Die jungen Kicker und ihr Trainer Stephan Liebscher (links).
Foto: Behrmann
Buenos Aires / Waiblingen - Er hat die Rems gegen den Rio de la Plata eingetauscht. Stephan Liebscher aus Waiblingen macht ein freiwilliges soziales Jahr in Argentinien und kümmert sich um die Slumkinder von Buenos Aires.
Die Buben aus dem Armenviertel La Cava heben beim Einsteigen demonstrativ ihre Flaschen in die Höhe. Der 21-jährige Deutsche steht an der Schulbustür und kontrolliert seine Schützlinge. Wer beim Fußballtraining mitmachen will, muss drei Voraussetzungen erfüllen: "Ausreichend zu trinken dabeihaben, pünktlich sein und Sportkleidung tragen", sagt Stephan Liebscher. Dass die Regeln nicht immer eingehalten werden, hat er schnell erkannt. Wenn ein Junge in Jeans erscheint, weil die Sporthose kaputt ist, drückt Liebscher ein Auge zu. "Vielen Eltern fehlt das Geld, um neue Kleider für ihre Kinder kaufen zu können", sagt Liebscher.
Kontrast zwischen Arm und Reich
Anstelle seines Zivildienstes absolviert der Waiblinger seit August 2008 ein freiwilliges soziales Jahr vor den Toren der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Der Kontrast zwischen Arm und Reich, der das Anfang des 20. Jahrhunderts noch zu den zehn wohlhabendsten Ländern der Welt zählende südamerikanische Land prägt, ist hier allgegenwärtig. Statt an gepflegten Einfamilienhäusern führt Liebschers täglicher Weg zur Arbeit an notdürftig zusammengezimmerten Wellblechhütten vorbei. Eine Kanalisation gibt es nicht. Die Abwasserbrühe fließt in Rinnsalen über den staubigen Boden.
Die 15.000 Bewohner von La Cava, einem der größten Slums in Argentinien, leben in unmittelbarer Nähe der Villen des Nobelvororts San Isidro. An den Zugangsstraßen stehen mit Gewehren und kugelsicheren Westen ausgestattete Polizisten und Soldaten. Im April versuchten die Bewohner von San Isidro, sich zusätzlich mit dem Bau einer Mauer vor Übergriffen ihrer notleidenden Nachbarn zu schützen. Das Projekt wurde mittlerweile von der Politik gestoppt.
Die Kinder, die Liebscher im Projekt "Desarollo a través del Deporte" - Entwicklung durch Sport - betreut, stammen aus sozial schwachen Familien, für deren Schicksal sich die Politik nach den bisherigen Eindrücken des jungen Deutschen meist nur vor anstehenden Wahlen interessiert. So wie jetzt vor der Parlamentswahl am 28. Juni. "Mit kleinen Geschenken in Form von Nahrungsmitteln gehen die Kandidaten in den Elendsvierteln auf Stimmenfang. Sonst lassen sie sich hier aber kaum blicken", sagt Liebscher. Der Makel der Herkunft wiege schwer, ein Ausweg aus La Cava sei kaum möglich: "Wer bei der Arbeitssuche seine Adresse angibt, bekommt meist gleich eine Absage."
Der Sport soll Werte vermitteln
Umso wichtiger sind soziale Projekte vor Ort. Liebscher will die Jugendlichen von der Straße holen und ihnen durch Sport Werte wie Disziplin, Mannschaftsgeist und Fairness vermitteln. In wöchentlichen Gesprächskreisen werden darüber hinaus Themen wie Aufklärung oder sexueller Missbrauch behandelt. Außer Fußball umfasst das Angebot für die 350 Jungen und Mädchen zwischen 9 und 18 Jahren Feldhockey und Handball. Nicht nur für sich selbst sollen die Jugendlichen lernen, Verantwortung zu übernehmen. Die Älteren können Betreuer oder Trainer werden, in Schulungen bekommen sie das nötige Rüstzeug vermittelt. Liebscher hilft auch bei der Ausarbeitung von Trainingsplänen.
Als der Bus um 19 Uhr nach zehnminütiger Fahrt auf den Parkplatz des Gemeindesportplatzes einbiegt, bricht bereits die Dämmerung herein. Das Flutlicht liefert auf einer Hälfte des Übungsgeländes eine schwache Beleuchtung. Während die Jugendlichen zum Aufwärmen ein paar Runden drehen, stellt Liebscher einige Hütchen und Stangen auf dem holprigen Rasen auf. Den Ball werden seine Kicker an diesem Abend nicht zu sehen bekommen. Auf dem Programm stehen ausschließlich Sprints. Beim letzten Spiel seiner Elf hat der Trainer mangelnde Schnelligkeit als größtes Manko ausgemacht.
Der Ehrgeiz der Kinder ist enorm. Für sie ist Fußball nicht nur eine Freizeitbeschäftigung, sondern der Traum von einer besseren Zukunft. Ihre Idole heißen Carlos Tévez und Lionel Messi. Trikots der millionenschweren Fußballstars, deren Talent sie aus dem Elend ihrer Kindheit ins Rampenlicht der internationalen Bühne führte, stehen hoch im Kurs. Doch der Weg nach Manchester oder Barcelona ist weit und erfordert harte Arbeit.
Beide Seiten lernen voneinander
Das bekommen Liebschers Schützlinge an diesem Abend zu spüren. Bei zwei seiner Spieler stößt die Konditionseinheit auf geringe Begeisterung. Als Strafe für die lasche Ausführung verhängt Liebscher fünf Liegestütze. Murrend leisten die beiden Folge. Der junge Waiblinger hat sich früh Respekt verschafft. Gleich in einem seiner ersten Spiele als Trainer griff er durch. Weil zwei seiner besten Kicker nicht die von den Eltern unterschriebene Spielerlaubnis dabeihatten, ließ er sie kurzerhand auf der Ersatzbank schmoren. Ein paar von der Mannschaft waren darüber so erbost, dass sie Liebscher ihre Trikots vor die Füße schleuderten. Doch er blieb eisern. Schließlich kehrten die Rebellen auf den Platz zurück. "Und mit ziemlicher Wut im Bauch drehten sie dann so richtig auf", sagt er schmunzelnd.
Am meisten freut Liebscher, der für den FSV Waiblingen verteidigte und als Schiedsrichter in der Bezirksliga pfiff, dass ihn die Kinder mittlerweile beim Vornamen nennen. Am Anfang hieß er nur "rubio" - der Blonde, oder "alemán" - der Deutsche. "Jetzt habe ich ein Gesicht bekommen", sagt er stolz. Auch sein Spanisch wird immer besser. Zwar hatte Liebscher fünf Jahre Spanisch am Waiblinger Salier-Gymnasium, doch nach seiner Ankunft in der 11,5-Millionen-Einwohner-Metropole am Rio de la Plata verstand er anfangs trotzdem kaum ein Wort. Die Sprache war nicht das einzige Startproblem, mit dem der junge Mann zu kämpfen hatte.
Mit der Pünktlichkeit nehmen es die Argentinier nicht so genau. Bei Verabredungen regiert häufig eine gewisse Unverbindlichkeit. "Es wird viel gesagt und wenig gemacht", sagt Liebscher. Inzwischen kann er ganz gut damit umgehen. Beeindruckt hat ihn die Lebensfreude, die sich die Menschen trotz der ärmlichen Verhältnisse bewahrt haben. "Ich bin hier gelassener geworden und weiß die Dinge in Deutschland mehr zu schätzen." 12.000 Kilometer von der Heimat entfernt hat er nicht nur eine fremde Kultur besser kennengelernt, sondern auch sich selbst. "Ich lerne hier viel mehr, als ich zurückgeben kann", sagt er.
Reise mit Spenden finanziert
Auf seinen ausgedehnten Reisen hat er sich einen Eindruck von der großen landschaftlichen und kulturellen Vielfalt Argentiniens verschafft. "Man fährt zwanzig Stunden im Bus und ist immer noch im selben Land." Den Südamerikafan fasziniert auch das Nebeneinander der europäischstämmigen und der indigenen Bevölkerung. Im Norden Argentiniens, nahe Salta, verbrachte er zwei Wochen bei der Familie eines Freundes, der zum Stamm der Wichi gehört.
Finanziert hat sich Liebscher sein Abenteuer Argentinien durch Spendenaktionen. In seinem Heimatverein FSV Waiblingen organisierte er etwa ein Benefizturnier, um die Reisekasse zu füllen. Bei seinem Abiball rührte er mit einer Rede und einem Diavortrag die Werbetrommel in eigener Sache. Knapp 5000 Euro sammelte er auf diese Weise. Davon gingen 4200 Euro an die Heppenheimer Dachorganisation Weltweite Initiative für Soziales Engagement, die ihn nach Argentinien entsandt hat. In der Pauschale sind Flug, Miete und Verpflegung enthalten. "Was ich darüber hinaus in meiner Freizeit und für Reisen ausgebe, muss ich aus eigener Tasche bezahlen", sagt Liebscher.
Was er nach seinem einjährigen Auslandsdienst macht, weiß er noch nicht. "Vielleicht studieren. Was mit Sprachen und Kultur", sagt er. Aber darüber will er jetzt noch gar nicht nachdenken. Das hat noch Zeit. Stephan Liebscher packt die Trainingsutensilien zusammen und steigt zurück in den Bus. Seine Mannschaft braucht ihn.
Kai Behrmann