Fußball-Bundesliga So geht der 1. FC Heidenheim mit den Mechanismen des Marktes um

Maximilian Breunig bejubelt eines seiner drei Tore beim 4:0-DFB-Pokalerfolg in Villingen – der Neuzugang vom SC Freiburg II soll mithelfen, Torjäger Tim Kleindienst zu ersetzen. Foto: IMAGO/Eibner/IMAGO/Eibner-Pressefoto

Die Abgänge von Eren Dinkci, Tim Kleindienst und Niklas Beste hinterlassen beim 1. FC Heidenheim eine gewaltige sportliche Lücke. Wie will der Bundesligist diese schließen? Wie geht er mit den Mechanismen des Marktes um? Der Vorstandsvorsitzende Holger Sanwald äußert sich.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Als Holger Sanwald am 14. Juli mit seinem 1. FC Heidenheim beim FC Esslingen zum Vorbereitungsspiel (10:0) aufkreuzte, lief er natürlich auch Martin Hägele über den Weg. „Er hörte gar nicht mehr auf, von den alten Zeiten zu erzählen“, berichtet der Vorstandsvorsitzende des Bundesligisten schmunzelnd, bei dem der nette Plausch mit dem Esslinger Vereinsgründer und renommierten Fußball-Lehrer Erinnerungen weckte. Sanwald wollte Hägele einst als Trainer vom TSV Crailsheim nach Heidenheim holen. „Es gelang mir nicht, dafür haben wir dann den früheren Crailsheimer Topstürmer Bastian Heidenfelder bekommen, der spielte aber lange bei uns“, erinnert sich Sanwald an längst vergangene Oberligazeiten.

 

Inzwischen verhandelt Sanwald mit Clubs aus der Champions League über millionenschwere Transfers. „Manchmal muss ich mich schon zwicken, was wir erreicht haben“, sagt der 57-Jährige. Sein Verein spielt im zweiten Jahr in der Bundesliga, ist sogar auf der internationalen Bühne angekommen, die Play-off-Spiele zur Conference League bringt (gegen BK Häkken/Schweden). Der FCH befindet sich längst mittendrin im immer wilder werdenden Haifischbecken Profizirkus.

30 von 50 Toren fehlen

Bemerkenswert unaufgeregt gehen sie auf der Ostalb damit um. Auch jetzt, da die Mechanismen des Marktes den Verein so gnadenlos hart treffen wie noch nie. Die drei absoluten Leistungsträger sind weg. Auf einen Schlag fehlen die drei besten Spieler, die zusammen 30 der 50 Heidenheimer Tore der vergangenen Saison erzielten. Offensivmann Eren Dinkci, die Leihgabe von Werder Bremen, entschied sich für den SC Freiburg. Toptorjäger Tim Kleindienst sucht eine neue, deutlich besser dotierte Herausforderung bei Borussia Mönchengladbach. Fast-Nationalspieler Niklas Beste erlag dem Lockruf von Benfica Lissabon und unterschrieb beim portugiesischen Topclub einen Fünfjahresvertrag.

„Wir kennen die Gesetzmäßigkeiten. Wir haben auch schon in der dritten Liga oder später in der zweiten Liga beispielsweise einen Flo Niederlechner für 2,5 Millionen Euro nach Mainz verkauft oder einen Philip Heise an den VfB Stuttgart. Nur jetzt geschieht das Ganze auf einem höheren Niveau“, sagt Sanwald. Jetzt gibt es für Kleindienst sieben bis acht Millionen Euro an (festgeschriebener) Ablöse, die rund zehn Millionen Euro für Beste wurden frei ausgehandelt. Den 25-Jährigen hätten die Heidenheimer rein theoretisch vertraglich noch ein Jahr halten können.

„Niki kommt zu mir und sagt, Holger, gib mir bitte die Chance. Soll ich ihm diese Lebenschance etwa verbauen, sofern unsere wirtschaftlichen Interessen erfüllt werden?“, fragt Sanwald – und gibt die Antwort selbst: „Nein, das wäre entgegen unserer Vereinsphilosophie.“ Der FCH-Chef nennt sie auch „Entwicklungs- und Überlebensstrategie“. Was so viel heißt wie: Spieler aus zumeist unteren Ligen günstig holen, besser machen, Transfergewinne generieren.

In den vergangenen Jahren ging das Konzept glänzend auf. Dank der taktischen Finesse und Motivationskünste von Trainer Frank Schmidt, extrem guter Fitness, einer nimmermüden Gallier-Mentalität. Doch jetzt befindet man sich auf einem neuen, weitaus höheren Niveau. Die Luft wird immer dünner, die Aufgabe, Top-Leute adäquat zu ersetzen, immer herausfordernder. „Ob es uns jetzt auch gelingt, kann ich erst nach der Saison beantworten“, räumt Sanwald offen ein und ergänzt: „Wir haben aber die Überzeugung, dass unsere veränderte Mannschaft den Klassenerhalt wieder schaffen kann!“

Erfahrungswerte im obersten Regal gibt es noch keine, da man vor der ersten Bundesligasaison ausnahmsweise erstmals alle Führungsspieler hatte halten können. In der kommenden Runde müssen die Neuzugänge wieder zwingend zünden. Spieler wie Maximilian Breunig (SC Freiburg II), der im ersten Pflichtspiel beim 4:0 im DFB-Pokalspiel beim FC 08 Villingen gleich mal drei Tore erzielte, Leo Scienza (SSV Ulm 1846 Fußball) und Luca Kerber (1. FC Saarbrücken) kamen alle aus der dritten Liga, Julian Niehues (1. FC Kaiserslautern) und Sirlord Conteh (SC Paderborn) aus der zweiten Liga, Darmstadts Mathias Honsak, Bayern-Leihgabe Paul Wanner oder Mikkel Kaufmann von Union Berlin aus Liga eins. Dazu kommt noch aus der eigenen A-Jugend Christopher Negele.

„Wir können keinen Kai Havertz oder Leroy Sané holen“, sagt Sanwald. Das weiß natürlich auch sein Trainer. Frank Schmidt und er sind auf einer Linie. Zu 100 Prozent. „Wenn Frank nicht mit im Boot wäre, wäre das alles nicht realisierbar. Er trägt die Philosophie komplett mit.“ Nur vor der bisher letzten Verlängerung des Vertrags bis 2027 im Jahr 2021 hatte Sanwald Bedenken: „Ich war mir unsicher, ob Frank den Weg weiter mitgehen möchte. Ich sagte zu ihm, ich kann dir nichts anderes bieten. Doch er erwiderte zum Glück, genau das mache ihm Spaß und Freude.“

Schmidt sprüht vor Energie

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Auch aktuell sprühe der Erfolgscoach wieder vor Energie. Seine Operation am Knöchel hat Schmidt gut überstanden. „Wir jammern nicht, der VfB Stuttgart zog sogar in die Champions League ein – und muss auch Spieler ziehen lassen. So ist nun mal das Geschäft“, meint Sanwald.

Dass die Schere immer weiter auseinandergeht, hält der Pragmatiker nicht für gut, aber auch nicht für verwerflich. Auch die Verteilung der TV-Gelder hält er für gerechtfertigt. Schließlich schaltet der Großteil der Fußballfans wegen Bayern München und Borussia Dortmund den Bildschirm ein und eher weniger wegen Heidenheim und Holstein Kiel. „Trotzdem haben wir als kleinerer Verein letzte Saison bewiesen, dass wir eine Bereicherung für die Bundesliga sein können. Insgesamt war es spannend wie lange nicht mehr.“

Es wird nicht geklagt

Beim FCH wird nicht geklagt. „Wir haben vielmehr unsere eigene Strategie entwickelt“, betont Sanwald. Mit der wollen die Stehaufmännchen von der Ostalb auch in der kommenden Saison in der Bundesliga bestehen – trotz aller Widrigkeiten: „Wir können zwei oder drei Teams hinter uns lassen, das ist auch unser großes Ziel.“

Voith-Arena

Ausbau
Die positiven Signale sind da, nun erwartet der 1. FC Heidenheim den finalen Beschluss für die Erweiterung der Arena von 15 000 auf 25 000 Zuschauer. Danach kann der Bauantrag gestellt werden. 2025 könnten die Baumaßnahmen beginnen. Da diese die komplette Infrastruktur rund ums Stadion beinhaltet, dürften sie sich über insgesamt zwei bis drei Jahre hinziehen.

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