Croupiers auf der Anklagebank

Nichts geht mehr beim Roulette im Gerichtssaal

Susanne Janssen, veröffentlicht am 13.11.2008
Foto: Steinert

Stuttgart - Der Prozess gegen vier Croupiers und drei Spieler, die gemeinsam die Stuttgarter Spielbank betrogen haben sollen, wird für das Gericht kein schneller Coup. Auch ein Spieltisch im Gerichtssaal hat am Donnerstag bei der Wahrheitsfindung nicht weitergeholfen.


  Von Susanne Janssen

 
Ihr früheres Arbeitsgerät stand mitten im Raum. Ein prächtiger, glänzender Kessel, die Zahlenfelder zum Setzen, die Jetons, um sein Geld zu mehren - oder alles zu verlieren. Um alles oder nichts geht es für die Angeklagten nicht mehr: Die vier Croupiers, die gemeinsam mit drei Spielern vor drei Jahren die Stuttgarter Spielbank um rund 171.000 Euro betrogen haben sollen, sind längst entlassen worden, zum Teil zahlten sie nach Arbeitsgerichtsprozessen ihre Entschädigungen an die Spielbank zurück. Doch nun, vor dem Schöffengericht, fühlen sie sich nicht schuldig - und warten darauf, dass der Staatsanwalt den Betrug nachweist.

Funktioniert der Trick?

Um diesen Beweis zu erbringen, scheute die Justiz keine Mittel, und ließ am Donnerstag einen originalen amerikanischen Roulettetisch im Saal 4 des Amtsgerichts aufbauen. Ein Gutachter und Sachverständiger für Spielbanken aus Lindau sollte den Trick demonstrieren und anhand der Videoaufzeichnungen der Stuttgarter Spielbank belegen.

Der Staatsanwalt geht davon aus, dass die Croupiers mit den Spielern eine Absprache trafen: Nachdem die Kugel schon gefallen war, soll der Croupier noch für seinen Komplizen auf die richtige Zahl gesetzt haben. Die Angeklagten hätten nie übertrieben, mehr als zwei oder drei Gewinne an einem Abend strichen sie nicht ein. Die Spielbank stellte die Aufzeichnungen ihrer Überwachungskameras zur Verfügung, doch glücklich wurde das Gericht mit den Bändern nicht.

Denn die Kameras zeigen nicht, wie die Kugel fällt, sondern nur die Raumperspektive und den Spieltisch von oben, mit den flinken Händen des Croupiers. Der Gutachter hatte sich alle Mühe gegeben, die 71 Fälle alle untersucht und besonders auffällige Sequenzen sekundengenau niedergeschrieben. Auch er war der Meinung, dass die sieben Angeklagten ein falsches Spiel spielten: "Die Kugel war schon gefallen, als der Croupiers noch die Jetons auf die Nummer Zehn setzte", erklärte der Gutachter. Und das war natürlich die Siegerzahl, die der Croupier durch einen Seitenblick erspäht hatte - doch die Kugel selbst war nicht im Bild der Kamera.

Was auf dem Beamer im Gerichtssaal allerdings nach vielen vergeblichen Versuchen präsentiert wurde, überzeugte nicht. Die Zeitleiste war nicht zu entziffern, die Bildqualität schlecht, die Kugel aus dem Blick - der Beweiswert gleich Null. Noch dazu waren die meisten Verteidiger, der Staatsanwalt und der Vorsitzende Richter im Roulette absolute Laien: Was heißt es, wenn eine Annonce liegen bleibt? Und was wäre, wenn der Besitzer der Jetons dem Croupiers wirklich noch "auf die Zehn" zugerufen hätte? Denn die Bilder sind stumm, der Ton wird im Spielcasino nicht mitgeschnitten. Die berühmten Worte "nichts geht mehr", die bedeuten, dass nicht mehr gesetzt werden darf, sind eben nicht zu hören. Die Folge: "Alles Spekulation", so die Verteidiger.

Die Sache hat ein Geschmäckle

Noch dazu bezweifeln die Rechtsanwälte, dass die beiden Kameras die Zeit exakt gleich wiedergeben. Würden die beiden Geräte nur um wenige Sekunden voneinander abweichen, wäre die Kugel vor dem Setzen noch nicht gefallen - und dann könne von Betrug überhaupt keine Rede sein.

Dem Richter wird es zu bunt. Nach einer Unterbrechung verkündet er seine vorläufige Meinung: "Die Sache hat ein Gschmäckle." Doch die Beweislage sei schwierig - wie solle der Betrug zweifelsfrei festgestellt werden, wenn es keinen Ton gibt? Auch wenn es zu einem Schuldspruch kommen würde, sei das Urteil angreifbar, dann werde in zweiter Instanz verhandelt, "bis ins Unendliche". Bis kommenden Donnerstag soll der Staatsanwalt darüber nachdenken, ob er gegen Auflagen das Verfahren einstelle. Schließlich seien die vier Croupiers durch den Verlust ihrer Arbeitsplätze schon bestraft worden.

Zuvor hatte der Saalleiter der Spielbank noch erklärt, er sei von dem Trickbetrug überzeugt: "Die Herren haben immer gewonnen." Das habe er bei der Durchsicht von 300 Stunden Videoaufzeichnung festgestellt. Niemals hätten die drei angeklagten Spieler auf die falsche Zahl gesetzt, das sei merkwürdig. Die Spielbank hat bei den Sicherheitsvorkehrungen nach diesem Vorfall nachgerüstet: Eine dritte Kamera überwacht den Kessel, und die Croupiers müssen das "Nichts geht mehr" mit einer Handbewegung anzeigen.
 
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