1. FC Heidenheim Holger Sanwald: „Wir können Historisches schaffen“

In ständigem Austausch beim 1. FC Heidenheim: Vorstandsvorsitzender Holger Sanwald (li.), Trainer Frank Schmidt. Foto: IMAGO/Sven Simon

Wie groß ist beim 1. FC Heidenheim noch die Hoffnung auf den Bundesligaverbleib? Wird Frank Schmidt Trainer bleiben? FCH-Chef Holger Sanwald äußert sich vor dem Duell mit dem VfB.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Kommt das Württemberg-Duell mit dem großen Favoriten VfB Stuttgart (Sonntag, 19.30 Uhr/Voith-Arena) gerade recht? Was würde ein Abstieg für den 1. FC Heidenheim und seinen Dauertrainer Frank Schmidt bedeuten? Holger Sanwald, der Vorstandsvorsitzende des Bundesliga-Schlusslichts 1. FC Heidenheim, gibt seine Einschätzungen ab.

 

Herr Sanwald, wie lange brauchen Sie persönlich, um solche Spiele wie zuletzt das 0:1 beim FC Augsburg wegzustecken?

Ich bin grundsätzlich ein positiver Mensch mit einem hohen Energielevel, doch in solchen Fällen benötige ich schon eine Nacht, um das Ganze wegzustecken. Denn es tut schon richtig weh, wenn man oftmals ganz nah dran ist an einem Erfolgserlebnis, aber es immer in den entscheidenden Momenten an Kleinigkeiten fehlt.

Zufall dürfte das nach zuletzt neun sieglosen Spielen in Serie aber keiner sein.

Deshalb tun wir alles, um es abzustellen. Wir legen alle Kraft und Energie rein, damit es beim nächsten Spiel klappt.

Ausgerechnet gegen den VfB Stuttgart?

Warum nicht? Wir freuen uns sehr auf dieses Spiel, es ist ein Highlight für uns, wenn der VfB für ein Pflichtspiel in die Voith-Arena kommen muss. Alles, was zuletzt war, interessiert am Sonntag ohnehin keinen. Es interessiert auch keinen, dass wir vor zweieinhalb Jahren in die Bundesliga aufgestiegen sind und wir vergangene Saison noch international gespielt haben. Wir haben jetzt ein Bundesligaspiel vor der Brust, und wir haben die Chance, dieses Spiel zu gewinnen.

Ihr Tabellennachbar FC St. Pauli hat es vor Kurzem vorgemacht?

Der VfB hat nicht nur in St. Pauli verloren. Solche Dinge sind für uns nicht maßgeblich. Maßgeblich ist für uns nur eins: unsere eigene Leistung. Wir müssen es schaffen, die fünf bis zehn Prozent, die uns häufig gefehlt haben, rauszukitzeln und als Mannschaft weiter an uns glauben. Alles andere müssen wir ausblenden.

Was macht Ihnen noch Hoffnung?

Wir haben eine gute Mannschaft, einen guten Kader, den wir im Winter qualitativ verstärken konnten. Die Neuzugänge geben uns Impulse. Eren Dinkci belebt unser Spiel, genauso Chris Conteh, Hennes Behrens, auch von VfB-Leihgabe Leonidas Stergiou, der sich leider verletzt hat, versprechen wir uns viel, aber natürlich funktioniert das nicht auf Knopfdruck.

Heidenheimer Leihspieler vom VfB Stuttgart: Leonidas Stergiou. Foto: IMAGO/STEINSIEK.CH

Sollte es aber bei sechs Punkten Rückstand nach 22 Spieltagen.

Natürlich brauchen wir jetzt möglichst schnell ein Erfolgserlebnis, das wird Kräfte freisetzen. Im Fußball gab es schon weitaus verrücktere Dinge, als dass wir es noch schaffen könnten.

Statistisch gesehen . . .

. . . könnten wir daheimbleiben. Auch ich habe gelesen, dass – seit Einführung der Drei-Punkte-Regel – mit unseren 13 Punkten zu diesem Zeitpunkt bisher am Ende alle Teams abgestiegen sind. Daraus schließe ich aber auch: Wir können Historisches schaffen. Das treibt uns weiter an!

Auch Frank Schmidt war die Enttäuschung zuletzt ins Gesicht geschrieben. Wie nehmen Sie ihn wahr?

Dass man nach Rückschlägen im ersten Augenblick niedergeschlagen ist, ist normal. Frank ist kein Schauspieler. Er ist ehrlich und authentisch. Und er schafft es sofort am nächsten Tag wieder, Energie auf die Mannschaft auszustrahlen, mit perfekten Worten, um die Spieler wieder aufzurichten. Das ist eine herausragende Stärke von ihm. Und deshalb haben wir auch noch eine Chance. Wir sind noch nicht weg vom Fenster.

Sind Sie sicher, dass Frank Schmidt im Falle eines Abstiegs seinen Vertrag bis 2027 erfüllen würde?

Darum geht es derzeit nicht. Für uns geht es darum, dass der VfB am Sonntag nicht wie früher zu einem Vorbereitungsspiel kommt, sondern im dritten Jahr in Folge zu einem Punktspiel in der Bundesliga. Und dass der Klassenverbleib für uns so etwas Großes wäre wie für den VfB der Pokalsieg oder das Erreichen der Champions League, was ich ihm im Übrigen wünsche, nur ohne Punkte am Sonntag. Nur das zählt für mich im Moment, nicht, was im Sommer ist.

Frank Schmidt hat immer gesagt, dass er nicht davonlaufen würde.

Noch einmal: Das ist für uns gar kein Thema. Er hat einen Vertrag bis 30. Juni 2027 und unverändert unsere Rückendeckung, damit ist alles gesagt. Wir wissen, was wir ihm zu verdanken haben. Jetzt geht es einzig darum, dass wir das nächste Spiel gewinnen.

Um sich in der Bundesliga zu etablieren, benötigt es Qualität, und die kostet viel Geld. Stehen der Verein und die Region mit voller Kraft dahinter? Oder wäre es vernünftiger zu sagen, mittelfristig ist das Zuhause des FCH die zweite Liga?

In ganz Deutschland hieß es: Der FCH hat in der Bundesliga eh keine Chance. Und dann werden wir im ersten Jahr sensationell Achter und spielen in der Conference League unter anderem gegen den FC Chelsea. Vergangenes Frühjahr ist uns dann der erneute Klassenverbleib gelungen – spektakulär in der Relegation. Was ich spüre und wahrnehme, sind unglaublich viele Sympathien, die uns entgegenschlagen, nach dem Motto: Bleibt euch treu, geht den Weg weiter, wir können es alle einschätzen. Ob wir den kleinen Spalt nutzen können, uns in der Bundesliga zu etablieren, kann ich nicht sagen. Derzeit sieht es nicht danach aus, aber man weiß es nicht. Auch der SC Freiburg musste zwischenzeitlich in die zweite Liga runter, selbst der VfB.

Der spielte aber auch in Liga zwei vor 60 000 Zuschauern.

Das ist der Punkt. Wir können nicht die Rahmenbedingungen haben, die sich andere Vereine in zig Jahrzehnten erarbeitet haben. Wir sind gerade einmal im dritten Bundesligajahr unserer Vereinsgeschichte. In unser Stadion passen nur 15 000 Zuschauer.

Es soll doch aber auf immerhin 25 000 aufgestockt werden?

Ja, wir sind dabei, die Planungen zu finalisieren, um 2027 mit den ersten Baumaßnahmen beginnen zu können, unabhängig von erster oder zweiter Liga.

Warum wäre es dennoch wichtig drinzubleiben?

Weil wir mit unserer Entwicklung als Verein im Oberhaus schneller vorankommen. Auch Infrastrukturthemen lassen sich in der Bundesliga mit einem rund 80-Millionen-Euro-Etat gegenüber der Hälfte in der zweiten Liga mit einem anderen Tempo entwickeln. Was nichts daran ändert, dass jeder damit rechnen muss, dass wir mal wieder in der zweiten Liga landen können. Dort haben wir neun Jahre lang gespielt. Und das hat uns allen großen Spaß gemacht. Also wenn das der Worst Case ist, dann habe ich nicht mal ansatzweise Grund, schlecht drauf zu sein.

Zur Person

Karriere
Holger Sanwald wurde am 18. Mai 1967 in Giengen/Brenz geboren. Er stürmte früher selbst für den Mutterverein Heidenheimer SB, von dem sich die Fußballabteilung 2007 als FCH abspaltete, in der Jugend und in der Landesliga. Im Alter von 27 wurde er ehrenamtlicher Abteilungsleiter. Der Diplom-Ökonom mit Prädikatsexamen kümmert sich seit 2008 hauptamtlich um den Verein, erst als Geschäftsführer, seit Januar 2017 als Vorstandsvorsitzender. Er ist seit Ende 2017 Mitglied im Vorstand des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).

Persönliches
Holger Sanwald ist verheiratet, er hat eine sechsjährige Tochter. Hobbys: Reisen, Geschichte. (jüf)

Weitere Themen