100 Jahre Boeing Fliegende Kisten und Super-Jets

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In diesem Jahr feiert der US-Flugzeugbauer Boeing sein 100. Firmenjubiläum. Am 15. Juli 1916 hob erstmals ein von Firmengründer William Edward Boing gebauter und gesteuerter Flieger vom Boden ab.

Der Traum vom Fliegen: Eine Boeing 747 Jumbo-Jet am Himmel über Berlin. Foto: dapd 31 Bilder
Der Traum vom Fliegen: Eine Boeing 747 Jumbo-Jet am Himmel über Berlin. Foto: dapd

Stuttgart - 15. Juli 1916. Lake Union bei Seattle, der größten Stadt an der Nordwestküste der USA. William Edward Boeing quetscht sich in das enge Cockpit hinter den Steuerknüppel seiner B & W Seaplane. Der 35-jährige Bootsbauer hat das Schwimmflugzeug zusammen mit dem Luftfahrttechniker Conrad Westervelt in einem kleinen Bootshaus am See konstruiert und aus Holz, Leinen und Draht zusammengebastelt. Nun will er es zum ersten Mal in die Luft bringen.

Boeings Vater stammt aus Deutschland

Nachdem Westervelt aus dem gemeinsamen Unternehmen ausgeschieden ist, macht Boeing alleine weiter. Konstruktionskenntnisse hat er im Holzverarbeitungsbetrieb seines Vaters, einem deutschstämmigen Bergbauingenieur, erworben. 1868 war der 22-jährige Wilhelm Böing mit seiner Frau Marie Ortmann aus Limburg an der Lenne (heute Hagen-Hohenlimburg) nach Detroit ausgewandert und hatte im Bauholzhandel ein Vermögen gemacht. Am 1. Oktober 1881 wird sein Sohn Wilhelm Eduard geboren.

1890 stirbt der Vater mit 44 Jahren. Mit 13 wird Wilhelm Eduard auf ein Schweizer Internat geschickt. 1900 kehrt er in die USA zurück, ändert seinen Namen in William Edward Boeing und beginnt ein Studium in Yale. 1903 verlässt er die Elite-Universität ohne Abschluss, um im Betrieb seines verstorbenen Vaters zu arbeiten. Als Boeing bei der Alaska-Yukon-Pacific-Messe 1909 in Seattle – inzwischen ist er Chef eines innovativen Bootsbauers – zum ersten Mal ein bemanntes Flugzeug gesehen hat, lässt ihn die Fliegerei fortan nicht mehr los.

In Europa tobt der Luftkrieg

Zurück zum 15. Juli 1916: Während Boeing ein paar friedliche Runden am See dreht, tobt in Europa der große Krieg. An diesem 15. Juli werden beim ersten Luftangriff auf Karlsruhe 50 Menschen getötet. Bereits am 5. Oktober 1914 war eine deutsche Aviatik-Aufklärungsmaschine einer französischen Voisin im ersten Luftkampf der Geschichte zum Opfer gefallen. In der Nacht vom 9. auf den 10. August 1914 griffen französische Flieger Trier als erste deutsche Stadt an und werfen Bomben ab, ohne großen Schaden anzurichten.

William Edward Boeing weiß davon nichts. Er will Flugzeuge bauen und fliegen. Was er nicht ahnt: Der Kurztrip in seiner fliegenden Kiste wird zur Geburtsstunde des größten Luftfahrtkonzerns der Welt. Gerade mal 13 Jahre ist es her, dass den Brüder Orville und Wilbur Wright am 17. Dezember 1903 mit der zwölf PS starken „Kitty Hawk“ der erste erfolgreiche Motorflug der Geschichte gelang. Orville Wright war zwölf Sekunden lang in der Luft und flog 37 Meter weit.

Geburtsstunde der Boeing Airplane Company

William Boeings „Bluebird“ getaufter Erstling ist da von ganz anderem Kaliber. Der Doppeldecker hat einen Reihenmotor, der 125 PS leistet und bis zu 121 Stundenkilometer fliegt. Boeing hofft Aufträge von der Regierung zu bekommen. In Europa tobt seit fast zwei Jahren der Erste Weltkrieg.

Die Entente und die Mittelmächte verfügen jeweils über hunderte moderne Maschinen, während die Aeronautical Divison der U.S. Army gerade mal 23 veraltete Flieger in ihren Hangers stehen hat. Wollen die USA nicht den Anschluss an die technologische Entwicklung verpassen, müssen sie schleunigst aufrüsten.

So lange will Boeing nicht warten. Wenige Wochen nach dem Erstflug der „Bluebird“ gründet er die Pacific Aero Products Company, die er 1917 in Boing Airplane Company umbenennt. Als die USA am 6. April 1917 dem Deutschen Reich den Krieg erklären, muss alles ganz schnell gehen. Die Navy ordert 50 Flugzeuge zu Trainingszwecken bei Boeing, dessen Mini-Firma rasch expandiert.

Neue Geschäftsfelder

Nachdem Deutschland am 11. November 1918 kapituliert und die Unterhändler in Versailles den Friedensvertrag parafieren, brechen den Flugzeugbauern die Aufträge weg. Auch Boeing sucht nach neuen Geschäftsfeldern und findet sie im Post-, Fracht- und Passagierflugverkehr. Am 3. März 1919 transportiert er zusammen mit dem wieder zurückgekehrten Westervelt die erste Luftpost zwischen den USA und Kanada.

Nun geht es Schlag auf Schlag. 1927 gründet Boeing seine eigene Fluglinie. Er selbst sitzt am Steuer der von ihm konstruierten Boeing Model 40. 1929 fusioniert der Deutsch-Amerikaner mit dem Triebwerkhersteller Pratt & Whitney und anderen Flugzeugherstellern zur United Aircraft and Transport Cooperation.

Zerschlagung des Monopolisten

Als Folge des Luftpost-Skandal (eine Korruptionsaffäre in den USA, ausgelöst durch Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Luftpostverträgen) wird der Monopolist 1934 von der amerikanischen Regierung in drei separate Großfirmen zerschlagen: Boeing Airplane Company (bis heute größter Flugzeughersteller der Welt), United Aircraft Company (heute United Technologies Corporation, einer der bedeutendsten Hightech-Konzerne der USA) und United Air Lines (größte Fluggesellschaft der Welt).

Verbittert zieht sich Firmengründer Boeing vom Flugzeugbau zurück und widmet sich dem Holzgeschäft und der Pferdezucht. Den Aufstieg seines Konzerns zum größten Hersteller von Zivil- und Militärflugzeugen erlebt er nur noch als Berater während des Zweiten Weltkriegs und als Ehrengast bei feierlichen Anlässen. William Edward Boeing stirbt am 28. September 1956 an einem Herzinfarkt an Bord seines Schiffes Taconite .