Der Arbeitskräftemangel frisst sich immer mehr in die Betriebe hinein. Die Not an Personal droht zunehmend das Wachstum zu bremsen. Arbeitsmarktforscher fordern daher ein Umdenken.
Wie viele offene Stellen gibt es? Diese Zahl spiegelt nur einen Teil der Wahrheit: 764 300 offene Stellen verzeichnet die Bundesagentur für Arbeit (BA) für den Januar – nach 791 600 ein Jahr zuvor. Die Tendenz ist leicht sinkend, weil die Zahl der Neumeldungen wegen der Energiekrise in den vergangenen Monaten eher rückläufig war. Allerdings werden viele Personallücken gar nicht bei den Arbeitsagenturen gemeldet – sondern nur Arbeitsplätze, bei denen auch die Hoffnung besteht, dort fündig zu werden. Die Arbeitgeber sind frei bei der Wahl ihrer Rekrutierungskanäle. Und gerade die Großunternehmen in der Region Stuttgart agieren offenbar ziemlich eigenständig bei der Suche nach höher qualifizierten Fachkräften.
Das Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit, das IAB, rechnet daher mit einer viel höheren Zahl: 1,82 Millionen unbesetzte Stellen (Stand drittes Quartal 2022), womit auch ein amtlicher Wert gesetzt wird. Fast wäre im zweiten Quartal mit 1,93 Millionen die Zwei-Millionen-Grenze erreicht worden.
Wo sind die größten Personalmängel? Der Fachkräftebedarf wächst vor allem in den Bereichen IT, Pflege und Erziehung – seit Frühjahr 2022 auch in den von Corona gebeutelten Branchen wie dem Gastgewerbe, Veranstaltungsservice oder Luftverkehr. In der Januar-Statistik der BA sind die „sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen“ mit 204 000 offenen Stellen führend. Es folgen die Zeitarbeit (164 500), wissenschaftliche/technische Dienstleistungen (93 200), das Verarbeitende Gewerbe (93 000), Handel/Kfz-Instandhaltung (85 500) sowie Gesundheits- und Sozialwesen (82 000). Dem Baugewerbe fehlen mehr als 50 300 Kräfte.
Wo sind die Personalbedarfe im Land? In Baden-Württemberg hat die Bundesagentur für Arbeit im Januar 101 600 offene Stellen registriert (1469 mehr als ein Jahr zuvor). Darunter sind 7500 befristete Jobs und 12 000 Teilzeitstellen. Gut 31 000 sind schon seit mindestens sechs Monaten vakant – im Durchschnitt sind die Stellen seit 159 Tagen unbesetzt. In 56 500 Fällen werden Fachkräfte gesucht, ferner 24 200 „Spezialisten“ und 20 900 Helfer. Fast durchweg handelt es sich um sozialversicherungspflichtige Jobs.
Was sind die Hauptgründe für die Lücken? 45,7 Millionen Menschen bundesweit waren im Dezember als erwerbstätig registriert – nie waren es mehr als 2022. Folglich gibt es auf dem Arbeitsmarkt einen schier unstillbaren Arbeitskräftebedarf. Das hat mit diversen Trends zu tun, die alle mehr Personal erfordern: der Digitalisierung, der Energiewende oder der Alterung der Bevölkerung.
Ermöglicht wird der Zuwachs an Berufstätigen durch eine intensivierte Zuwanderung sowie die verstärkte Teilnahme von Frauen und Älteren am Arbeitsmarkt – da hat sich schon einiges getan. Relativ wenig Einfluss auf das wachsende Erwerbstätigenpotenzial habe bisher die Alterung der Beschäftigten, sagt Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter am Nürnberger Institut IAB. Die wachsenden Personalnöte sieht er nicht nur negativ: „Dass wir eine Knappheit haben, ist gut“, sagt er. Dies sei ein Teil des deutschen Arbeitsmarktaufschwungs, auf den man auch stolz sein könne – an der Vollbeschäftigung sei man viel näher dran als früher. Alle wollten dies. „Dementsprechend sollte das nicht mehr anders denkbar sein, als dass Arbeitskräfte heiß umworben sind.“
Wie ist die Perspektive? Deutlich geringer wird das Erwerbspersonenpotenzial erst, wenn die Babyboomer in einigen Jahren in Rente gehen. Sofern dies nicht ausgeglichen werde, „werden wir im deutschen Arbeitsmarkt bis 2035 um sieben Millionen Personen schrumpfen“, sagt Weber. Dieser Prozess könne zwar verhindert werden, wenn man alle Potenziale nutze. Aber der Mangel an Millionen Erwerbstätigen könne auch bedeuten, „dass es bestimmte Betriebe dann nicht mehr gibt“. Letztlich müsse man auch akzeptieren, dass Personal ein knappes Gut sei. „Genau das muss unser Fokus sein: Dass wir nicht mehr ohne Ende die Beschäftigung ausweiten können“, sagt Weber. Man müsse aus dem einzelnen Arbeitsplatz mehr machen. „Das heißt: Klasse statt Masse!“
Was sollten die Unternehmen tun? Weber rät, künftig die Potenziale besser auszuschöpfen. Die Unternehmen sollten nach den Wegen schauen, die sie bisher nicht so beachtet hätten, um ihre Stellen zu besetzen. „Da müssen sie auch mal über den eigenen Schatten springen.“ So müsse nicht jeder Beschäftigte dieselbe Arbeitszeitregelung haben – das ließe sich auch individuell regeln. Auch könnten sich die Arbeitgeber schon für Beschäftigte über 50 Jahren Gedanken machen, wie diese in den nächsten zehn, 15 Jahren eingesetzt werden sollen, damit sie bleiben. Schon jetzt versuchten gerade kleinere Firmen, ihre älteren Mitarbeiter zu halten, indem sie auf deren Wünsche eingingen. Da sei aber noch viel mehr Flexibilität möglich.
Zu den Potenzialen gehöre auch der große Niedriglohnbereich, der noch nicht geschrumpft sei. Viele Minijobber wollten mehr arbeiten. Unter den Arbeitslosen wiederum ließen sich noch eine Million Menschen aktivieren. Ferner müsse verhindert werden, „dass die berufliche Entwicklung von Frauen nach der Kinderphase abknickt“.
Schließlich sollte, so Weber, die Zuwanderung besser genutzt werden. Zugewanderte arbeiteten oft unter ihren beruflichen Fähigkeiten, was auch an den deutschen Qualifikationsanforderungen liege. Und Migrantinnen hätten eine sehr niedrige Erwerbsbeteiligung – „die niedrigste von allen Gruppen“. Da müsse auch der Staat die Menschen berufsbegleitend mehr unterstützen.
Stuttgart hat die mit Abstand größten Personallücken im Land
Südwesten
Den größten Arbeitskräftebedarf in Baden-Württemberg gibt es der Statistik der Arbeitsagenturen zufolge in Stuttgart mit rund 7500 gemeldeten offene Stellen. Es folgen: der Kreis Esslingen (5000); Ortenaukreis (4600); Ludwigsburg (4300); Reutlingen (3700); Ostalbkreis (3600); Karlsruhe-Stadt (3400); Rems-Murr-Kreis (2900); Schwäbisch Hall, Karlsruhe, Main-Tauber-Kreis, Konstanz und Ravensburg (je 2700); Göppingen und Freiburg (je 2600); Mannheim und Schwarzwald-Baar-Kreis (je 2400); Böblingen und Rhein-Neckar-Kreis (je 2300).
Bundesgebiet
Im bundesweiten Vergleich der Arbeitsagenturen wiederum liegt Stuttgart ungeachtet vieler Großunternehmen nicht an der Spitze – was auch damit zu tun haben dürfte, dass hier zahlreiche Arbeitgeber eigenständig Personal rekrutieren und sich nicht auf behördliche Hilfe verlassen. Der Bedarf ist demnach in Wahrheit größer. Somit landet die Arbeitsagentur Stuttgart mit 9817 gemeldeten offenen Stellen hinter München (13 584), Hamburg (10 927), Hannover (10 246) und Frankfurt (10 082). Allerdings hat Berlin drei Arbeitsagenturen, die zusammen genommen auf 17 896 offene Stellen kommen.