1. FC Heidenheim steigt auf Das steckt hinter dem Wunder von der Ostalb

Stürmer Tim Kleindienst hat den 1. FC Heidenheim in die Bundesliga geschossen. Foto: imago//Eduard Martin

Ein Fußball-Märchen wird wahr. Der 1. FC Heidenheim hat in einem dramatischen Saisonfinale den Aufstieg in die Bundesliga geschafft. Was steckt hinter dieser Erfolgsstory? Und: Hat der FCH in der Bundesliga überhaupt eine Chance?

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Der 1. FC Heidenheim hat es tatsächlich geschafft – in einem wahren Herzschlagfinale gelang der entscheidende Treffer zum 3:2 über den SSV Jahn Regensburg in der neunten Minute der Nachspielzeit. Mit diesem Wahnsinn am letzten Spieltag und dem damit verbundenen Bundesliga-Aufstieg ist das Wunder von der Ostalb endgültig perfekt.

 

1998 spielte der Club noch in der Landesliga. Innerhalb von 25 Jahren gelangen sechs Aufstiege. „Mir gehen die Superlative aus. Das ist einmalig, unfassbar, sagenhaft, das übertrifft sogar die Erfolgsstory des SC Freiburg“, sagt der Ex-VfB-Profi und frühere Heidenheimer Trainer Helmut Dietterle. Kontinuität heißt das Zauberwort für diese märchenhafte Entwicklung. Der aktuelle Vorstandsvorsitzende Holger Sanwald hat den Verein von der siebten bis in die erste Liga begleitet. Frank Schmidt, unter Dietterle als Spieler 2004 mit Heidenheim in die Oberliga aufgestiegen, löste im September 2007 Dieter Märkle ab und ist seitdem Cheftrainer. Zum Vergleich: Clubs wie der VfB Stuttgart, Schalke 04 oder der Hamburger SV haben seitdem jeweils über 20 Trainer verschlissen.

Fachkompetenz, Seriosität und Charakter zeichnen das FCH-Führungsduo aus. „Sie haben immer konsequent und gradlinig an ihrer Linie festgehalten, sich nie durch Kritik von außen verunsichern lassen“, weiß Dietterle. Die Entscheidungsträger verstehen sich blind. Sie arbeiten Füreinander mit größtmöglicher Transparenz und Ehrlichkeit. Die Strukturen sind schlank, die Hierarchien eindeutig. „Sich irgendwo auszuheulen, das funktioniert in diesem Verein nicht“, sagt Ostalb-Fußball-Experte Dietterle.

Sehr gute Transferpolitik

Der Verein bekam nichts geschenkt, alles hat er sich hart erarbeitet. Mit einem feinen Näschen im Scouting und einer sehr guten Transferpolitik gelang es dem FCH, sich mit vergleichsweise bescheidenen finanziellen Mitteln immer weiterzuentwickeln. Spieler, die ins Heidenheimer Profil passen, müssen zwingend die Tugenden Einsatz, Laufstärke, Intensität, Mentalität mitbringen, doch die Mannschaft hat auch fußballerisch Schritte nach vorne gemacht.

Ob das für die Bundesliga reichen wird? Alle, die diesen Verein auf seinem Erfolgsweg begleitet haben, sind sich zumindest in einem sicher: Keiner wird die Bodenhaftung verlieren, keiner wird plötzlich vom eingeschlagenen Weg abrücken. „Der Absturz von Nachbar SSV Ulm 1846 ist Warnung genug. Der FCH wird geerdet bleiben, keine verrückten Transfers mit irgendwelchen Altstars machen“, ist sich auch Dietterle sicher.

Etat steigt auf 55 Millionen Euro

Klar ist: Der Etat steigt von knapp 40 Millionen Euro auf 55 Millionen Euro. Genauso sicher: Die Heidenheimer Spezialität, gut, gierig, aggressiv, stabil und strukturiert zu verteidigen, wird auch eine Etage höher zum Tragen kommen. Der erfolglose Vorjahres-Aufsteiger SpVgg Greuther Fürth kam über die spielerische Schiene, wollte auch eine Etage höher mitspielen. Heidenheim setzt auf schnörkellosen Ergebnisfußball. Daran dürften sich auch manche Bundesligisten die Zähne ausbeißen – ganz besonders in der engen Voith-Arena, die mit euphorischen Fans immer ausverkauft sein wird, aber nicht erstligatauglich ist. Eine Machbarkeitsstudie für den Ausbau des Fassungsvermögens von 15 000 auf 23 000 Zuschauer liegt vor. Baubeginn könnte 2024 sein, aber zunächst geht es nur mit einer Sondergenehmigung, die aber Formsache ist.

Wie sagte ein Kenner der Szene vor kurzem: „Wenn der Mannschaftsbus von Bayer Leverkusen mit vier Brasilianern an Bord Anfang Februar bei minus vier Grad Celsius und Schneeregen den Schlossberg hochfährt, dann werden sie sich wundern und sich auf ganz viel Ostalb-Widerstand einrichten müssen.“

Natürlich muss ein sofortiger Abstieg einkalkuliert werden. Aber der FCH als Verein könnte in solch einem Fall auch gestärkt daraus hervorgehen, die Erfahrungen und die TV-Gelder mitnehmen und den sofortigen Wiederaufstieg in Angriff nehmen. Bliebe nur die Frage wie die Fans nach Spielen gegen den FC Bayern und Borussia Dortmund wieder die Hausmannskost in Liga zwei annehmen würden.

„Drücke VfB die Daumen“

Aber das ist schon zwei Schritte vorausgedacht. Jetzt wird in Heidenheim erst einmal gefeiert. Und sich auf zwei Derbys gefreut – sofern es der VfB schafft, sich über die Relegation in der Bundesliga zu halten: „Ich drücke dem VfB Stuttgart von Herzen die Daumen“, sagt Sanwald.

Weitere Themen