100 Jahre Bibliothek für Zeitgeschichte Vom Propagandablatt bis zum Anti-AKW-Aufkleber

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Die Bibliothek für Zeitgeschichte in Stuttgart sammelt nicht nur Bücher, sondern auch Flugblätter, Fotos, Aufkleber und Lebensmittelmarken. Jetzt feiert sie ihr 100-jähriges Bestehen mit einer Ausstellung in der Landesbibliothek.

Bibliotheksleiter Christian Westerhoff  präsentiert in der am Donnerstag eröffneten Ausstellung die neue Festschrift zum 100. Jubiläum. Foto: Lg/Zweygarth
Bibliotheksleiter Christian Westerhoff präsentiert in der am Donnerstag eröffneten Ausstellung die neue Festschrift zum 100. Jubiläum. Foto: Lg/Zweygarth

Stuttgart - In einer Bibliothek erwartet man vor allem Bücher, aber die sind in der Bibliothek für Zeitgeschichte (BfZ) beinahe Nebensache. Vielmehr sammelt die Einrichtung seit nunmehr 100 Jahren auch Plakate, Fotos, Flugblätter, Aufkleber, Briefe, Tagebücher und Lebensmittelmarken. Aber nicht nur das macht die BfZ so besonders: Sie hat sich seit 1915 immer wieder neuen Spezialgebieten zugewandt, die es so kaum woanders gibt. Am Donnerstagabend ist in der Landesbibliothek, wohin die BfZ eingegliedert worden ist, eine Ausstellung über die Bibliothek und ihre Spezialsammlungen eröffnet worden.

Dass die Bibliothek mitten im Ersten Weltkrieg gegründet worden ist, beruht nicht auf einem Zufall, sondern der Krieg war selbst die Ursache für die Entstehung. Man hatte damals den Eindruck, dass etwas Großes vor sich ging, dass ein neuer Zeitabschnitt beginne – und dass die Propaganda und der „Krieg der Worte“ eine wichtige Bedeutung erlangten. Dies wollte man dokumentieren, und so seien in Deutschland 200 solcher Sammlungen entstanden, sagt Christian Westerhoff, der heutige Leiter der BfZ. Folgerichtig hieß die Stuttgarter Einrichtung zunächst „Weltkriegsbücherei“; dies blieb bis 1948 so. Es war der Ludwigsburger Unternehmer Richard Franck (Stichwort: Zichorienkaffee), der die Stuttgarter Sammlung initiierte und finanzierte.

Sammlung war lange im Schloss Rosenstein untergebracht

Da Francks Unternehmen international tätig war, konnte schon während des Krieges auch ausländische Literatur gekauft und eingegliedert werden, und weitsichtig wurden schon Plakate als gewichtige Form der Propaganda aufbewahrt; auch das macht den Bestand besonders.

Im Jahr 1920 zog die Bücherei von Berlin nach Stuttgart, ins Schloss Rosenstein, wo sie bis zur Ausbombung 1944 blieb. Christian Westerhoff und seine Kollegen sind jetzt für das Jubiläum in die Archive gegangen und haben neue Erkenntnisse gewonnen; aus diesem Grund gibt es zur Ausstellung keinen normalen Katalog, sondern eine Festschrift mit wissenschaftlichen Aufsätzen. Eine der neuen Erkenntnisse: ganz so unabhängig vom Nazi-Regime wie bisher behauptet war die Weltkriegsbücherei nicht; ein neu aufgefundenes Dokument beweist, dass sich einmal sogar Adolf Hitler persönlich eingemischt hat, um einen neuen Schirmherrn zu bestimmen.

Nach dem Krieg haben sich die Sammlungsschwerpunkte immer wieder verändert; das hing teils mit den Vorlieben der Leiter der Bibliothek für Zeitgeschichte zusammen. Erwin Weis (Leiter bis 1959) stellte den Zweiten Weltkrieg und den Kalten Krieg in den Mittelpunkt. Jürgen Rohwer (Leiter von 1959 bis 1989) hatte ein Faible für die Marinegeschichte. In seiner Zeit wurden allein zu diesem Schwerpunkt 500 000 Fotos gesammelt. Zudem hat er eine Datenbank aufgebaut, in der alle Schüsse, die U-Boote der Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg abgegeben haben, erfasst sind. Diese mittlerweile digitalisierte Datenbank sei die am häufigsten im Netz genutzte Sammlung der Landesbibliothek überhaupt, sagt Christian Westerhoff.

Flugblätter und Aufkleber werden zum Forschungsobjekt

Und Rohwer hat 1972 ein weiteres Gebiet erschlossen: die sozialen Bewegungen. Im Nachgang zu den wilden 1968er Jahren sammelte die BfZ Flugblätter und Broschüren von Amnesty International, AKW-Gruppen oder der Friedensbewegung, die nie in den Buchhandel gelangten, aber dennoch wichtige Zeitdokumente sind. Dafür wurden Studenten engagiert, die in Deutschland Materialien etwa an den Unicafés einpackten.

Gerhard Hirschfeld, der die BfZ von 1989 bis 2011 leitete, brachte eine neue Perspektive mit – ihn interessierte, wie die Menschen die Kriege durchlitten haben. So wurde eine Sammlung mit 25 000 Feldpostbriefen angekauft. Der jetzige Leiter Christian Westerhoff besitzt ebenfalls schon einen Arbeitsschwerpunkt: Es gelte jetzt, möglichst viele Bücher, Plakate und Fotos digital den weltweit Interessierten zur Verfügung zu stellen, sagt er. Vieles steht bereits im Netz.

Und, nun gut, ganz so nebensächlich sind die Bücher auch in der BfZ nicht: Zum Bestand gehören immerhin 390 000 Bände. Die Ausstellung ist bis zum 5. März 2016 zu den üblichen Zeiten in der Württembergischen Landesbibliothek zu sehen.

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