Auf Gendarm Zeller kommen düstere Gestalten zu. Sie tragen Dreispitz-Strohhüte, die mit Schneckenhäuschen besetzt sind, an den Spitzen befinden sich Wollbollen. Zeller ist nicht verkleidet. Uniform und Schusswaffe sind echt. Diesmal entscheidet er sich zum taktischen Rückzug, aber nur, um zwei Tage später mit Verstärkung zurückzukehren. Denn was die Männer da tun, ist strikt verboten. Und siehe da: Der Polizeitrupp aus Waldkirch platzt mitten in einen Umzug. Diesmal weichen die Narren zurück. Statt Glückseligkeit herrscht Empörung.
Der Showdown, der sich im Jahr 1920 vor dem Elzacher Rathaus ereignet hat, ist als Revolutionsfasnacht in die Geschichte eingegangen. Und er dürfte ein wesentlicher Anstoß gewesen sein zur Gründung eines Verbandes, der im kommenden Jahr 100. Geburtstag feiert. Die Initiative ging damals von der Villinger Narrozunft aus. Denn das Fasnachtsverbot galt in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg im gesamten Südwesten und wurde nur sehr langsam gelockert. Die Narretei passe nicht in die schwere Zeit, hieß es. Zudem fürchteten Vertreter der noch sehr jungen Demokratie das umstürzlerische Element der Fasnacht.
Rückhalt gegenüber der Regierung
Doch das wollten die Narrenvertreter aus 13 Fasnachtshochburgen, die sich am 16. November 1924 in Villingen trafen und den „Gauverband badisch-württembergischer althistorischer Narrenzünfte“ aus der Taufe hoben, nicht länger hinnehmen. Die Gründung der Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte (VSAN), wie sie bald schon hieß, sei „in heutiger Zeit notwendig, um namentlich gegenüber der Regierung einen größeren Rückhalt zu haben“, hieß es. Die erste Bewährungsprobe kam kurz darauf, als das badische Innenministerium in Offenburg und Gengenbach das Fasnachtstreiben unterbinden wollte. Erst auf Intervention des Verbandes kam es zur Erlaubnis. Und noch 1929 habe „die evangelische Seite den letzten Verbotsantrag eingereicht“, sagt der heutige VSAN-Präsident Roland Wehrle.
Schon im Gründungsjahr fand das erste Narrentreffen statt. Erstmals konnten die Gesellschaften über den eigenen Ortssetter hinaus blicken. Die Treffen wurden zu einer Leistungsschau der Fasnacht, avancierten seit den 1990er Jahren sogar zum TV-Ereignis, lösten aber auch innernärrische Diskussionen aus. Sie seien inflationär, zudem würden sie zu viele traditionslose Neugründungen berücksichtigen. All das führte gar zu prominenten Austritten. Die Narrenorthodoxie aus Rottweil, Überlingen, Elzach und Oberndorf trifft sich seither nur allein und alle vier Jahre. Auch die Villinger Narrozunft, einst Initiatorin des Zusammenschlusses, verabschiedete sich wieder.
Die Leute wollen wieder lachen
Es gehe darum, so wurde es in der ersten Satzung formuliert, „dem deutschen Michel wieder das frohe Lachen beizubringen“. Doch dieser Satz wird dem Ernst der schwäbisch-alemannischen Fasnet nicht ganz gerecht. Von Anfang an wollte man sich vom rheinischen Karneval abgrenzen, obwohl man dessen fröhlichem Neustart im 19. Jahrhundert das eigene Überleben verdankte. Die schwäbisch-alemannische Fasnacht sei um 1800 nämlich so gut wie tot gewesen, sagt der Rottweiler Narr und Freiburger Volkskundeprofessor Werner Mezger. Nun aber ahmte man den Karneval nach und besann sich dann auf die eigene Tradition und belebte die mittelalterlichen Bräuche wieder.
Für Mezger ist das ein Glück, wie sich nach 1933 gezeigt habe. Denn im Gegensatz zum Karneval, wo Büttenreden und Motivwägen auf nationalsozialistische Ideologietreue getrimmt wurden, habe sich die urwüchsige schwäbisch-alemannische Fasnet viel schwerer vom neuen Regime vereinnahmen lassen. Antisemitische Entgleisungen habe es gegeben, aber nur vereinzelt. „Die VSAN hat sich erfolgreich der kulturellen Gleichschaltung entzogen“, sagt Mezger. Die erst verschleppte und dann unter Zwang erfolgte Aufnahme in den „Bund deutscher Karneval“ habe wegen des dann beginnenden Krieges keine Bedeutung mehr entfaltet.
Rückgriff auf völkisch-heidnische Mythen
Andere Historiker sehen es etwas kritischer. „Auch die schwäbisch-alemannische Fasnacht wurde vom Nationalsozialismus instrumentalisiert, aber eben anders“, sagt der Konstanzer Museumschef Tobias Engelsing. Schon vor 1933 habe es eine starke Strömung gegeben, die die Fasnacht als Ausdruck völkisch-heidnischer Mythen deutete. Dass der Winter ausgetrieben werde, finde sich heute noch auf jeder zweiten Homepage der Narrenzünfte. Eine Aufarbeitung der Zeit habe ohnehin nicht stattgefunden. Wie die Zünfte mit jüdischen Mitgliedern umgingen, sei unerforscht. „Dafür müsste man in die Vereinsarchive gehen“, sagt Engelsing.
Richtig ist, dass der während des Nationalsozialismus offiziell zum „Narrenführer“ umfirmierte Präsident Albert Fischer nach dem Krieg als offiziell „Unbelasteter“ weitermachen konnte. Die VSAN wuchs auf 68 Mitgliedszünfte an. Heute spricht er für 70 000 aktive Narren und gilt als älteste und einflussreichste Fasnachtsvereinigung im Land. Der heutige Präsident Roland Wehrle betont vor allem das katholische Element: die Narretei als letztes Aufbäumen vor der vorösterlichen Fastenzeit. Das zeigt sich auch an der propagierten Schreibweise. Fastnacht und nicht Fasnacht soll es heißen.
100 Jahre Narrenverband
Narrentreffen
Die Narren feiern ihr Jubiläum mit einem großen Narrentreffen vom 19. bis 21. Januar bei der Plätzlerzunft in Weingarten. Es werden 12 000 Narren erwartet.
Ausstellung
„Narrenzeit – Kulturerbe Fastnacht im Wandel“, heißt der Titel einer Wanderausstellung, die durch das Jahr 2024 in Weingarten, Singen, Rottenburg und Offenburg gezeigt wird und die sich mit der Geschichte des VSAN befasst.