100 Jahre Städtische Krankenanstalten Mannheimer stolz auf Spitzenmedizin
Das Universitätsklinikum Mannheim (UMM) steht etwas im Schatten der großen Schwester in Heidelberg. Beim 100-Jahr-Jubiläum am Freitag schwingt trotzdem Stolz mit.
Das Universitätsklinikum Mannheim (UMM) steht etwas im Schatten der großen Schwester in Heidelberg. Beim 100-Jahr-Jubiläum am Freitag schwingt trotzdem Stolz mit.
Der kleine David liegt auf der Neugeborenen-Intensivstation, streckt seine Beinchen in die warme Sommerluft, und Professor Marc Sütterlin – Chefarzt der Frauenklinik – kann nicht umhin, ihm ein bisschen am Fuß zu kraulen. Vor vier Wochen kam David mit einer Zwerchfellhernie und schwerer Atemnot per Helikopter aus dem Rems-Murr-Kreis ins Uniklinikum Mannheim (UMM), jetzt sitzt sein Vater neben ihm, die „Mama“ müsse sich gerade mal ausruhen, sagt er, und ist ganz entspannt und locker. David ist über den Berg.
Die Städtischen Krankenanstalten Mannheim, am 8. Juli 1922 als eine Art Schlossanlage mit Pavillons eröffnet, galten einst als modernstes Klinikum Europas. Doch in den letzten Jahren hat die Debatte um sein Defizit und den notwendigen Neubau die Schlagzeilen beherrscht. Mannheim steht im Schatten der großen Schwester – der Uniklinik Heidelberg. Von ihr ist sie 1964 zur zweiten Medizinischen Fakultät ernannt worden und seitdem hat sich das Stadtkrankenhaus mit den 1300 Betten gemausert, ist seit 2001 selbst Universitätsklinikum. „Insbesondere bei der Versorgung von Neugeborenen haben wir für Mutter und Kind Pionierarbeit geleistet und bieten auch im europäischen Vergleich eine Spitzenmedizin an“, sagt Sütterlin. Ein Schwerpunkt sei die Fetalchirurgie. Der Begriff steht für die Operation von Babys noch im Mutterleib – und Mannheim ist dabei mit 100 Operationen im Jahr bei angeborenen Fehlbildungen deutschlandweit führend. So ist zum Beispiel in der 30. Schwangerschaftswoche bei schweren Fällen einer angeborenen Zwerchfellhernie ein Eingriff möglich. Dabei geht es um eine Lücke im Zwerchfell, durch die innere Organe nach oben drücken und das Wachstum der Lunge behindern – unbehandelt wäre die Lunge zu klein zum Atmen.
„Mit 250 Fällen im Jahr deutschlandweit ist die Zwerchfellhernie relativ selten. Als ich 1987 begann, da bedeutete sie für die Kinder noch das Todesurteil“, sagt Professor Thomas Schaible, Chefarzt der Klinik für Neonatologie. Heute gelingt es mit einer speziellen Therapie nach der Geburt, bei schweren Fällen mit einem minimalinvasiven Eingriff noch vor der Geburt die Überlebensrate nach oben zu drücken.
Ein Operateur führt ein Röhrchen durch die Bauchdecke der Mutter und die Wand der Gebärmutter, er schiebt sie über den Mund des Ungeborenen in dessen Luftröhre und öffnet dort einen kleinen Ballon. Eine diffizile Aufgabe und eine ruhige Hand des Chirurgen erfordernd. Der Effekt des Ballons ist sensationell: Wegen der verschlossenen Luftröhre kann Flüssigkeit aus der Lunge nicht abfließen, sie erhält mehr Raum und binnen zwei bis vier Wochen die Chance, sich besser auszubilden. Sind die Kinder auf der Welt, so Schaible, folge später der Eingriff eines Kinderchirurgen, der das Loch im Zwerchfell endgültig schließe. „Aus ganz Deutschland kommen Kinder zu uns, sogar aus Greifswald“, sagt der Arzt. Jede fünfte Mutter käme aus eigenem Antrieb nach Mannheim, oft nach einer Recherche im Internet über eine OP-Möglichkeit.
Für Schaible ist die Spezialisierung einer Klinik wichtig, so hat Mannheim 1987 als erste im deutschsprachigen Raum mit dem Einsatz von künstlichen Lungen (ECMO) speziell für Kinder begonnen und seither 750-mal eingesetzt. Die Kinder-ECMO kann in Mannheim bei Kindern mit Zwerchfellhernie angewandt werden, bei erworbener Atemnot, bei Lungenentzündung oder wenn Kinder bei der Geburt Kindspech verschluckten, und Schaible sagt, es sei wie ein Wunder, „wenn ein blaues Baby plötzlich rosig wird.“
Während der Coronapandemie war die ECMO für Erwachsene oft im Gespräch, insbesondere die niedrige Überlebensquote an deutschen Kliniken im europäischen Vergleich. Schaible führt sie darauf zurück, dass hierzulande auch jedes kleine, unerfahrenere Krankenhaus mit ECMO arbeiten durfte.
Spezialisiert ist das Zentrum für Fetalchirurgie auch auf Fehlbildungen, bei denen Eltern oft an einen Abbruch der Schwangerschaft denken, wenn sie im Ultraschall erkannt werden. So sind seit 2010 rund 160 Babys im Mutterleib am offenen Rücken operiert worden, da werde ein „Patch“ auf das Loch am Rückenmark aufgenäht, berichtet Marc Sütterlin, es könne sich um spezielles Gewebe aus dem Schweinedarm handeln, bei Muslimen sei auch der Einsatz von Gewebe aus dem Herzbeutel eines Rindes möglich. Auch bei gefährlichen Gefäßverbindungen von eineiigen Zwillingen im Mutterleib greifen die Fetalchirurgen ein.
Für Professor Hans-Jürgen Hennes, den Direktor der Uniklinik Mannheim, gehört die ECMO-Therapie bei Neugeborenen und die Fetalchirurgie zu einem der Aushängeschilder seines Hauses. Am Freitag findet ein Festakt zum Jubiläum der UMM statt, am Samstag ist Tag der offenen Tür. Hennes: „Mit den geplanten Neubauten auf unserem Campus und dem Verbund mit der Universitätsmedizin Heidelberg schaffen wir die Basis für eine Allianz in den Gesundheits- und Lebenswissenschaften.“ Wie der Verbund mit Heidelberg aussehen wird, nachdem eine Fusion scheiterte, steht noch nicht fest.