20 Jahre Literaturhaus Stuttgart Herzlichen Glückwunsch, altes Haus!
Am 18. November vor 20 Jahren ist das Stuttgarter Literaturhaus eröffnet worden. An diesem Donnerstag wird gefeiert. Wir haben Autorinnen und Autoren gebeten, sich an ihre schönsten Momente vor Ort zu erinnern.
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Foto Michael Steinert
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Das Literaturhaus im Stuttgarter Bosch-Areal: Hier sollte man nicht einfach vorbei fahren, warum erfahren Sie in unserer Bildergalerie.
Foto Nicolas Mahler
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Nicolas Mahler ist Zeichner, lebt in Wien und ist mit seinen Comics zu Robert Musil, Thomas Bernhard und Arno Schmidt Liebling aller Germanisten – und des stellvertretenden Leiters des Stuttgarter Literaturhauses, Erwin Krottenthaler.
Foto Luchterhand
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Hanns-Josef Ortheil lebt in Stuttgart. Zu seinem 70. Geburtstag in diesem November erschienen der Roman „Ombra“ und das Buch „Ein Kosmos der Schrift“: Im Robert-Bosch-Zimmer stehen die Frank- Lloyd-Wrigth-Stühle im Kreis um den runden Tisch. Auf einem Monitor läuft ein Video mit Ortheils Monologen in nachgedunkelten Sepia-Tönen. Nach einem kurzen Zimbelschlag erscheint Stefanie in einer schwarzen Bluse aus Maulbeerseide, und wir umarmen uns. „Ein Glas Crémant?“ fragt sie leise, und ich antworte: „Gern…“ – Durch eine Öffnung in den alten Holzeinbauten kommt Florian herein, und wir umarmen uns. „Wäre ich bloß in Stuttgart geblieben…“, sagt er und streicht mit einer Hand über die krempigen Nacken der Stühle. – „Das fällt Dir etwas spät ein“, flüstert Stefanie, und wir umarmen uns zu dritt. „Worüber sprichst Du heute?“ fragt Florian. – „Über das Literaturhaus als Salon, Theater und kleines Getriebe“, antworte ich. – „Nach Deleuze?“ – „Eher Roland Barthes“, sage ich, und Stefanie rollt mit den Augen. „Die Schönheit des Feminismus ist bei Euch noch nicht angekommen“, sagt sie, und ich werde rot. „Du wirst ja rot“, sagt Stefanie, und ich leere mit den beiden ein Glas Crémant. „Wir haben Marlene Streeruwitz den Preis der Literaturhäuser verliehen“, raunt Stefanie, und ich sage: „Ja, ich weiß.“ Dann ruft die Bühne, und wir mischen uns unter das Murmeln der wartenden Scharen.
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Nora Gomringer ist Lyrikerin und Slam-Poetin. 2015 bekam sie den Ingeborg-Bachmann-Preis. Ein Haus wie ein junger Mensch, den man gerne kennen möchte: In der Basis belesen - ein Buchladen. Und gut genährt - ein guter Italiener, wo’s nach dem Trubel noch was zu essen gibt. Und oben was für die Augen und den Geist. Immer anregend, immer präsent. Ein Sehnsuchtsort.
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Arno Geiger lebt in Wien und Wolfurt. Für den Roman „Es geht uns gut“ erhielt er 2005 den erstmals vergebenen Deutschen Buchpreis: September 2019, Stuttgart liest ein Buch: Unter der Drachenwand. Ich bin eine Woche in der Stadt, also keine Lesereise mit dem Üblichen „Heute hier, morgen dort und so fort“ - sondern ein Aufenthalt. Am Dienstag die Veranstaltung im Literaturhaus. Zum Haupteingang führt eine schmale Gasse, bedrängt von einem Bauzaun. Der Bauzaun ist mit einem Flies behängt, auf dem Flies groß und unübersehbar der Name: GEIGER. Offenbar der Name der Baufirma. Merkwürdig, wie man sich gleich anders fühlt, wenn man in einer fremden Stadt feststellt, dass es hier Menschen gibt, die so heißen wie man selbst. Die Veranstaltung beleuchtet die Liebeskonzepte in Unter der Drachenwand. Ich habe schon ausreichend Stuttgarter Boden unter den Füßen, dass ich ganz sachlich über Persönliches spreche und meine eigene Ehe als das eigentliche Gelingen in meinem Leben bezeichne. Das hat wesentlich mit meinem Schreiben zu tun, weil die langen Arme unserer sozialen Beziehungen in alle Aspekte des Alltags hineinreichen. Jan Snela, ein wunderbar kluger, junger Kollege, der ebenfalls auf dem Podium sitzt, zitiert Adorno: „Geliebt wirst du da, wo du Schwäche zeigen kannst, ohne Stärke zu provozieren.“ Das gefällt mir.
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Aleida Assmann erhielt 2018 zusammen mit ihrem Mann Jan Assmann den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels: In zwei Jahrzehnten ist das Stuttgarter Literaturhaus zu einem gastlichen und offenen Haus geworden, zu einem barrierefreien Treffpunkt mit AutorInnen und ihren Texten, wo Lesungen und Diskussionen musikalisch mit fröhlichem Feiern ausklingen. Es ist aber auch ein wichtiger und unverzichtbarer Ort geworden, an dem der Austausch über das gepflegt, besprochen, kritisch überdacht und erneuert wird, was das kostbarste Gut einer Gesellschaft ist: die Sprache. AutorInnen sind Seismographen für Erschütterungen und Verschüttungen, aber auch für Verbiegungen und Verhärtungen der Sprache. Wir brauchen diesen öffentlichen Ort der Reflexion dringend, denn in der Sprache finden hinter unserem Rücken permanent Vernebelung und Täuschungen statt, in ihr schleppen wir aus früheren Zeiten allgemeine Überzeugungen und Urteile mit, die später als Vorurteile und giftige Rückstände das Zusammenleben gefährden. Herzlichen Glückwunsch zum 20. Geburtstag!
Foto Lichtgut/Leif Piechowski
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Anna Katharina Hahn lebt in Stuttgart, wo auch die meisten ihrer Romane spielen – zuletzt „Aus und davon“: Die Menschenschlange wand sich durch das Treppenhaus, schwänzelte hinab bis ins Foyer. „Wahrscheinlich wollen die zu einer anderen Veranstaltung, hier muss heute noch etwas ganz Besonderes stattfinden, bestimmt ein Konzert.“ Unter Sätzen wie diesen zog ich meinen Mann an den Wartenden vorbei, kopfschüttelnd über den Gegenverkehr, ärgerlich grummelnden Leuten, die etwas von „total ausverkauft“ murmelten. Auf dem letzten Treppenabsatz vor dem Saal sah ich in die aufgerissenen Augen meiner Eltern, denen ich gesagt hatte, es gäbe genug freie Plätze, weil höchstens ein paar Freunde kommen würden. Anders kannte ich es nicht. ‚Kürzere Tage‘, der Roman, den ich an diesem Märztag 2009 im Literaturhaus Stuttgart vorstellen wollte, war schließlich nicht mein erstes Buch. Diese Buchpremiere meines ersten Romans im überfüllten Saal jenes Hauses, das heute seinen 20. Geburtstag feiert, fühlte sich für mich an wie mein Durchbruch als Schriftstellerin. Wahrscheinlich war er es auch. Denn die überregionale Resonanz, mit der niemand gerechnet hatte, am wenigstens ich selbst, begann hier. Kein anderes Haus hätte besser zu diesem Buch gepasst. Ein Glück, dass Stuttgart diesen kostbaren Ort hat!
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Jaroslav Rudiš ist Musiker der Kafka Band und Autor. Sein Roman „Winterbergs letzte Reise“ war 2019 für den Leipziger Buchpreis nominiert: Wir sind gerade mit der Kafka Band im nebeligen Altvatergebirge, im Osten der Tschechischen Republik. Weit, weit weg von Stuttgart. Und doch so nah. Die ganze Zeit müssen wir hier an Stuttgart denken. Und wenn wir an Stuttgart denken, denken wir auch an das Literaturhaus. Schon lange fühlen wir uns mit der Stadt und auch mit diesem wunderbaren Haus verbunden. Ich als Schriftsteller, Jaromír 99 als Comiczeichner, wir alle als Musiker. Das erste Konzert haben wir im November 2013 genau hier gegeben - als musikalische Begleitung der Ausstellung K: KafKa in KomiKs. Wir haben gedacht, dass wir in Stuttgart und dann vielleicht noch einmal in Prag spielen. Da haben wir uns aber ziemlich geirrt. Schon nach dem Konzert haben wir eine Einladung für den nächsten Auftritt bekommen. Seit diesem Auftritt kehren wir mit unserer Musik immer wieder nach Stuttgart zurück. Gerade arbeiten wir hier in der Einsamkeit der Berge und des Waldes an unserer Fassung von Kafkas Fragment Der Prozess. Nach den Romanfragmenten Das Schloss und Amerika geht es um unsere dritte Arbeit mit den Texten von Franz Kafka. Die Konzertpremiere ist für November 2022 geplant. Für Stuttgart. Für das Literaturhaus. Wir freuen uns schon sehr.
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Felicitas Hoppe ist Büchnerpreisträgerin. Zuletzt erschien der Roman „Die Nibelungen“: Tusch oder Tweet? Beide entschieden zu kurz für ein großes Haus, das seit 20 Jahren Signale aussendet, die meilenweit über die LÄNDgrenzen gehen! Hoppe dankt für die ungebrochen herzliche Gastfreundschaft und den Platz in einem längst legendären Gästebuch, dessen riesige Blätter den Schwingen eines fantastisch belesenen Vogels gleichen: Wir fliegen weiter!
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Ursua Krechel, zuletzt erschien von ihr der Roman „Geisterbahn“: Wenn die anreisende Autorin aus der Schlangengrube des Hauptbahnhofes herausgefunden und die Leiden der Stuttgarter Bürger und Bürgerinnen daran angemessen gewürdigt hat, verzweigen sich die Wege: zum einen in die Staatsgalerie, einige Bilder sind Sehnsuchtsbilder geworden. Über eines habe ich gerade geschrieben. Zum anderen ins Literaturhaus, in dem ich mit so vielen Büchern vorgesprochen, in dem öffentlich nachgedacht, in dem hingehört und herbeizitiert wird, in dem eine Herzlichkeit, eine Großzügigkeit herrscht, die immer von Neuem Freude macht. Das erste Mal die große Treppe hinaufgeleitet, ins holzgetäfelte ehemalige Unternehmerzimmer geführt zu werden: Was für ein Augenöffner. Und im Nu war die Geschichte der Weltaneignung durch Unternehmergeist vom unternehmungslustigen Aufspüren literarischer Formen überschrieben. Was Florian Höllerer begann, hat Stefanie Stegmann aufs Glücklichste weitergeführt. Das Literaturhaus Stuttgart ist ein Resonanzraum, eine feine Dicht- und Denkanstalt, der niemand das Wasser reichen kann, aber doch ein Glas Wein zum Geburtstag. Wir sehen uns wieder — schönes, altes, taufrisches Haus.
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Raoul Schrott ist Schriftsteller, Übersetzer, Sprachgenie und Weltvermesser zum Beispiel in seinem Epos „Erste Erde“: Viele Literaturhäuser werden mit einem staatsbeamtischen Geist geführt,der sich seines Postens so sicher scheint, dass ihm ein monatlich auf Din A 6 faltbarer Programmzettel und ein Stammpublikum von 30 Pensionisten als Tätigkeitsnachweis bis zum eigenen lang ersehnten Ruhestand genügt. Eine solche potemkinsche Fassade hat das Stuttgarter Literaturhaus nie von sich gezeigt, von solchen Oblomows ist es nie geleitet worden, im Gegenteil: egal, wo es stand, es bot den unterschiedlichsten Arten von Literatur offene, gut bestuhlte und auch beheizte Räume, sodass daraus wirklich ein Haus geworden ist, unter dessen Dach sie sich daheim fühlen kann. Das liegt nie an den Tapeten oder dem Mobiliar, sondern stets an den Gastgebern; es sind stets die einzelnen Menschen, die Institutionen mit Leben erfüllen. Und da hat man mit Stefanie Stegmann einen Glücksgriff getan: mehr Herz und Verstand, Neugier, Belesenheit und Einfallsreichtum werden Sie kaum finden.