohe Stabilität schaffen, damit die Leute wissen, wie sie die nächsten zwölf plus x Monate dran sind. Unsichere Zeiten fordern Sicherheit.
Herr Huber, müssen Sie die Tarifrunde unter der Rubrik "Pech gehabt" abhaken?
Natürlich wäre es mir lieber, wenn wir noch die gute wirtschaftliche Situation wie vor einem halben Jahr hätten. Aber es ist nicht so. Auf der anderen Seite geht es insgesamt um eine Neuorientierung und eine Korrektur der Werte in unserem Land - dafür ist die Zeit reif. Das bedeutet aber: Wir stehen vor einer heftigen Auseinandersetzung.
Dass die Steuergelder Ihrer Mitglieder als Sicherheit für die Spekulationen größenwahnsinniger Banker herhalten sollen, fänden Sie zum Kotzen, haben Sie neulich gesagt. Liegen die Nerven blank?
Ich finde es zum Kotzen, dass nicht nur die Steuerzahler, sondern auch noch die Beschäftigten über Lohnverzicht für den Casino-Kapitalismus geradestehen sollen. Ich finde es auch geradezu widerlich, dass der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank und alle die, die auf das Gemeinwesen einen feuchten Kehricht gegeben haben, den Staat um Verstaatlichung bitten. Die Töne werden noch härter werden. Nachdem Milliarden verzockt wurden und der Staat für die Geschichten mit 500 Milliarden Euro bürgt und Finanzhilfen fließen, fragen sich unsere Leute zurecht: Sind wir jetzt die letzten Idioten?
Haben Sie keine Angst davor, mit Hilfe eines Streiks einen Pyrrhus-Sieg zu erringen, der Ihnen später Probleme macht?
Wir wollen einen anständigen Abschluss, der den Unternehmen angesichts der momentanen Unsicherheiten Spielräume lässt und die Leistungen der Menschen in den vergangenen Jahren anerkennt.
Eine Vier vor dem Komma wird wegen der Krise kaum noch zu erreichen sein.
Darunter würde ich es sowieso nicht machen.
Die Forderung ist höher als beim letzten Mal. Muss auch der Abschluss höher sein?
Auf jeden Fall ist ein guter Abschluss finanzierbar. Gesamtmetall hat errechnet, dass eine achtprozentige Lohnerhöhung ein Volumen von rund 14,4 Milliarden Euro hat. Allein 2007 haben die Unternehmen in unserer Branche 47,7 Milliarden Euro Gewinn nach Steuern gemacht. 2008 wird nicht bedeutend schlechter, sagen die Arbeitgeber.
Sind die Beschäftigten nicht schon wieder von der Angst um den Arbeitsplatz beherrscht? Wo gibt es noch die kämpferische Stimmung des Sommers?
Es gibt eine große Verbitterung. Dies ist der erste Aufschwung, an dem die breite Masse der Menschen nicht teilgenommen hat. Von den 16 Prozent Entgelterhöhung seit 2003 sind unseren Leuten real lediglich zwei Prozent übrig geblieben, weil die Unternehmen die Erhöhung zum Teil angerechnet und nicht weitergegeben haben.
Kann die Angst um den Arbeitsplatz die Streikbereitschaft trüben?
Wir haben keine Probleme zu mobilisieren. Auch unsere Automobilleute wissen, was sie erarbeitet haben.
Den Arbeitgebern warnen massiv vor Stellenabbau bei hohen Tarifsteigerungen. Beeindruckt das die Beschäftigten nicht?
Arbeitsplätze sichern wir, indem wir Nachfrage anregen. Auch wir sind verpflichtet, mehr zu tun für den Aufbau eines soliden Binnenmarktes. Die deutsche Wirtschaft hat eine Schlagseite in Richtung Export. Eine gute Lohnerhöhung ist ein großes Nachfrageförderungsprogramm. Und ich weigere mich, irgendwelcher Angstmache, so wie es die Arbeitgeber aus billigen tarifpolitischen Erwägungen heraus tun, nachzugeben. Damit wird nichts besser. Man kann eine Krise nicht durch Lohnsenkung bekämpfen. Eine Nachfrageschwäche bekämpft man nicht durch Verzicht. Im Gegenteil: Man muss doch den Leuten Mut machen, ordentliche Löhne und Sicherheit geben, sonst endet das in einer Konsumverweigerung.
Fürchten Sie nicht, in der öffentlichen Meinung isoliert zu sein, wenn Sie die Mitglieder jetzt vor die Tore schicken?
Wir haben es in den letzten Jahren mit permanenter Erpressung zu tun gehabt nach dem Motto: Wenn Ihr nicht nachgebt, gehen wir ins Ausland. Und ist das Geld in Zukunftsprojekte angelegt worden? Nein. Die Konzerne haben genauso Finanzgeschäfte getrieben wie die Banken. Der einträglichste Bereich für die großen Automobilunternehmen war in dieser Zeit der Geschäftsbereich "Financial Services". Und wie soll man es den Menschen begreiflich machen, dass Konzerne wie Daimler oder Siemens noch in diesem Jahr Milliardenbeträge zur Pflege des eigenen Kurses aufgewendet haben. Man hat eigene Aktien aufgekauft, um sie zur Verknappung des Angebotes anschließend zu vernichten. Daimler hat damit bis zu fünf Milliarden Euro durch den Schornstein gejagt, wenn ich mir den Aktienkurs jetzt anschaue - soweit zur Weitsicht von Managern.
Die Lohnerhöhungen müssen aber von Unternehmen bezahlt werden, die von der Krise immer stärker getroffen werden.
Entschuldigung, wir haben ja nicht nur die höchste Forderung seit 16 Jahren, wir haben die höchste Nettoumsatzrendite seit 40 Jahren. Das heißt, das Geld ist da. Unsere Forderung würde die Unternehmen mit maximal 1,2 Prozent belasten. Gerade die kleinen und mittleren Unternehmen sind gut und innovativ. Doch dort sagen mir die Beschäftigten, dass ihnen von den Lohnerhöhungen nicht annähernd so viel übrig geblieben ist wie in den großen Unternehmen, weil bei ihnen übertarifliche Leistungen verstärkt angerechnet wurden. Das erbittert die Leute, die so viele Zusatzschichten schuften.
2009 dürften die Gewinne deutlich sinken. Schon jetzt brechen die Aufträge weg.
Wer weiß denn schon, wie es im nächsten Jahr aussieht? Die Auftragslage und Auftragseingänge sind sehr differenziert zu sehen. Im Maschinenbau haben wir ein geringfügiges Minus - aber auf dem höchsten Niveau aller Zeiten. Bei den Automobilherstellern sieht das anders aus: Sie haben offensichtlich zu wenig getan worden, um dem Trend zu sparsameren Fahrzeugen zu nutzen. Sie haben auf die falschen Modelle gesetzt. Sollen wir uns das auch noch an die Brust heften?
Aber Sie müssen mit den Folgen der Krise umgehen - mit Produktionskürzungen, mit Kurzarbeit und mit Stellenabbau.
Die IG Metall war immer gesprächsbereit, wenn es darum geht, Probleme zu lösen. Dass wir jetzt verhandeln, hat ja mit einem früheren Wunsch nach einer Korrekturmöglichkeit für 2008 zu tun. Wir sind aber nicht bereit, zu reagieren, wenn diejenigen, die an dieser Geldgier partizipiert haben, uns heute sagen: Ihr müsst mit der Lohnforderung runter. Beim Tarifabschluss im Vorjahr waren wir vielleicht zu vorsichtig, wenn ich mir die zweite Entgeltstufe für 2008 anschaue. Das würde ich mir heute vorhalten lassen.
Nach den Automobilherstellern kommen jetzt die Zulieferer in arge Nöte - können Sie darüber hinwegsehen?
Da gibt es einige Hausaufgaben für die Automobilunternehmen und die Zulieferer, die ihr internes Verhältnis zueinander lösen müssen. Dass die Tarifpolitik für alles herhalten muss, wäre zu viel verlangt.
Die Atmosphäre zwischen IG Metall und Gesamtmetall war lange nicht so frostig?
Die ist schon ziemlich unterkühlt. Manches, was von Gesamtmetall kommt, kann ich einfach nicht nachvollziehen.
Sie haben den von Gesamtmetall-Präsident Kannegiesser angeregten Metallgipfel vorige Woche prompt zurückgewiesen - ohne ernsthaft darüber nachzudenken?
Kannegiesser und ich hatten darüber seit dem Sommer schon zwei- oder dreimal gesprochen. Ich habe ihm gesagt, dass ich eine Zentralisierung der Verhandlungen nicht mitmache. Die IG Metall ist eine große Organisation, die ihren Mitgliedern Rechenschaft ablegen muss. Daher wollen wir kein Konklave hinter verschlossenen Türen. Wie soll man sich das vorstellen: Dass der Vorsitzende der IG Metall und ein kleiner Kreis von Bezirksleitern einsam vor die Tür treten und das Ergebnis verkünden? Das wäre doch eine Zumutung für eine Mitgliederorganisation. Nein, dieser Weg über einen Metallgipfel ginge nur zu unseren Lasten.
Die Arbeitgeber werfen Ihnen vor, dass Sie alles der Mitgliedergewinnung unterwerfen und Kampagnenpolitik betreiben.
Das ist doch Quatsch. Die Tarifautonomie lebt von jeweils zwei starken Parteien. Ich würde mir wünschen, dass Gesamtmetall außer der Klage über ihre Mitgliederverluste eine Strategie hätte, wie sie die Unternehmen an sich binden könnte. Die IG Metall wird am Ende des Jahres vermutlich einen Zuwachs von mehr als 100000 neuen Mitgliedern haben. Warum soll ich mir das vorwerfen lassen?
Trauen Sie sich kein gutes Ergebnis zu, wenn Sie allein mit Kannegiesser verhandeln müssen?
Die Beteiligung unserer Mitglieder ist ein Wert an sich. Es geht nicht allein um das Ergebnis, es geht auch um Akzeptanz.
Rechnen Sie mit einem Angebot der Arbeitgeber am Donnerstag im Südwesten?
Ich habe den Eindruck, dass die Arbeitgeber diesen sogenannten Metallgipfel wollten, weil sie sich intern nicht auf ein Angebot einigen konnten. Sie wollten dem Angebot aus dem Weg gehen, für das sie sich schon schämen, bevor es auf dem Tisch liegt.
Glauben Sie, dass die Arbeitgeber die IG Metall jetzt hinhalten wollen, bis es immer weiter runter geht mit der Konjunktur?
So ist das. Die Arbeitgeber drücken sich, weil sie die wirtschaftliche Situation für sich ausnutzen wollen. Da spielen wir nicht mit.
Was würde diese Strategie bedeuten?
Das würde eine Eskalation bedeuten. Weil keine weiteren Verzögerungen stattfinden dürfen, werden wir das relativ schnell zuspitzen. Am 10. November wird der Vorstand der IG Metall die Lage bewerten und Entscheidungen über den weiteren Verlauf treffen.
Vor knapp drei Wochen haben Sie eine längere Vertragslaufzeit ins Gespräch gebracht. Dieses Signal der Kompromissbereitschaft hat intern Kritik ausgelöst.
Die IG Metall ist immer kompromissbereit, aber Ziel muss ein Kompromiss sein, der nicht zu unseren Lasten geht. Wir haben von Beschäftigungssicherung- über Sanierungstarifverträge bis zum Pforzheim-Abkommen alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Wir haben Verhandlungen darüber nie verweigert. Ich lass mir nicht vorwerfen, dass die IG Metall starr ist. Was sollen wir noch machen?
Wird die Notwendigkeit, Unternehmen mit Sonderlösungen nach dem Pforzheimer Abkommen abzusichern, wieder zunehmen?
Das weiß ich nicht. Man wird es erst im Verlauf der nächsten Monate sehen. Angesichts der guten Auftragssituation in vielen Bereichen glaube ich dies aber nicht.
In Ihren Reihen plädieren manche für hohe Einmalzahlungen für die nächsten Monate, um dann in etwa einem halben Jahr neu zu verhandeln, wenn es der Wirtschaft vermeintlich besser geht. Wäre das ein Ausweg aus der Bredouille?
Diese Meinung gibt es vereinzelt auch. Ich denke aber, man muss möglichst hohe Stabilität schaffen, damit die Leute wissen, wie sie die nächsten zwölf plus x Monate dran sind. Unsichere Zeiten fordern Sicherheit.
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