Henry Kissinger wird an diesem Samstag zwar 100 Jahre alt, doch der große alte Staatsmann hat sich noch lange nicht von der öffentlichen Bühne zurückgezogen. Beinahe im Jahrestakt schreibt er ein Buch, zuletzt erschien 2022 seine 500 Seiten langen diplomatischen Memoiren. Noch immer mischt er sich leidenschaftlich in das Weltgeschehen ein. Rund um seinen Geburtstag gibt er unermüdlich Interviews, auch wenn Kissinger seit seiner Zeit als US-Außenminister vor rund 50 Jahren ein eher kompliziertes Verhältnis zur Presse hat. Er will, dass man hört, was er zu den großen Themen der Zeit zu sagen hat. Zum Verhältnis zwischen den USA und China, das er seinerzeit als Diplomat entscheidend geprägt hat, beispielsweise oder zur russischen Besetzung der Ukraine und der geopolitischen Lage in Mitteleuropa.
Schwere Vorwürfe gegen Kissinger
Bei beiden Themen ist sich Kissinger bis heute treu geblieben. Kissinger ist noch immer der „Realpolitiker“, als der er seine Karriere in den 60er Jahren begann. Er steht dafür, Interessen und Ziele zu formulieren und pragmatisch das Machbare zu verfolgen. Würde er mit Chinas Staatschef Xi Jinping zusammensitzen, so sagte er jüngst dem „Economist“, würde er ihm sagen: „Schauen Sie, die beiden größten Sicherheitsrisiken unserer Zeit sind Sie und wir.“ Damit wäre erst einmal ein gemeinsamer Ausgangspunkt formuliert. Was Putin angeht, spricht sich Kissinger seit Langem dafür aus, Russland territoriale Zugeständnisse in der Ukraine zu machen, um so schnell wie möglich Frieden zu schaffen. Eine Position, für die Kissinger sich nicht nur in den USA harsche Kritik gefallen lassen muss. Das Magazin „New Yorker“ schrieb etwa in einem Porträt im Jahr 2020, betitelt als „Der Mythos von Henry Kissinger“, dass dieser seine Ideale dem Pragmatismus bis zu einem Punkt unterordne, an dem „die Ideale unkenntlich werden“. Als Beleg dafür führt der Artikel unter anderem Kissingers provokative Aussage an, dass, „wenn Juden in der Sowjetunion in Öfen wandern“, das kein Problem von nationalem Interesse für die USA sei – bestenfalls von humanitärem Belang.
So steht Henry Kissinger in Augen der Linken für die Skrupellosigkeit eines US-Imperialismus, der sich von seinen Idealen gelöst hat. Mit Leuten wie Kissinger, so heißt es, sei das weltweite Machtstreben der USA zum Selbstzweck geworden. Die Verbreitung von Menschenrechten und Demokratie seien für ihn zu Feigenblättern verkommen.
Die Liste der Vorwürfe ist lang. Da ist natürlich zuvorderst die Flächenbombardements von Kambodscha zwischen den Jahren 1969 und 1973, dem rund 100 000 Zivilisten zum Opfer fielen. Die USA wollten Nordvietnam zu Zugeständnissen am Verhandlungstisch zwingen, damit man aus Vietnam herauskomme, ohne das Gesicht zu verlieren. Letztlich sei es Kissinger vor allem um die politische Karriere seines Chefs, US-Präsident Richard Nixon, gegangen.
Vorwürfe des jungen Biden
Weiterhin führen linke Kritiker die Unterstützung des pakistanischen Präsidenten Yahya Khan an, der für den Genozid an der bangladeschischen Bevölkerung von Bengalen verantwortlich war. Ziel damals sei gewesen, gegenüber der Sowjetunion Härte zu demonstrieren. Aus dem gleichen Grund habe Kissinger den Genozid des indonesischen Präsidenten Suharto in Osttimor gebilligt. Der damals junge demokratische Senator Joe Biden bezichtigte seinerzeit Henry Kissinger, eine „globale Monroe-Doktrin“ zu verfolgen. Die Doktrin, im Jahr 1823 vom Präsidenten James Monroe artikuliert, legitimierte die USA, die gesamte westliche Hemisphäre als ihre Einflusssphäre zu betrachten und diese mit allen Mittel zu verteidigen. Nixon und Kissinger, so Biden, hätten dieses Prinzip auf die ganze Welt ausgedehnt.
Allende gestürzt
Die Philosophie wurde nirgends so deutlich wie bei der Rolle der Nixon-Regierung beim Sturz des chilenischen Präsidenten Salvador Allende. Kissinger rechtfertigte sich damals mit den Worten: „Wir können nicht still sitzen, wenn ein Land wegen der Verantwortungslosigkeit seiner eigenen Bevölkerung kommunistisch wird.“ Dass auf Allende der rechtsextreme General Pinochet folgte, nahm Kissinger in Kauf.
Kissingers Prinzip der weltweiten Sicherung amerikanischen Einflusses hatte jedoch nicht nur negative Konsequenzen. Auch sein größter diplomatischer Erfolg geht zuletzt auf diese Politik zurück: die Sicherung des Friedens im Nahen Osten. Kissinger brachte Israel, Syrien und Ägypten dazu, sich auf einen stabilen Interessenausgleich zu einigen. Diese „Kissinger’sche Ordnung“ der Region schaffte gut 30 Jahre lang Stabilität, wirkt bis heute nach – und sicherte die Dominanz der USA im Nahen Osten.
Chance der Menschheit auf Frieden, Freiheit und Demokratie
„Für Kissinger stand nie die globale Mission Amerikas in Zweifel“, schreibt der „New Yorker“. Eine Tatsache, die sich leicht aus seiner Biografie erklärt: Kissinger wurde 1923 im fränkischen Fürth geboren, seine Familie floh kurz vor der Pogromnacht 1938 nach New York. 1942, mit 19, wurde Kissinger dann in die US-Armee eingezogen und landete fünf Monate nach dem D-Day mit der 84. Infanteriedivision in der Normandie. Kissinger kämpfte in Holland und Belgien gegen die Nazis und war dabei, als das KZ von Hannover-Ahlem befreit wurde. Zur Weltmacht Amerika als Kraft des Guten in der Welt gab es für den jungen Kissinger keine Alternative. Amerika war für ihn unverrückbar die einzige Chance der Menschheit auf Frieden, Freiheit und Demokratie. Fortan beschäftigte er sich schier besessen damit, wie die USA in der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg diese Rolle ausfüllen können. Seine Dissertation an der Harvard-Universität schrieb Kissinger über den Wiener Kongress und die europäische Neuordnung im 19. Jahrhundert. Darin machte er sich explizit den Prinzen von Metternich zum Vorbild, auch wenn er ihn letztlich als nicht ausreichend zupackend und entschlossen kritisierte.
Aura der Unantastbarkeit – trotz Nixon
Seine Berufslaufbahn begann Kissinger als Akademiker, öffentlicher Intellektueller und als Außen- und Sicherheitsberater verschiedener Präsidentschaftskandidaten. Doch konnte er es kaum erwarten, selbst in die Rolle des modernen Metternich zu schlüpfen. So zögerte er auch nicht, sich Richard Nixon als Sicherheitsberater anzubieten, obwohl er noch kurz zuvor Nixon „gefährlich“ genannt und dessen Rivalen Nelson Rockefeller unterstützt hatte. Kissingers Chef Richard Nixon musste schließlich wegen des Watergate-Skandals zurücktreten und ging als einer der problematischsten Präsidenten in die US-Geschichte ein. Nixon wird mit dem Vietnam-Debakel sowie mit politischer Korruption gleichgesetzt. Kissingers Reputation als großem Staatsmann konnte das jedoch verblüffenderweise nichts anhaben – obwohl er sowohl an der Vietnam-Politik als auch nachweislich an Watergate beteiligt war.
Wie Kissinger es schaffte, sich eine Aura der Unantastbarkeit anzueignen, ist Gegenstand vieler Würdigungen anlässlich seines Geburtstags. Kissingers Biograf Barry Gewen erklärt: Neben allem anderen war Kissinger begabt darin, sein Image zu pflegen. Kissinger gab sich so überzeugend als welthistorische Figur, dass ihm das sowohl seine Anhänger als auch seine Kritiker abnahmen.
Die berüchtigte Liste Kissingers
Der Zauber wirkt bis heute. Sowohl Barack Obama als auch Donald Trump beriefen sich auf Kissinger, wenn es darum ging, außenpolitische Entscheidungen zu rechtfertigen. Und bis vor Kurzem hatte Kissinger Wladimir Putin auf seiner Kurzwahlliste. Die Kundenliste von Kissingers politscher Beratungsfirma ist eines der am besten gehüteten Geheimnisse der Welt. Man vermutet, dass es kaum einen Mächtigen gibt, der nicht mit Kissinger spricht. Noch vor zehn Jahren trat er als Vorsitzender der Untersuchungskommission zum 11. September zurück, weil man von ihm verlangte, die berüchtigte Liste zu veröffentlichen.
Auch jetzt wieder, zu seinem Ehrentag, stehen die großen Publikationen der Welt Schlange, um aus seinem Mund kluge Worte zur Lage der Welt zu hören.