100 Jahre Bauhaus Design für eine bessere Welt

Walter Gropius baute 1925/26 in Dessau das wegweisende Hochschulgebäude. Foto: dpa-Zentralbild

Die Künstlerinnen und Künstler wurden immer wieder vertrieben – und Jahrzehnte lang interessierte sich niemand für das Bauhaus. Höchste Zeit, sich an die legendären Ideen zu erinnern, die unser Leben bis heute verschönern, meint unsere Autorin Adrienne Braun.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Stuttgart - Um es gleich vorneweg zu sagen: Mit dem Bauhaus, das in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag feiert, ist nicht der Baumarkt gemeint. Im Bauhaus wurde zwar auch geschraubt, gebohrt, gehämmert, in der Holzwerkstatt gesägt und in der Metallabteilung gefräst, aber mit hehrem Ziel: Die Künstlerinnen und Künstler wollten mit ihren Produkten die Welt humaner gestalten. Sie ahnten nicht, dass sie damit die wohl einflussreichste künstlerische Bewegung aller Zeiten begründeten. Das Bauhaus ist eine Erfolgsgeschichte, die bis heute nachwirkt – auf der gesamten Welt.

 

Wer das nicht glauben mag, muss nur aufmerksam durch Möbelhäuser, Teppichgeschäfte oder Haushaltswarenläden gehen. Allüberall stolpert man über das, was am Bauhaus erdacht und entwickelt wurde. Die Lampen, Teekannen oder Freischwinger aus den Bauhaus-Werkstätten sind heute teure Designklassiker. Die Bauhaus-Ästhetik lässt sich auch an aktuellen Teppichmustern und Stoffdessins ablesen, an Geschirr und Möbeln. Besonders prägend war aber die Bauhaus-Architektur, die dezidiert das Wohl der Menschen im Blick hatte – mit Balkonen, um frische Luft zu atmen, und Räumen für gymnastische Übungen. Das Neue Bauen, das sich besonders gut an derStuttgarter Weißenhofsiedlung ablesen lässt, war lichtdurchflutet und funktional – Maßgaben, die beim Wohnen längst niemand mehr missen will.

Schluss mit Plüsch und Plunder

Die Künstlerinnen und Künstler, die an das 1919 gegründete Bauhaus in Weimar kamen, wollten Schluss machen mit Plüsch und Plunder, sie wollten eine moderne Lebenswelt gestalten mit Stühlen, an denen man sich keinen Bruch hebt, mit Spielzeug, das die Fantasie anregt. Man wollte Kunst und Handwerk zusammenbringen und nah an der Bevölkerung sein, weshalb man auch Türklinken oder Tee-Eier entwarf. Am Bauhaus wurden spielerisch Grenzen ausgereizt, wurde experimentiert und ausprobiert. Als einmal die Kantine ausgemalt werden sollte, schleuderten die Studenten übermütig farbgetränkte Schwämme in die Ecken – und entdeckten en passant neue Gestaltungsmöglichkeiten.

„Die Welt neu denken“ lautet entsprechend die Überschrift des Jubiläumsprogramms, das am 16. Januar in Berlin mit einem Festival eingeläutet wird und dessen Höhepunkt im April die Eröffnung des neuen Bauhaus-Museums in Weimar ist. Sechs Jahre lang war das Versuchslabor für eine neue Gesellschaft an seinem Geburtsort Weimar angesiedelt – bis die Künstler von den Nationalsozialisten vertrieben wurden. In Dessau empfing man sie mit offenen Armen, das Bauhaus-Schulgebäude und die legendären Meisterhäuser entstanden, aber auch dort schritten die Nazis schließlich ein. Die Künstler zogen weiter nach Berlin, wo das Bauhaus 1933 endgültig zur Selbstaufgabe gezwungen wurde.

Im Ausland lebte das aus Deutschland vertriebenen Bauhaus weiter

Viele Bauhaus-Künstler gingen in die USA ins Exil und entwickelten die Ideen weiter unter dem Titel „Modern Style“. Jüdische Architekten, die den Holocaust überlebten, bauten in Tel Aviv die Weiße Stadt im Bauhaus-Stil auf. So wurde das Bauhaus endgültig zu einer internationalen Bewegung, von der man in Deutschland nicht mehr viel wissen wollte. Nach dem Krieg wurde in Ulm die Hochschule für Gestaltung gegründet, die sich aber bald vom Bauhaus-Programm lossagte.

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis man sich bewusst wurde, dass diese weltweit so erfolgreiche künstlerische Bewegung von Deutschland ausging und man ein grandioses Erbe besitzt, das man pflegen sollte. Deshalb sind hundert Jahre Bauhaus nicht irgendein Jubiläum. Die Ausstellungen und Veranstaltungen sind auch eine Art Wiedergutmachung für jahrelange Ignoranz – und ein Anlass, dieses künstlerische Konzept zu feiern, das den Widerständen trotzte und bis heute unser Leben an vielen Stellen bereichert.

Weitere Themen