Vielfalt
Maßlose Möglichkeiten
Peter Glaser, veröffentlicht am 15.01.2010
Berlin - Ramen heißen die in Japan äußerst beliebten Nudelsuppen aus einer speziellen Art von Nudeln. 2003 begann der heute 61-jährige Yoshihira Uchida, der den Suppenshop "Momozono Robot Ramen" in der Präfektur Yamanashi betreibt, mit dem Bau eines Ramen-Automaten. An die 20 Millionen Yen, umgerechnet etwa 150.000 Euro, hat Uchida in die Konstruktion investiert. Einen Topf Nudelsuppe zu kochen, dauert damit zwei Minuten. Der Ramen-Roboter ersetzt Menschen noch nicht vollständig. Sie werden weiterhin benötigt, um die Nudeln herzustellen, die Mahlzeiten zu garnieren - und um sie zu essen. Am Bildschirm können sich die Gäste eine Suppe nach ihrer Wahl zusammenstellen und selbst bestimmen, wie viel Sojasauce oder Salz darin vorkommen sollen, damit sie perfekt schmeckt. Uchida sagt, dass mehr als 40 Millionen Geschmackskombinationen möglich seien.
Das verweist auf ein zentrales Problem der Informationsgesellschaft. Ständig nehmen die Optionen zu. Bibliotheken und Archive werfen uns Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig in den Schoß. Oft aber scheint es, als werde die Fülle an Kulturschöpfungen und Gütern eher nach Gewicht wahrgenommen als wissbar und genießbar gemacht. Große Zahlen interessieren manchmal mehr als große Ideen. Zehn Millionen Bücher hat Google bisher einscannen lassen. 40 Millionen Variationen des Suppengeschmacks bietet Herrn Uchidas Roboter. Und weit und breit keine Entscheidungshilfe. Wir stehen im kalten Wind der Selbstverantwortung.
Es geht nicht um die Menge an Möglichkeiten, sondern um die Kunst, sie zu beschränken. Sie zu destillieren zu dem, was man sich so unter Qualität vorstellt. Was uns heute in einem Bogen von Suchmaschinen bis Suppenrobotern bestürmt, haben vor einem Vierteljahrhundert als Erstes die Musiker scharf ins Auge gefasst. Beispielhaft die Musik der Gruppe Kraftwerk, die klar ist, mit Melodien wie von Kinderliedern. Dass sie sich für diese einfachen Melodien entschieden haben, brachte damals das Ende einer Ära auf den Punkt.
In den siebziger Jahren waren die Synthesizer aufgekommen, elektronische Ausdrucksmittel vor den ersten PCs. Bands wie Emerson, Lake & Palmer und Yes umgaben sich auf der Bühne mit sämtlichen Synthis, derer sie habhaft werden konnten und entlockten ihnen Millionen Variationen des Hubschraubergeräuschs. In der gesamten Rockmusik drückte sich eine bombastische Geschwätzigkeit und Unentschlossenheit aus, die Züge dessen hatte, was wir heute Informationsbarock nennen können.
Die Schwierigkeiten sind dieselben wie damals. Jeder neue Ton war interessanter, reizvoller als der vorangegangene. Man war immer nur am Suchen, bis hin zu einer Art von nervösem Klangüberdruss. Nur suchen, ohne etwas finden zu können, ist Religion. Im Umgang mit Maschinen ist das ein Problem. Kraftwerk zeigten, wie man aus dem unüberschaubar vielen das Richtige wählt. Vor allem aber: dass keine Maschine dabei helfen kann, darüber zu entscheiden, welcher Klang der Schönste ist.
Bemerkenswertes aus der digitalen Welt: »
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Die Schwierigkeiten sind dieselben wie damals. Jeder neue Ton war interessanter, reizvoller als der vorangegangene. Man war immer nur am Suchen, bis hin zu einer Art von nervösem Klangüberdruss. Nur suchen, ohne etwas finden zu können, ist Religion. Im Umgang mit Maschinen ist das ein Problem. Kraftwerk zeigten, wie man aus dem unüberschaubar vielen das Richtige wählt. Vor allem aber: dass keine Maschine dabei helfen kann, darüber zu entscheiden, welcher Klang der Schönste ist.
E-Mail an den Autor: p.glaser@stz.zgs.de
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