100. Geburtstag von Heinrich Böll Das Märchen vom armen Heinrich

Heinrich Böll und seine Frau Annemarie sind unter den Demonstranten, die am 1. September 1983 in Mutlangen gegen atomare Aufrüstung protestieren. Foto: dpa 6 Bilder
Heinrich Böll und seine Frau Annemarie sind unter den Demonstranten, die am 1. September 1983 in Mutlangen gegen atomare Aufrüstung protestieren. Foto: dpa

Staatsfeind oder Gewissen der Nation? Am 21. Dezember wäre der Schriftsteller Heinrich Böll hundert Jahre alt geworden. Im Berliner Schloss Bellevue hat der Bundespräsident zu einer Soiree geladen, die in glänzendem Rahmen den Autor der kleinen Leute feiert.

Kultur: Stefan Kister (kir)
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Berlin - So viel ist sicher: Eine große Koalition wäre nun wirklich das Letzte gewesen, was Heinrich Böll gefallen hätte. Als Sündenfall empfand er 1966 die erste Anbahnung dieser Paarung zwischen Kurt Georg Kiesinger und Willy Brandt, als „politische Promiskuität“. Bekanntlich sieht das der heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier etwas anders, der sich in dieser Sache, um im Böll’schen Bilde zu bleiben, geradezu als Kuppler engagiert, um die beiden Partner einander wieder zuzuführen. Doch Steinmeier ist zugleich ein Freund der Dichter, lebender wie toter. Und so hat er am Sonntag zu einer Soiree ins Berliner Schloss Bellevue geladen, des bevorstehenden 100. Geburtstags jenes Autors zu gedenken, der zu den Mächtigen zeit seines Lebens ein eher gespanntes Verhältnis unterhielt.

Man könnte in dem sanften Baskenmützenträger mit dem fein melancholischen Zug um den Mund eine Art intellektueller Herkules der frühen Bundesrepublik sehen, der das Land in seinem literarischen und publizistischen Kampf von den Ungeheuern der Vergangenheit befreit und zu einem bewohnbaren, zivilisierten Ort gemacht hat. Er mistete im Nachkriegsdeutschland den ideologischen Augiasstall von nationalsozialistischen Relikten aus, stritt gegen die Wiederbewaffnung, demonstrierte in Mutlangen gegen atomare Aufrüstung, er verteidigte seinen Glauben gegen den unheiligen Pakt mit der Macht, den die katholische Kirche geschlossen hatte, und zog gegen die Hydra der Springer-Presse zu Felde.

Modernes Märchen

Aber Herkules? Eher als der Mythos wird ein Märchen dem bescheidenen Rheinländer gerecht. Der quecksilbrige Hans Magnus Enzensberger hat es erzählt, es heißt „Der arme Heinrich“. Die Schauspielerin Angela Winkler eröffnet die literarische Adventsfeier des Bundespräsidenten mit diesem Märchen aus neueren Zeiten, das Enzensberger dem Kollegen einst nachgerufen hatte. Es handelt von einem, der aus einfachen Verhältnissen in die höchsten, 1972 mit dem Literaturnobelpreis geadelten Sphären aufgestiegen ist und der doch „alle Ehrungen über sich ergehen ließ, wie einer, der im Regen stand“, der zur moralischen Instanz geknetet wurde, es gleichzeitig aber niemand recht machen konnte.

Rascher als andere fiel Bölls Wirkungsgeschichte nach seinem Tod der Schullektüre anheim. Man schätzt die frühen Erzählungen, geht vielleicht noch mit dem „Irischen Tagebuch“ auf Reisen und wappnet sich ansonsten gegen erneute Lektüre mit Robert Gernhardts maliziösen Zeilen: „Er wär’ überhaupt erste Sahne, / wären da nicht die Romane.“

Angela Winkler spielte einst in Volker Schlöndorffs Verfilmung von Bölls vielleicht bekanntestem Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ die Titelrolle jener Aufrechten, die gegen die Hetzkampagne des Boulevards den Startschuss der Medienkritik abfeuert. Ja, es gab Zeiten im Deutschen Herbst, da galt der gute Mensch aus Köln als gefährlicher Aufwiegler und Terroristenversteher. Während der RAF-Jahre wurde sein Haus überwacht, was die Geschichte der Bonner Republik um manche denkwürdige Szene bereichert hat. Etwa, als eines Tages ein verdächtiges Pärchen dabei beobachtet wurde, wie es sich im Taxi zum Wohnort des Autors chauffieren ließ, was eine schwer bewaffnete Einheit von Kriminalbeamten mobilisierte – freilich nur, um am Ende den Stuttgarter Philosophen Robert Spaemann nebst Gattin beim Kaffeekränzchen zu ertappen.

Jubelndes Einverständnis

Nun also, gut 32 Jahre nach seinem Tod, ist er im Schloss Bellevue angekommen. Er, dem der Hohepriester kritischer Reserve Theodor W. Adorno einst bescheinigt hatte, den „Stand des Ungedeckten“ stets jubelndem Einverständnis vorgezogen zu haben, rückt ein in die Rolle des Repräsentativen. Bevor der Bundespräsident das Wort ergreift, lässt eine Folge alter Fotos die bewegten Zeiten Revue passieren, in denen Altes und Neues aufeinanderprallt, musikalisch untermalt von Udo Jürgens’ Lied „Lieb Vaterland“. Steinmeier zeichnet das Bild einer Epoche erstaunlicher Begegnungen und Koinzidenzen, in der ein Schlager den Bruch zwischen den Generationen besingt. Er erinnert an den Soldaten Böll, der seine Erfahrungen in körnig-konzisen Erzählungen aufgearbeitet hat, in dessen Texte zusehends die wirtschaftliche Wirklichkeit drängt und der die Abenteuerlichkeit des alltäglichen Lebens zu seiner Sache gemacht habe. Seine Figuren seien gegängelt von gesellschaftlichen und politischen Institutionen und lehnten sich auf: „Bölls Texte fordern, Partei zu ergreifen“, sagt Steinmeier, „der Staatsbürger stellt sich unter den Anspruch: Einmischung erwünscht.“

Ist dies nun jubelndes Einverständnis? Oder sollte man sich nicht eher glücklich schätzen, dass an der Spitze des Staates jemand steht, der sich empfänglich zeigt für die kritische Einrede der Literatur; dessen – im Falle Steinmeiers freilich nüchterner – Emphase anzumerken ist, dass ihm die Würdigung ein echtes Anliegen ist, und der sich zudem als Tischlersohn aus ganz ähnlichen Verhältnissen emporgearbeitet hat wie der Schreinersohn Böll?

Wolfgang Niedecken besingt eine untergegangene Welt

Mario Adorf, im erwähnten Schlöndorff-Film Gegenspieler Angela Winklers, beschwört den schwermütigen Fluss, an dem der Autor aufwuchs, die Zone, wo der heitere Weintrinker-Rhein in den ernsten Schnapstrinker-Rhein übergeht, der Strom ein dunkler Gott – „Undines gewaltiger Vater“, ein wenig Schwulst muss sein. Dass Bölls Aktualität keine Gedenktagsfloskel ist, macht indes Ilja Richter in einem der lebendigsten Texte deutlich, der Satire „Murkes gesammeltes Schweigen“, worin entwaffnend komisch die verblasene Eitelkeit „jener höheren Wesen, die wir alle verehren“, vorgeführt wird, intellektuelle Phrasendrescher – manchen kann man beim anschließenden Empfang bei der Arbeit zuschauen.

Der Kölschrocker Wolfgang Niedecken besingt die verlorene Welt der Kölner Straßen, die der mit Böll befreundete Fotograf Carl-Heinz Hargesheimer aufs Bild gebannt hat. Man feiert den Autor der kleinen Leute, der sich in einer bissigen Polemik gegen den Vorwurf des ärmlichen Waschküchenrealismus wehrt. Doch, wo sind sie an diesem Abend? Autoren, Verlagsmenschen, Kritiker, Psychologen, kritische Katholiken, skeptische Protestanten, grüne, rote, schwarze Friedensbewegte, Ministerpräsidenten, Bürgermeister hat Frank-Walter Steinmeier zu sich ins Schloss eingeladen, „eine Mischung wie in einem Böll-Roman“, wie er launig bemerkt. Doch mit Verlaub, ein paar Schreiner, Tischler oder Kellner hätten dem Abend gutgetan. Eine solche große Koalition über alle Schichten hinweg wäre dann doch sicher im Sinn des Jubilars gewesen.




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