Stuttgart - So kam ich unter die Deutschen“ – mit diesen Worten beginnt die berühmte Schimpftirade in Hölderlins „Hyperion“ auf die „Barbaren von Alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden“. Es liegt nicht unbedingt nahe, die Würdigung eines Dichters mit dem Zitat eines anderen zu beginnen. Hölderlin und Paul Celan aber sind sich nahe, und nicht nur weil der Zufall runder Daten sie in diesem Jahr miteinander vereint.
„Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends / wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts / wir trinken und trinken / wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng.“ Diese Zeilen aus Celans „Todesfuge“, vielleicht dem bekanntesten deutschsprachigen Gedicht des 20. Jahrhunderts, enthalten die Antwort auf das, was es heißt, unter die Deutschen gefallen zu sein.
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Das Totengedenken an die von den Nationalsozialisten ermordeten Eltern wurde im Land und in der Sprache der Mörder zu einem Schulbuch-Hit. Doch während es demonstrierte, wie nach Auschwitz Gedichte möglich sein könnten, bewies die Wirkungsgeschichte auch wieder das Gegenteil. In der sich aufgeklärt gebenden Gruppe 47 wurde Celan verlacht, sein mündlicher Vortrag mit Goebbels verglichen. Beifall kam von anderer Seite, die in der Kanonisierung des jüdischen Dichters Dispens von der eigenen Schuld erhoffte. Hinter einer hermetischen Ästhetik wurde insgeheim das Konkrete zum Verschwinden gebracht, unter dem die Bildwelten dieser Lyrik zerborsten sind. So wurden Celans Gedichte in nobler unantastbarer Vieldeutigkeit zum idealen Medium, die Bewältigung des Unbewältigbaren in das Absolute der Poesie abzuschieben.
Mit welchen absurden Konsequenzen, konnte man 1988 bei einer Gedenkveranstaltung des Deutschen Bundestags anlässlich des 50. Jahrestags der Reichspogromnacht erfahren, wo nach einer getragenen Rezitation der „Todesfuge“ der damalige Bundestagspräsident Philipp Jenninger die berüchtigte Rede hielt, die später zu seinem Rücktritt führte, in der er sich beflissen in die Gedankenwelt der Mitläufer des Nationalsozialismus einfühlte.
Vergebliche Hoffnung auf ein kommendes Wort
An just jenem 9. November 1938, dessen im Bundestag so unglücklich gedacht wurde, kommt der vor hundert Jahren in Czernowitz als Sohn deutschsprachiger Juden geborene Paul Celan erstmals unter die Deutschen auf der Durchreise nach Frankreich, wo er in Tours ein Medizinstudium aufnehmen will. An seine damalige Freundin Edith Horowitz schreibt er: „Ich fahre nun durch den deutschen Birkenwald. Wie sehr ich mich nach dem Anblick dieser Landschaft gesehnt habe, weißt Du, Edith; doch wenn ich über den Wipfeln der Bäume die dichten Rauchschleier hängen sehe, graut es mir, denn ich frage mich, ob dort wohl Synagogen brennen oder gar Menschen.“
Noch in seinem 1967 verfassten Gedicht „Lila Luft“ wirkt dieses Vorzeichen nach: „Über Krakau / bist du gekommen, am Anhalter / Bahnhof / floß deinen Blicken ein Rauch zu, / der war schon von morgen.“ Dass der „Tod ein Meister aus Deutschland“ ist, hat Celan nicht gehindert, an der deutschen Sprache festzuhalten. Und es waren nicht unbedingt zu antifaschistischen Sozialdemokraten konvertierte ehemalige Wehrmachtssoldaten, von denen er sich am besten verstanden fühlte.
Mit der Hoffnung „auf ein kommendes Wort im Herzen“ reist der Dichter 1967 zu dem Philosophen Martin Heidegger auf dessen Schwarzwaldhütte in Todtnauberg. Ihm sei „derjenige, der an seinen Verfehlungen würgt“, lieber als „patentierte Antinazis wie Böll oder Andersch“, notiert Celan. Doch der einstige Parteigänger der Nazis würgt kein befreiendes Wort aus. Und mittlerweile ist die Deutung der Begegnung zwischen dem jüdischen Überlebenden und dem Meisterphilosophen aus Deutschland ähnlich umfangreich und subtil wie die Exegese der Lyrik – vielleicht auch deshalb, weil das anlässlich des Besuches entstandene Gedicht „Todtnauberg“ die verlässlichste Quelle bildet.
Infame Literaturintrige
War für Hölderlin seine Reise nach Frankreich das Ereignis, das sein Leben in ein Davor und Danach teilte, so ist es für den in Paris lebenden Celan die Plagiatsaffäre, in die er durch die haltlosen Anschuldigungen der Witwe des befreundeten deutsch-französischen Lyrikers Yvan Goll verstrickt wurde. Er habe Gedichte ihres Mannes abgeschrieben. Was längst als infame Literaturintrige zutage liegt, hat Celan nachhaltig erschüttert. Mit einem Mal stand sein Ruf als Dichter infrage, auch weil Teile des deutschen Feuilletons sich allzu bereitwillig die latent antisemitisch getönten Vorwürfe aneigneten.
Der Büchnerpreis, der ihm 1960 zuerkannt wurde, konnte den Schaden nicht mehr gut machen. „Vielleicht darf man sagen, daß jedem Gedicht sein ,20. Jänner‘ eingeschrieben bleibt“, heißt es in der Dankesrede mit Verweis auf Büchners Novelle „Lenz“ und den Jahrestag der Wannseekonferenz, bei der die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen wurde. Zwischen 1960 und 1962 entfremdete Celan sich der Mehrzahl seiner Freunde und zog sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Zusammenbrüche bis hin zu einem Versuch, seine Frau zu töten, führten den seelisch tief Verwundeten immer wieder in die Psychiatrie.
In der Karwoche des Jahres 1970 besuchte er noch einmal Freiburg und den Isenheimer Altar in Colmar. Die letzte öffentliche Lesung Celans vor seinem Freitod in der Seine fand auf einer Tagung der Hölderlin-Gesellschaft in Stuttgart statt, einen Tag nach Hölderlins 200. Geburtstag. Kurz vor seinem Tod hat er noch in einer Hölderlin-Biografie gelesen. Ein Satz ist unterstrichen, wo die Lektüre abbrach: „Manchmal wird dieser Genius dunkel und versinkt in den bitteren Brunnen seines Herzens.“
Neue Bücher über Paul Celan
Helmut Böttiger: Celans Zerrissenheit. Ein jüdischer Dichter und der deutsche Geist. Galiani-Verlag, 208 Seiten, 20 Euro.
Thomas Sparr: Todesfuge. Biographie eines Gedichts. Deutsche Verlags-Anstalt, 336 Seiten, 22 Euro.
Wolfgang Emmerich: Nahe Fremde. Paul Celan und die Deutschen. Wallstein-Verlag, 400 Seiten, 24 Euro.