100 Jahre Leica Augenblick im Fokus
Im hessischen Wetzlar tüftelt ein Feinmechaniker vor 100 Jahren an der ersten Kleinbildkamera. Die Leica ist nicht nur eine technische Revolution, sie erlaubt einen ganz anderen Blick auf die Welt.
Im hessischen Wetzlar tüftelt ein Feinmechaniker vor 100 Jahren an der ersten Kleinbildkamera. Die Leica ist nicht nur eine technische Revolution, sie erlaubt einen ganz anderen Blick auf die Welt.
Robert Capas „Loyalistischer Soldat im Moment des Todes“, Hammer und Sichel über dem Reichstag, der küssende Matrose vom Times Square, Che Guevara als „Guerrillero Heroico“. Vier Ikonen der Fotografie, alle vier aufgenommen mit einer Leica. „Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran“, hatte Capa als goldene Regel ausgegeben – und die vor 100 Jahren im hessischen Wetzlar entwickelte Leitz-Camera, kurz Leica, macht genau das möglich.
Die erste Kleinbildkamera der Welt, gerade mal 425 Gramm schwer, ist eine Revolution: technisch, ästhetisch, kulturell. Erlaubt sie durch ihre einfache Handhabung und die kurze Belichtungszeit doch eine ganz neue Wahrnehmung der Welt. Die Leica erfasst den Moment, die Dynamik des Augenblicks, zeigt das echte Leben in einer sich rasant wandelnden Zeit statt sorgfältig ausgeleuchteter Inszenierungen.
Der Schnappschuss ist geboren. „Die Leica mit ihren Möglichkeiten, schnell zu agieren und zu reagieren, das war für mich wie der Bleistift des Schriftstellers. Diese Kamera erlaubte mir, Geschichten zu erzählen“, schwärmte der italienische Fotograf Gianni Berengo Gardin.
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Auch der als „Jahrhundertauge“ gefeierte Fotograf, Regisseur und Maler Henri Cartier-Bresson kommt nie von der Leitz-Camera los. „Jeder Versuch in eine andere Richtung hat mich zu ihr zurückgebracht. Ich sage nicht, dass das für einen anderen auch gelten muss. Für mich ist sie nun einmal die einzige Kamera, die infrage kommt.“
Anfang des 20. Jahrhunderts ist die Fotografie eine schweißtreibende Angelegenheit. Die Kameras sind klobig und schwer. Zu schwer für den fotobegeisterten, aber asthmakranken Oskar Barnack. Der Feinmechaniker arbeitet für die Ernst-Leitz-Werke in Wetzlar, die auf Mikroskope und Ferngläser spezialisiert sind, doch der Gedanke an eine handliche Kamera lässt ihn nicht los.
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Im März 1914 stellt Barnack einen Prototyp fertig, die Ur-Leica, in Barnacks Aufzeichnungen „Liliput“ genannt. Fünf Monate später bricht der Erste Weltkrieg aus, fortan werden Feldstecher und Scherenfernrohre gebraucht, das Projekt „Liliput“ muss warten.
Anfang der 20er Jahre macht Barnack weiter: 1923 entsteht die sogenannte Null-Serie, ein Jahr später entschließt sich Firmeninhaber Ernst Leitz II, Barnacks Apparat in Serie zu produzieren. Die Voraussetzungen sind denkbar ungünstig, die Bedenken der Entscheidungsträger groß: In Deutschland herrschen Inflation und Massenarbeitslosigkeit, die Firma steht vor dem Ruin, und die Rettung soll ausgerechnet dieses „Spielzeug“ bringen? „Ich entscheide hiermit. Es wird riskiert“, verkündet Leitz II in der entscheidenden Sitzung im Juni 1924.
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„Es gibt viele, die nur festhalten wollen, was sie gerade sehen. Dazu braucht es eine Kamera, die im Moment zur Hand und bereit ist. Die gibt es noch nicht, diese hier wird es sein“, davon ist Barnack überzeugt – und behält recht. Im März 1925 wird die Leica I auf der Leipziger Frühlingsmesse vorgestellt und schnell zur Erfolgsgeschichte.
Sie verfügt über ein 50-Millimeter-Objektiv, erlaubt 36 Aufnahmen in schneller Folge und passt in jede Jackentasche. Als Negativ dient ein relativ billiger 35-Millimeter-Kinofilm. Allerdings lässt Barnack ihn horizontal statt vertikal durch die Kamera laufen, sodass er das Format auf 24 mal 36 Millimeter verdoppeln kann.
Vier Jahre später kommt die erste Leica mit Wechselgewinde auf den Markt, 1932 die Leica II mit gekuppeltem Entfernungsmesser zum exakten Fokussieren. Eine Aufgabe, die heute der Autofokus übernimmt, ebenfalls eine Erfindung von Leica. Auch die M-Serie – ab 1954 erhältlich, samt Leuchtrahmenmesssucher und Objektivschnellwechselbajonett – avanciert zum Liebling von Reportern und Fotografen.
Das Bild des Polizeichefs von Saigon, der einen Vietcong auf offener Straße erschießt, wird mit einer Leica aufgenommen, genau wie das Foto des Napalmmädchens auf der Straße nach Trang Bang. Die Macht der Bilder ist endgültig zu einem Faktor geworden, auch dank der Leica, die es schafft, Emotionen auf Fotopapier zu bannen.
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Dass die ikonenhaften Fotos der 80er, 90er und Nullerjahre eher mit Kameras der japanischen Konkurrenz geschossen werden, ist kein Zufall. Den Beginn der digitalen Fotografie verschläft Leica komplett, 2004 steht die Firma vor der Pleite.
Ihr Name und ihr guter Ruf retten sie – und der Waldorf-Lehrer Andreas Kaufmann, der sich, von einer Tante reich bedacht, mit seinem Erbe in die kränkelnde Premium-Marke einkauft. 2011 gelingt der Leica Camera AG der „Turnaround“ mit einem Rekordumsatz von 248,8 Millionen Euro, wie es in der Firmengeschichte heißt. Profis und Liebhaber greifen bis heute zur Leica.
So nah rangehen wie Capa sollte man aber nicht. Der tritt 1954 in Vietnam auf eine Landmine. Um den Hals eine Nikon.
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