Die Unglaublichen
Superheld als Normalo
Rupert Koppold, veröffentlicht am 09.12.2004
Filmbeschreibung
In alten US-Fernsehtalkshows zeigen sich die Superhelden schon mal schwer genervt. Es schleicht sich eben auch in ihren Beruf der Alltag ein. Retten, retten, retten. Und kaum ist der eine außer Gefahr, schon ist wieder die andere in Not. Ja, hört das denn nie auf?! Aber wenn jetzt Mr. Incredible zum Einsatz ausrückt - ein mächtig-prächtiges Kinn mit einem kraftstrotzenden Kerl dran! -, dann spürt man hinter der seufzenden Routine doch auch das Ethos des Profis, seinen Job gut zu machen.
Zuerst muss Mr. Incredible aber diesen Jungen mit den sehr roten Haaren loswerden, der sich immer wieder auf- und dringlich als sein Robin, Pardon, als sein Incrediboy anbietet. Und dann muss er noch schnell den fetten Kater einer alten Frau von einem ziemlich großen Baum schütteln, den er zu diesem Zweck kurzerhand ausreißt. Und dann, nachdem auch die eigentliche Rettungstat recht nonchalant erledigt ist, muss er sich noch ein wenig sputen, um rechtzeitig zu seiner Hochzeit mit Helen zu kommen, die es als Elastigirl zu einer eigenen Superheldinnenkarriere gebracht hat.
Und so müsste es in diesem von Brad Bird geschriebenen und inszenierten Film immer weitergehen mit Mr. Incredible, im Superleben und im Superberuf, bei dem er seine besonderen Fähigkeiten anwenden und sich selbst verwirklichen und im Beifall einer dankbaren Gesellschaft baden kann. Aber Halt! Diese Gesellschaft ist den Superhelden jetzt gar nicht mehr dankbar, es platzt plötzlich amerikanische Realität in diese Geschichte, es häufen sich nun die auch juristisch vorgetragenen Klagen.
Der verhinderte Selbstmörder etwa, der sich vom Hochhaus stürzte, will Schadenersatz, weil er sich bei der folgenden Flug- und Auffangaktion eines Superhelden den Hals verrenkt hat. Und so läuft ein staatliches Superheldenversteckprogramm an. Mr. Incredible taucht samt Familie ab in die Anonymität und Normalität von Suburbia: "Liebling, Essen ist fertig!" - Man stelle sich vor: Superman wäre für ewig verbannt in seine Tarnexistenz als dröger Clark Kent! Wobei Kent immerhin als Reporter arbeiten darf, der nun Bob Parr heißende Ex-Mr.-Incredible dagegen nur als kleiner Versicherungsangestellter. Das heißt: klein im physischen Sinn ist dieser Bob nicht. Im Gegenteil: nach 15 Jahren Bürohaltung hat er eine beeindruckende Fettschicht angesetzt, und die Wampe quillt so über den Gürtel, dass man sich auch den Depardieu der dicken Jahre als Bob-Parr-Darsteller hätte denken können.
Aber Bob-Parr- oder andere Darsteller gibt es hier ja gar nicht, es ist dies wieder ein ganz am Computer entstandener Animationsfilm, der letzte übrigens, den die Pixar-Studios ("Toy Story", "Findet Nemo") für Disney gedreht haben. Und der erste, in dem den Figuren nicht nur eine virtuelle Haut über eine virtuelle Gittergerüstpuppe gezogen wurde. Nein, diesmal durften die Bits und Bytes auch ran, um Muskeln zu simulieren. Und auch wenn man das im Detail vielleicht gar nicht so wahrnimmt, führt der Gesamteindruck doch zum Staunen: alles so beweglich und alles so plastisch hier!
Und in dieser Superoptik soll jetzt nur noch von einem sozusagen entsuperten Leben erzählt werden? Aber warum nicht, es macht doch Spaß, dem parrschen Alltag in Metroville zuzusehen, auch weil er sich im nostalgischen Design der sechziger Jahre abspielt. Genauer gesagt: in einer leuchtend klaren und bunten Welt mit Flachdächern, Gummibäumen und Schalensesseln, die so aussieht wie die saubere Zukunft, die sich damals etwa ein Walt Disney in seinen urbanen Visionen vorgestellt und ausgemalt hat.
In dieser überraschenden Abschiedshommage der Pixar-Studios an Disney schrumpft die Superheldengeschichte eine Zeit lang zur netten Sitcom, in der sich Bob müde aus seinem Winzauto herauspresst, eine fröhliche Helen, die sich mit dem Hausfrauendasein gut abgefunden hat, das Essen auf den Tisch stellt, die schüchterne, pubertierende Tochter Violetta und der jüngere, aggressivere Sohn Flash sich in die Haare kriegen, das Baby Jack-Jack kräht und Bob, damit endlich Ruhe ist, dann einfach den Tisch samt dranzappelnder Familie hochhebt.
Nun ja, zu Hause lassen sich die Superkräfte der Familie eben nicht immer unterdrücken. Aber auch in der Schule spielt der rasende Flash dem Lehrer ab und zu Streiche. Und auch im Büro platzt Bob manchmal, der Kragen - trotz geschätzter Größe 67 -, sodass der fiese kleine Chef durch mehrere Wände fliegt. Und hin und wieder muss Bob - Abenteuer ist Therapie! - auch raus und zieht dann heimlich mit seinem schwarzen Freund, dem eismachenden Ex-Mr.-Frozone, um die Häuser und zeigt den Schurken von Metroville, dass die Stadt doch noch nicht ganz superheldenfrei hat.
Und dann bekommt Bob einen Geheimauftrag, er soll auf einer tropischen Insel einen Kampfroboter testen, und von nun an sprengen sich fulminante Actionsequenzen mit James-Bond-Film- und Cobra-übernehmen-Sie-TV-Anspielungen in die Metroville-Sitcom, lassen sich dabei begleiten von einem jazzigen Score, der manchmal an Henri Mancini erinnert, und verdrängen die häusliche Komödie schließlich ganz. Es wird nun, auf diesem mit Monorail, Raketenabschussrampen und unterirdischer Befehlszentrale ausgestatteten Ort eines verrückten Erfinders mit übrigens sehr roten Haaren, auch sehr, sehr technisch. Und spätestens jetzt sind "Die Unglaublichen" auch kein Film mehr für die ganz Kleinen, dafür aber immer mehr für das Kind im Mann.
Wobei es aber auch für Frauen was zu gucken gibt, besonders in der Werkstatt der pagenköpfigen, hornbebrillten und exzentrischen Modedesignerin Edna, die zunächst für Bob ein neues Superheldenkostüm entwirft, allerdings ohne Cape, weil das, sagt sie, nur zu Unfällen führe - und man sieht in Rückblenden makabre Superhelden-Cape-Unfälle! Später entwirft Edna auch für den Rest der Familie Superheldenkostüme. Denn die Sache eskaliert, alle sind jetzt superheldenreif für die Insel, um dort gegen den Superschurken und das verbesserte Modell seines kugeligen Kampfroboters zu kämpfen. Und in diesen aufwendigen, rasanten und exzessiven Kampfszenen, die sich trotz ihrer Brillanz einfach zu sehr in die Länge ziehen, wirken die Helden fast nur noch wie Geschosse, die durch ein Computerspiel gejagt werden.
Aber eben nur fast: denn so ganz kann sich die Technik dann doch nicht verselbstständigen, dafür sind Mr. Incredible und die Seinen zu liebevoll als Charaktere eingeführt worden und nun zu präsent. Und so schimmert am Ende eben doch etwas durch, was man vielleicht nicht als die, aber doch als eine Botschaft des Films begreifen könnte: die Familie soll im Ernstfall zusammenhalten. Hmm. Oder lautet die Botschaft vielleicht: die Familie kann im Ernstfall nur überleben, wenn sie sich als Superfamilie erweist?
Zuerst muss Mr. Incredible aber diesen Jungen mit den sehr roten Haaren loswerden, der sich immer wieder auf- und dringlich als sein Robin, Pardon, als sein Incrediboy anbietet. Und dann muss er noch schnell den fetten Kater einer alten Frau von einem ziemlich großen Baum schütteln, den er zu diesem Zweck kurzerhand ausreißt. Und dann, nachdem auch die eigentliche Rettungstat recht nonchalant erledigt ist, muss er sich noch ein wenig sputen, um rechtzeitig zu seiner Hochzeit mit Helen zu kommen, die es als Elastigirl zu einer eigenen Superheldinnenkarriere gebracht hat.
Und so müsste es in diesem von Brad Bird geschriebenen und inszenierten Film immer weitergehen mit Mr. Incredible, im Superleben und im Superberuf, bei dem er seine besonderen Fähigkeiten anwenden und sich selbst verwirklichen und im Beifall einer dankbaren Gesellschaft baden kann. Aber Halt! Diese Gesellschaft ist den Superhelden jetzt gar nicht mehr dankbar, es platzt plötzlich amerikanische Realität in diese Geschichte, es häufen sich nun die auch juristisch vorgetragenen Klagen.
Der verhinderte Selbstmörder etwa, der sich vom Hochhaus stürzte, will Schadenersatz, weil er sich bei der folgenden Flug- und Auffangaktion eines Superhelden den Hals verrenkt hat. Und so läuft ein staatliches Superheldenversteckprogramm an. Mr. Incredible taucht samt Familie ab in die Anonymität und Normalität von Suburbia: "Liebling, Essen ist fertig!" - Man stelle sich vor: Superman wäre für ewig verbannt in seine Tarnexistenz als dröger Clark Kent! Wobei Kent immerhin als Reporter arbeiten darf, der nun Bob Parr heißende Ex-Mr.-Incredible dagegen nur als kleiner Versicherungsangestellter. Das heißt: klein im physischen Sinn ist dieser Bob nicht. Im Gegenteil: nach 15 Jahren Bürohaltung hat er eine beeindruckende Fettschicht angesetzt, und die Wampe quillt so über den Gürtel, dass man sich auch den Depardieu der dicken Jahre als Bob-Parr-Darsteller hätte denken können.
Aber Bob-Parr- oder andere Darsteller gibt es hier ja gar nicht, es ist dies wieder ein ganz am Computer entstandener Animationsfilm, der letzte übrigens, den die Pixar-Studios ("Toy Story", "Findet Nemo") für Disney gedreht haben. Und der erste, in dem den Figuren nicht nur eine virtuelle Haut über eine virtuelle Gittergerüstpuppe gezogen wurde. Nein, diesmal durften die Bits und Bytes auch ran, um Muskeln zu simulieren. Und auch wenn man das im Detail vielleicht gar nicht so wahrnimmt, führt der Gesamteindruck doch zum Staunen: alles so beweglich und alles so plastisch hier!
Und in dieser Superoptik soll jetzt nur noch von einem sozusagen entsuperten Leben erzählt werden? Aber warum nicht, es macht doch Spaß, dem parrschen Alltag in Metroville zuzusehen, auch weil er sich im nostalgischen Design der sechziger Jahre abspielt. Genauer gesagt: in einer leuchtend klaren und bunten Welt mit Flachdächern, Gummibäumen und Schalensesseln, die so aussieht wie die saubere Zukunft, die sich damals etwa ein Walt Disney in seinen urbanen Visionen vorgestellt und ausgemalt hat.
In dieser überraschenden Abschiedshommage der Pixar-Studios an Disney schrumpft die Superheldengeschichte eine Zeit lang zur netten Sitcom, in der sich Bob müde aus seinem Winzauto herauspresst, eine fröhliche Helen, die sich mit dem Hausfrauendasein gut abgefunden hat, das Essen auf den Tisch stellt, die schüchterne, pubertierende Tochter Violetta und der jüngere, aggressivere Sohn Flash sich in die Haare kriegen, das Baby Jack-Jack kräht und Bob, damit endlich Ruhe ist, dann einfach den Tisch samt dranzappelnder Familie hochhebt.
Nun ja, zu Hause lassen sich die Superkräfte der Familie eben nicht immer unterdrücken. Aber auch in der Schule spielt der rasende Flash dem Lehrer ab und zu Streiche. Und auch im Büro platzt Bob manchmal, der Kragen - trotz geschätzter Größe 67 -, sodass der fiese kleine Chef durch mehrere Wände fliegt. Und hin und wieder muss Bob - Abenteuer ist Therapie! - auch raus und zieht dann heimlich mit seinem schwarzen Freund, dem eismachenden Ex-Mr.-Frozone, um die Häuser und zeigt den Schurken von Metroville, dass die Stadt doch noch nicht ganz superheldenfrei hat.
Und dann bekommt Bob einen Geheimauftrag, er soll auf einer tropischen Insel einen Kampfroboter testen, und von nun an sprengen sich fulminante Actionsequenzen mit James-Bond-Film- und Cobra-übernehmen-Sie-TV-Anspielungen in die Metroville-Sitcom, lassen sich dabei begleiten von einem jazzigen Score, der manchmal an Henri Mancini erinnert, und verdrängen die häusliche Komödie schließlich ganz. Es wird nun, auf diesem mit Monorail, Raketenabschussrampen und unterirdischer Befehlszentrale ausgestatteten Ort eines verrückten Erfinders mit übrigens sehr roten Haaren, auch sehr, sehr technisch. Und spätestens jetzt sind "Die Unglaublichen" auch kein Film mehr für die ganz Kleinen, dafür aber immer mehr für das Kind im Mann.
Wobei es aber auch für Frauen was zu gucken gibt, besonders in der Werkstatt der pagenköpfigen, hornbebrillten und exzentrischen Modedesignerin Edna, die zunächst für Bob ein neues Superheldenkostüm entwirft, allerdings ohne Cape, weil das, sagt sie, nur zu Unfällen führe - und man sieht in Rückblenden makabre Superhelden-Cape-Unfälle! Später entwirft Edna auch für den Rest der Familie Superheldenkostüme. Denn die Sache eskaliert, alle sind jetzt superheldenreif für die Insel, um dort gegen den Superschurken und das verbesserte Modell seines kugeligen Kampfroboters zu kämpfen. Und in diesen aufwendigen, rasanten und exzessiven Kampfszenen, die sich trotz ihrer Brillanz einfach zu sehr in die Länge ziehen, wirken die Helden fast nur noch wie Geschosse, die durch ein Computerspiel gejagt werden.
Aber eben nur fast: denn so ganz kann sich die Technik dann doch nicht verselbstständigen, dafür sind Mr. Incredible und die Seinen zu liebevoll als Charaktere eingeführt worden und nun zu präsent. Und so schimmert am Ende eben doch etwas durch, was man vielleicht nicht als die, aber doch als eine Botschaft des Films begreifen könnte: die Familie soll im Ernstfall zusammenhalten. Hmm. Oder lautet die Botschaft vielleicht: die Familie kann im Ernstfall nur überleben, wenn sie sich als Superfamilie erweist?
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