Geheimnis gelöst
Foto der Synagoge in Flammen
Michael Petersen, veröffentlicht am 09.11.2009
Tübingen - Von einem "eindrucksvollen Zeugnis eines Verbrechens", spricht die Tübinger Kulturamtsleiterin Daniela Rathe. Gemeint ist das Foto der brennenden Tübinger Synagoge, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Flammen aufging. Wie so viele andere war dieses Gotteshaus von NSDAP-Mitgliedern in Brand gesteckt worden. Das Foto ist seit langem bekannt, die Abzüge lagern im Staatsarchiv Sigmaringen.
In Funk und Fernsehen widmete sich von Frankenberg verkehrspolitischen Themen. Gerade jungen Leuten versuchte der als Draufgänger bekannte Autofahrer die Bedeutung der Sicherheit im Straßenverkehr nahezubringen.
Eine ganz andere Seite dieses Mannes beschäftigte sich mit der Aufarbeitung der Nazijahre. So schrieb von Frankenberg unter dem Pseudonym Herbert A. Quint gemeinsam mit dem rechtskonservativen Schriftsteller Walter Görlitz die erste deutsche Hitler-Biografie. Auch philosophische Themen griff er als Autor auf. Richard von Frankenberg starb am 13. November 1973 bei einem Verkehrsunfall auf der Autobahn bei Stuttgart. Ein Ford Transit hatte seinen Porsche abgedrängt.
Aus Richard von Frankenbergs erster Ehe stammt Donald von Frankenberg, geboren 1951 in Stuttgart. Der Künstler ist in den letzten Jahren mehrfach auf eine Biografie seines Vaters angesprochen worden. Die lag bis dahin nicht vor. In der Folge hat Donald von Frankenberg, der inzwischen in Kiel wohnt, das Projekt selbst in die Hand genommen. Das Buch "Richard von Frankenberg - mit Vollgas durchs Leben" ist soeben erschienen.
Die Familie seines Vaters hatte nach 1933 in Tübingen gelebt. Donald von Frankenberg war davon wenig bekannt. "Als mein Vater starb, war ich 22", berichtete er jetzt in Tübingen bei einer Veranstaltungsreihe "71 Jahre Progromnacht". Damals habe er nur wenige Fragen gestellt. "Und die Eltern erzählen ihren Kindern sowieso nichts aus ihrem Leben", lautet Donald von Frankenbergs Erfahrung.
Er wandte sich 2007 an Tübingens Stadtarchivar Udo Rauch mit der Frage, wo denn seine Eltern in Tübingen gelebt hätten. Das ließ sich schnell herausfinden, in der Gartenstraße 34, schräg gegenüber der Synagoge. Der Vater war der Schriftsteller Alex-Victor von Frankenberg und Ludwigsdorf, die Mutter Irene-Konstanze von Brauchitsch. Aus ihrer Familie stammt der Generalfeldmarschall der NS-Zeit, Walther von Brauchitsch und auch der Rennfahrer Manfred von Brauchitsch. Dessen furchtloser Einsatz im Mercedes-Silberpfeil beim Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring bewunderte der junge Richard von Frankenberg vor Ort.
Der Großvater von Alex-Victor von Frankenberg mütterlicherseits war Jude. Das war der Polizei bekannt, wie der Tübinger Historiker Hans-Joachim Lang herausgefunden hat. Und Richard von Frankenberg hat die jüdische Abstammung wohl schon 1933 zu spüren bekommen, als er offenbar das Freibad nicht besuchen durfte. Die aktuelle Anfrage machte in Tübingen die Runde. So führte die Spur zum Nachlass von Lilli Zapf. Die hatte sich in den sechziger Jahren intensiv mit dem Schicksal der Tübinger Juden beschäftigt. Nach ihr werden jedes Jahr Jugendgruppen für Bürgermut und Solidarität ausgezeichnet.
In Lilli Zapfs Unterlagen fand sich ein Brief von Richard von Frankenbergs Mutter, die in der Nacht des 9. November 1938 ihren Sohn beobachtet hatte: "Mein Sohn mischte sich unter die Menge und fing an Aufnahmen zu machen, da kam ein Mann, halb in Uniform und sagte, was machst du denn da, worauf er einfach sagte, ich fotografiere". Fotografieren war streng verboten. Der Mann spulte den Film zurück, belichtete ihn aber nicht. So blieben Richard von Frankenbergs Aufnahmen von der um vier Uhr früh brennenen Synagoge erhalten. Stadtarchivar Rauch stellt heute fest: "Das Foto also stammt von einem 16-Jährigen mit jüdischem Hintergrund, der offensichtlich das Bewusstsein gehabt hat, dass hier Unrecht geschieht".
Donald von Frankenberg, der seinem Vater durchaus ähnlich sieht, hat erst Philosophie und Geschichte studiert und später Medizin. Er arbeitete als Arzt und seit 1996 als freischaffender bildender Künstler.
Richard von Frankenberg: Mit Vollgas durchs Leben. Autor: Donald von Frankenberg, Verlag Delius Klasing. 215 Seiten, 32 Euro.
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"Das Foto stammt von einem 16-Jährigen mit jüdischem Hintergrund, der das Bewusstsein gehabt hat, dass Unrecht geschieht."
Tübingens Stadtarchivar Udo Rauch
Mit Vollgas durchs Leben
Eine ganz andere Seite dieses Mannes beschäftigte sich mit der Aufarbeitung der Nazijahre. So schrieb von Frankenberg unter dem Pseudonym Herbert A. Quint gemeinsam mit dem rechtskonservativen Schriftsteller Walter Görlitz die erste deutsche Hitler-Biografie. Auch philosophische Themen griff er als Autor auf. Richard von Frankenberg starb am 13. November 1973 bei einem Verkehrsunfall auf der Autobahn bei Stuttgart. Ein Ford Transit hatte seinen Porsche abgedrängt.
Aus Richard von Frankenbergs erster Ehe stammt Donald von Frankenberg, geboren 1951 in Stuttgart. Der Künstler ist in den letzten Jahren mehrfach auf eine Biografie seines Vaters angesprochen worden. Die lag bis dahin nicht vor. In der Folge hat Donald von Frankenberg, der inzwischen in Kiel wohnt, das Projekt selbst in die Hand genommen. Das Buch "Richard von Frankenberg - mit Vollgas durchs Leben" ist soeben erschienen.
Die Familie seines Vaters hatte nach 1933 in Tübingen gelebt. Donald von Frankenberg war davon wenig bekannt. "Als mein Vater starb, war ich 22", berichtete er jetzt in Tübingen bei einer Veranstaltungsreihe "71 Jahre Progromnacht". Damals habe er nur wenige Fragen gestellt. "Und die Eltern erzählen ihren Kindern sowieso nichts aus ihrem Leben", lautet Donald von Frankenbergs Erfahrung.
Jüdische Wurzeln
Er wandte sich 2007 an Tübingens Stadtarchivar Udo Rauch mit der Frage, wo denn seine Eltern in Tübingen gelebt hätten. Das ließ sich schnell herausfinden, in der Gartenstraße 34, schräg gegenüber der Synagoge. Der Vater war der Schriftsteller Alex-Victor von Frankenberg und Ludwigsdorf, die Mutter Irene-Konstanze von Brauchitsch. Aus ihrer Familie stammt der Generalfeldmarschall der NS-Zeit, Walther von Brauchitsch und auch der Rennfahrer Manfred von Brauchitsch. Dessen furchtloser Einsatz im Mercedes-Silberpfeil beim Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring bewunderte der junge Richard von Frankenberg vor Ort.
Der Großvater von Alex-Victor von Frankenberg mütterlicherseits war Jude. Das war der Polizei bekannt, wie der Tübinger Historiker Hans-Joachim Lang herausgefunden hat. Und Richard von Frankenberg hat die jüdische Abstammung wohl schon 1933 zu spüren bekommen, als er offenbar das Freibad nicht besuchen durfte. Die aktuelle Anfrage machte in Tübingen die Runde. So führte die Spur zum Nachlass von Lilli Zapf. Die hatte sich in den sechziger Jahren intensiv mit dem Schicksal der Tübinger Juden beschäftigt. Nach ihr werden jedes Jahr Jugendgruppen für Bürgermut und Solidarität ausgezeichnet.
Fotografieren war verboten
In Lilli Zapfs Unterlagen fand sich ein Brief von Richard von Frankenbergs Mutter, die in der Nacht des 9. November 1938 ihren Sohn beobachtet hatte: "Mein Sohn mischte sich unter die Menge und fing an Aufnahmen zu machen, da kam ein Mann, halb in Uniform und sagte, was machst du denn da, worauf er einfach sagte, ich fotografiere". Fotografieren war streng verboten. Der Mann spulte den Film zurück, belichtete ihn aber nicht. So blieben Richard von Frankenbergs Aufnahmen von der um vier Uhr früh brennenen Synagoge erhalten. Stadtarchivar Rauch stellt heute fest: "Das Foto also stammt von einem 16-Jährigen mit jüdischem Hintergrund, der offensichtlich das Bewusstsein gehabt hat, dass hier Unrecht geschieht".
Donald von Frankenberg, der seinem Vater durchaus ähnlich sieht, hat erst Philosophie und Geschichte studiert und später Medizin. Er arbeitete als Arzt und seit 1996 als freischaffender bildender Künstler.
Richard von Frankenberg: Mit Vollgas durchs Leben. Autor: Donald von Frankenberg, Verlag Delius Klasing. 215 Seiten, 32 Euro.
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